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Weißrussland: "Für unsere Freiheit müssen wir kämpfen"

Sie trotzt den Schergen von Europas letztem Diktator, Alexander Lukaschenko. Dafür erhält die weißrussische Journalistin Irina Chalip den Henri-Nannen-Preis zur Verteidigung der Pressefreiheit.

An ihr eigenes Schicksal denkt Irina Chalip selten, wenn sie schreibt. Sie weiß, das ist naiv. Riskant. Aber es ist auf jeden Fall besser so. Der Aschenbecher auf ihrem Schreibtisch, eine alte Übungsgranate, quillt über. Ihr Kaffee ist meist kalt, aber sie trinkt ihn trotzdem, während sie über Fälle wie jenen berichtet, der sich am 20. Oktober vergangenen Jahres zugetragen hat: Die weißrussische Journalistin Veronika Tscherkassowa wurde ermordet in ihrem Apartment in Minsk aufgefunden. Ihr Körper wies 45 Stichwunden auf. Das Messer steckte noch in ihrer Brust. Weder war die Tür zu Veronika Tscherkassowas Wohnung beschädigt, noch wurde etwas gestohlen. Die alleinerziehende Mutter hinterlässt einen 15-jährigen Sohn.

Irina Chalip kannte Veronika Tscherkassowa. So wie man sich eben kennt, wenn man zum überschaubaren Kreis der unabhängigen Journalisten in Weißrussland zählt. Irina Chalip schreibt für die "Beloruskaja Delowaja Gaseta", das Handelsblatt. Veronika Tscherkassowa war Mitglied der "Solidarnost"-Redaktion. Ein Polizeisprecher äußerte sofort den Verdacht, der Mörder gehöre zu einer obskuren Sekte, über die Veronika Tscherkassowa vor Jahren berichtet hatte.

Von einer anderen Spur sagte er nichts. Die Journalistin war hinter einer Geschichte her, um die es schon seit langem Gerüchte gibt, für die aber Beweise fehlen. Dass in Weißrussland Geld aus illegalen Ölgeschäften für Saddam Hussein gewaschen wurde. Irina Chalips Recherchen zufolge hatte Veronika Tscherkassowa Kontakt zum Mitarbeiter einer Bank, der bereit war auszupacken. Das entscheidende Treffen fand nicht mehr statt.

Weißrussland wirkt

auf den ersten Blick nicht wie das Reich eines Despoten. Präsident Alexander Lukaschenko - "Europas letzter Diktator" - lässt keine riesenhaften Statuen auf öffentliche Plätze stellen. Die Anderthalb-Millionen-Hauptstadt Minsk ist sauber, mit heimeligen Parks, überschaubarer Polizeipräsenz, schicken Bars und vier McDonald's. Lukaschenko, ein bulliger Schnauzbartträger, erlässt zuweilen ziemlich alberne Gesetze: dass im Radio das Programm nur zu 25 Prozent mit ausländischer Musik bestritten werden darf. Oder dass es verboten ist, ausländische Models auf Werbeplakaten zu zeigen. "Weil", so findet Lukaschenko, "unsere weißrussischen Mädchen auch schön sind."

Einmal hat Irina Chalip ihn getroffen, 2001 auf einer Pressekonferenz. Bevor sie ihre erste Frage stellte, klimperte sie mit den Wimpern. "Alexander Grigorjewitsch", begann sie mit sanftem Tonfall, "es häufen sich Meldungen, dass es um Ihren psychischen Gesundheitszustand nicht gut bestellt ist ..." Damals war bekannt geworden, dass Lukaschenko wegen schwerer Wahnvorstellungen aus der Armee entlassen worden war. "Wollen Sie sich nicht einer Untersuchung durch eine unabhängige Kommission stellen?"

Grabesstille. Zwei Minuten. In dem Raum befanden sich Lukaschenko, sein Sekretär und zehn Journalisten. Von denen starrten neun verlegen zu Boden. Schließlich fragte Lukaschenko schnippisch zurück: "Warum sollte ich das tun?" Weil es nur Vorteile für Sie hätte", entgegnete Irina. "Würden Sie für gesund erklärt, hätten Sie es allen gezeigt. Erklärt man Sie für krank, könnten Sie im Falle eines Gerichtsprozesses wegen Menschenraubs auf mildernde Umstände plädieren."

In Weißrussland waren zu der Zeit vier Lukaschenko-Gegner spurlos verschwunden, zwei Politiker, ein Geschäftsmann und ein Kameramann. Zwei zu den USA übergelaufene Ermittler berichteten von einer Todesschwadron, die die Männer beseitigt haben soll. Nach der Pressekonferenz hetzte das Staatsfernsehen gegen Irina Chalip. Kommentatoren deuteten an, sie sei eine Trinkerin; sei nur ein williges Werkzeug des Westens; eine bedauernswerte Jungfer, die keinen Mann abbekommen habe und nicht mehr durch ihr Aussehen, sondern nur durch Beleidigungen auf sich aufmerksam machen könne.

Irina Chalip ist 37,

blond, hat grüne Augen. Eine attraktive Frau. Aber das ist ihr nicht sonderlich wichtig. Sie trägt am liebsten Jeans und ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Freiheit für Weißrussland!". Damals, nach der Pressekonferenz, glaubte sie noch, weibliche Journalisten seien dagegen gefeit, Opfer von Lukaschenkos Todesschwadron zu werden. "Wegen der Barriere, dem schwachen Geschlecht etwas anzutun", sagt sie und lacht dabei. Damals war Veronika Tscherkassowa noch am Leben.

Es hat sich viel verändert inzwischen. Friedliche Revolutionen stürzten Lukaschenkos diktatorische Kollegen in Serbien, in Georgien, in der Ukraine. Und Irina Chalip wurde zur bekanntesten Oppositionsjournalistin Weißrusslands. Sie deckte auf, wie sich korrupte Clans aus Innenministerium und Generalstaatsanwaltschaft gegenseitig um Geld und Einfluss bekriegen. Enthüllte den Zusammenhang zwischen der Inbetriebnahme einer Chemiefabrik und dem Tod eines Ex-Agenten - der war überzeugt, in der Fabrik würden irakische Chemiewaffen versteckt. Man fand ihn, erhängt in seiner Küche, mit einem auffälligen Hämatom am Schädel. Sie belegte, wie Lukaschenko im Herbst die Volksabstimmung für eine Verfassungsänderung fälschen ließ, die es ihm erlaubt, sich bis ans Lebensende wiederwählen zu lassen.

Und sie prangerte die Todesstrafe an. Weißrussland ist das letzte europäische Land, das sie noch vollstreckt - bis zu 30-mal pro Jahr. Irina Chalip schrieb darüber, wie die Verurteilten über Wochen nach festen Ritualen gequält werden, bevor man sie durch einen aufgesetzten Schuss in den Hinterkopf hinrichtet.

Im Innenministerium, so verriet ihr ein zuverlässiger Informant, wird eine Akte geführt, die Irina Chalip zur Staatsfeindin stempelt. Im Durchschnitt alle zwei Monate wird sie wegen Verletzung der Pressegesetze von der Staatsanwaltschaft vorgeladen. Ihr Büro und ihre Wohnung wurden durchsucht. Milizionäre konfiszierten ihren Computer, löschten die Festplatte. Vernehmungen dauern manchmal die ganze Nacht. Meist sind zwei Staatsanwälte anwesend. Einer, der brüllt, einer, der den Verständnisvollen gibt. Man droht ihr, sie ins Gefängnis zu stecken. Weißrusslands Generalstaatsanwalt sagte einmal: "Wir wissen, dass Ihre Mutter ein schwaches Herz hat. Ob die das überleben würde?"

"Es kostet viel Kraft, sich nicht einschüchtern zu lassen", sagt Irina Chalip. "Aber das lasse ich mir nicht anmerken. Wenn die schreien, schreie ich einfach zurück." Ein Staatsanwalt wurde von ihr geohrfeigt. Das, so beteuert sie, habe sie aber nicht als Journalistin getan, sondern als Tochter. Wenige Wochen zuvor hatten Milizionäre sie und ihren Vater auf einer friedlichen Demonstration gegen die Pläne einer Vereinigung Weißrusslands mit Russland zusammengeschlagen und beide für eine Nacht eingesperrt. Ihr Vater wurde so schwer verletzt, dass er mit Nierenschäden ins Krankenhaus musste. Der Staatsanwalt hatte sich geweigert, ein Strafverfahren gegen die prügelnden Beamten einzuleiten. Für die Ohrfeige wurde Irina Chalip zu einer Geldstrafe verurteilt.

Ihr Vater ist Drehbuchautor.

Ihre Mutter Lektorin. Irina hatte in Zeiten von Glasnost und Perestrojka Journalistik studiert und wollte damals gar nicht über Politik schreiben. Lieber über Film und Theater. Sie dachte, nach dem Ende der UdSSR käme die Demokratie von selbst. "Stattdessen kam Lukaschenko", sagt sie, "und ich habe begriffen, dass man in diesem Land noch lange für seine Freiheit kämpfen muss." Sie betrachtet Lukaschenko als ihren Gegner. Als Feind. Sie weiß, dass Journalisten neutral sein sollten. "Aber neutral heißt emotionslos. Und das ist ein Luxus, den man sich nur in einer freien Presse leisten kann. Für diesen Luxus kämpfe ich."

In Oppositionskreisen wird Irina für ihren Mut bewundert. Denn Mut ist nicht gerade die oberste Tugend weißrussischer Regimegegner. Demonstrationszüge sind selten, klein, und sie bleiben bei Rot an der Ampel stehen. Alexander Atroschankau, Sprecher der Jugendorganisation Zubr (Wisent), sagt: "Trotzdem halte ich eine Revolution nicht für unmöglich. Vielleicht sogar schon bei den Präsidentschaftswahlen nächstes Jahr. Die Unzufriedenheit wächst. Die Jungen wissen, dass sie in einem Land, in dem liberale Universitäten geschlossen werden, keine Zukunft haben. Und die Alten nehmen nicht ewig hin, dass ihre Pensionen unpünktlich gezahlt werden." Weißrussland gehört zu den ärmsten Ländern Europas. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 100 Euro im Monat.

Doch noch fehlt eine Führungsfigur, die die Massen auf die Straße bringen könnte. Lukaschenkos einziger chancenreicher Gegenkandidat, sein Ex-Minister für Außenwirtschaftsbeziehungen, sitzt im Gefängnis. Er wurde im Februar wegen angeblicher Veruntreuung von ein paar Computern zu dreieinhalb Jahren Arbeitslager verurteilt. Außerdem gibt es - anders als in der Ukraine - kein unabhängiges Fernsehen. Auf weißrussischen TV-Kanälen kann man Dialoge verfolgen wie diesen: Lukaschenko: "Ich weiß nicht, wann es regnet. Ich bin doch nicht Gott!" Ein Gouverneur: "Nein, Sie sind nicht Gott. Sie stehen noch ein Stück über ihm."

Die einzigen unabhängigen Medien in Weißrussland sind drei Zeitungen - darunter die "Beloruskaja Delowaja Gaseta". Alle anderen wurden eingestellt oder ihre Redakteure so lange eingeschüchtert, bis sie auf Lukaschenko-Kurs waren. Menschenrechtsorganisationen aus dem Ausland empfehlen Irina Chalip dringend, das Land zu verlassen. Sie befürchten, dass Lukaschenko bis zu den Wahlen 2006 versuchen wird, auch noch seine letzten Kritiker loszuwerden. Mit allen Mitteln. Sie erinnern daran, was mit Veronika Tscherkassowa passiert ist.

Deren Mörder wurde

bis heute nicht gefasst. Ein Sprecher der Miliz erklärte jüngst im Fernsehen, nach eingehenden Ermittlungen halte man Tscherkassowas 15-jährigen Sohn für hauptverdächtig. Er lebt inzwischen bei seinem Vater in Moskau. Irina Chalip recherchierte, dass der Junge zur Tatzeit gar nicht zu Hause war, sondern in der Schule.

"Nein", sagt sie, "dass ich hier weggehe, kommt gar nicht infrage. Meine Heimat ist Weißrussland. Ein freies und demokratisches Weißrussland."

Andreas Albes