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Web-Fernsehkanal: Die Nato filmt zurück

Militärisch mag die Nato ihren Gegnern überlegen sein - in der Selbstdarstellung und Kommunikation dagegen nicht. Deshalb schlägt das Bündnis nun zurück. Zu Beginn des Nato-Gipfels in Bukarest startet die Allianz einen eigenen TV-Kanal namens Nato.tv.

Von Fidelius Schmid, Brüssel

Erfolg im Krieg ist auch immer eine Frage der Wahrnehmung. Das mag zynisch klingen, aber genau das referierte Israels Außenministerin Zipi Livni vor einigen Wochen nach Angriffen der Israelis im Gazastreifen. Und die Zahl der Amerikaner, die glauben, der Vietnamkrieg sei an den heimischen Fernsehbildschirmen verloren worden, ist ziemlich groß. Es gibt sogar Doktorarbeiten zur Propagandastrategie im Dreißigjährigen Krieg.

Es mag deswegen durchaus an der Zeit sei, dass auch das mächtigste Militärbündnis der Welt Geschmack an Propaganda gewinnt. Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer hat sich in den vergangenen Monaten mehrfach beschwert, die Allianz befinde sich kommunikativ in der Steinzeit. Schlecht im Kampf gegen die Taliban, die militärisch zwar teilweise im Mittelalter stecken, bei der Propaganda im Internet den Alliierten aber eher überlegen sind.

Nach Monaten des Lamentierens und der Diskussion darüber, ob die Nato Videos von Einsätzen ihrer Streitkräfte in Afghanistan freigeben soll, setzt das Bündnis nun zum Gegenschlag an: Pünktlich zum Nato-Gipfel in Bukarest startet das Bündnis seinen eigenen Web-TV-Kanal mit Nachrichten über Verteidigung, Sicherheit und vor allem: den Krieg in Afghanistan. Ein Kanal soll öffentlich zugänglich sein und über das Bündnis berichten, ein anderer soll Journalisten mit Rohmaterial für TV-Beiträge versorgen. Ein Sprecher de Hoop Scheffers nannte das vergangene Woche, "ins 21. Jahrhundert vorzurücken". Finanziert hat die Nato das mit einer großzügigen Spende der dänischen Regierung.

Nach Angaben des Nato-Sprechers ist bereits jetzt ein Kamerateam der Nato in Afghanistan, um vor dem Start des Senders Bildmaterial zu beschaffen. Insgesamt will die Nato dort in den kommenden Wochen fünf Fernsehteams ins Feld schicken.

Das Prinzip, das die Nato sich dabei zunutze macht, ist nicht ganz neu. Auch Staaten, Parteien, Unternehmen und das Europaparlament bieten vorgefertigte Filmchen an. Die EU-Kommission stellte sogar Sexszenen aus EU-geförderten Filmen auf Youtube. Dennoch: Krieg ist ernster als Kulturförderung. Ein vergangene Woche gezeigtes Demovideo des Kanals rühmte sich, dem Zuschauer demnächst "echte Fortschritte" vermitteln zu wollen. Nato.tv werde "akkurat, aktuell und engagiert" berichten. Es mag eine alte Weisheit sein - aber anlässlich dieser Aussichten vielleicht noch einmal wert sein, sie zu wiederholen: Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit. Anders wird das mit Nato.tv auch nicht.

FTD