VG-Wort Pixel

Wende im Fall Strauss-Kahn Die Verwandlung der Nafi Diallo


Der Fall Strauss-Kahn entwickelt sich zur Soap-Opera. Aus dem Opfer wird binnen Stunden ein anderer Mensch. Die unglücklichste Rolle aber hat die Staatsanwaltschaft.
Von Martin Knobbe, New York

Wie schnell es doch gehen kann, dass man ein anderer Mensch wird. Manchmal braucht es nur eine Nacht. Eben war Nafissatou Diallo noch das zurückhaltende und zuverlässige Zimmermädchen aus dem New Yorker Luxushotel Sofitel, eingewandert aus dem von Gewalt geschüttelten Guinea, eine gläubige Muslima, deren einziges Ziel es war, ihrer 15-jährigen Tochter ein Leben zu bereiten, das besser sein sollte als ihr eigenes. Eben noch war sie eine Frau, die detailliert und widerspruchsfrei erzählte, wie sie beim Saubermachen der Suite 2806 von einem nackten Chef des Internationalen Währungsfonds, angefallen und zweimal zum Oralsex gezwungen worden war. So glaubhaft, dass Cyrus Vance, der höchste Staatsanwalt Manhattans, immer wieder betonte, wie seriös die Zeugin doch sei. Wie das fleißige Goldmariechen war sie, Nafissatou Diallo, das bekannteste Zimmermädchen der Welt. Mutig nahm sie es mit einem der ganz Großen auf: mit Dominique Strauss-Kahn. Sie hatte die Sympathien auf ihrer Seite. Das galt bis Donnerstagabend. Am Freitagmorgen war Nafissatou Diallo in der öffentlichen Wahrnehmung eine andere Frau.

Eine, die offenbar mit einem Drogendealer liiert war und Hunderttausende Dollar auf verschiedenen Konten liegen haben soll. Die bei ihrem Asylantrag für die Vereinigten Staaten und bei Angaben zu ihren Einkünften geschwindelt haben soll. Die plötzlich erzählte, sie habe nach der Vergewaltigung noch weitergeputzt, bevor sie ihre Vorgesetzten alarmiert habe. Und die 28 Stunden später einen befreundeten Drogendealer in einem Gefängnis Arizonas angerufen und gesagt haben soll: "Mach Dir keine Sorgen. Der Typ hat viel Geld. Ich weiß, was ich tue", soll auf einer Aufnahme zu hören sein.

Im US-Rechtssystem steht die Justiz im Mittelpunkt

Goldmarie wurde zur Pechmarie - im Handumdrehen. Nafissatou Diallo hat nun den Ruf, die größte Lügnerin der Welt zu sein.

Es ist ja nichts Neues, dass in den USA manches Strafverfahren die Dramaturgie einer Soap Opera annimmt. Wer eben noch der Liebling war, wird kurzerhand zur persona non grata erklärt. Gut wird Böse, Böse wird Gut, gerne auch im schnellen Wechsel. Die Verhandlung gegen O.J. Simpson ist dafür das bekannteste Beispiel. Obwohl einst alle Beweise dafür sprachen, dass der amerikanische Football-Star seine Frau ermordet hatte, wurde er nach einem quälend langen Strafprozess dann doch freigesprochen. Es liegt am Justizsystem des Landes, in dessen Mittelpunkt die Jury steht, ein Laiengremium, das am Ende eines Prozesses über schuldig oder nicht schuldig befindet. Weil die Juroren nicht geimpft sind gegen öffentliche Einflussnahme, tun die Anwälte alles, um sich dieser zu bemächtigen. Notfalls versuchen sie es mit schmutzigen Tricks.

Staatsanwälte schwächen sich selbst

Das besondere am Fall Strauss-Kahn aber ist, dass nicht seine Verteidiger die Dramaturgie vorgeben, nicht die Detektive, die von ihnen engagiert wurden, um das Leben der Frau auszuspionieren, auch nicht die Anwälte des mutmaßlichen Opfers: Es waren die Staatsanwälte selbst, die über ihre Hauspostille "New York Times" verkünden ließen, sie seien sich ihrer Sache doch nicht mehr so sicher. Das Blatt sah bereits den "Zusammenbruch" des Verfahren voraus und schrieb von "grundlegenden Offenbarungen" der Zeugin. Vor wenigen Tagen noch hatte es in seinen Artikel die hohe Glaubwürdigkeit der Frau besungen.

Am nächsten Tag wurde Dominique Strauss-Kahn aus seinem Hausarrest entlassen. Er lächelte, als er den Haftprüfungsraum verließ.

Kein Beweis für die Tat ist widerlegt

So gutgläubig die New Yorker Staatsanwälte am Anfang gewesen sein mögen, so radikal wenden sie sich nun von ihrer Zeugin ab. Weder das eine noch das andere spricht von großer Professionalität. Selbst wenn Nafissatou Diallo in ihrem Leben schon oft gelogen hat, selbst wenn sie sich mit Kriminellen umgab und selbst wenn sie zusammen mit einem Freund überlegte, aus dem Vorfall Kapital zu schlagen, so muss das noch lange nicht heißen, dass sich die Vergewaltigung nicht so zugetragen haben kann, wie sie es behauptet. Es wäre die Aufgabe der Ankläger, an ihrer Zeugin so lange festzuhalten, bis es tatsächlich Zweifel an der Tat gibt.

Doch diese Rolle muss nun Nafissatou Diallos Anwalt, Kenneth Thompsen, übernehmen. Sichtlich verärgert erinnerte er nach dem Haftprüfungstermin unter freiem Himmel daran, dass es harte Beweise für die Gewalttat gebe. Hämatome an der Vagina der Frau, eine verletzte Schulter, Spuren von Strauss-Kahns Samen im Hotelzimmer, am Teppich und an der Wand. Es sei alles einwandfrei dokumentiert. Mit ihrem Eingeständnis, in ihrer Biografie gelogen zu haben, sei sie von selbst zur Polizei gegangen. "Es ist richtig, dass das Opfer Fehler gemacht hat", sagte Thompsen, "aber das heißt nicht, dass es nicht das Opfer einer Vergewaltigung war." Die Hubschrauber der Fernsehanstalten knatterten tief über dem Gerichtsgebäude. Man konnte die Worte des Anwalts kaum verstehen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker