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Interview des Ex-Verteidigungsminister: Wieso ausgerechnet der General "Mad Dog" Jim Mattis die Wiederwahl Trumps verhindern könnte

"Ich hatte keine Wahl, ich musste gehen". Acht Monate nach seinem Rücktritt, bricht Trumps ehemaliger Verteidigungsminister Jim Mattis erstmals sein Schweigen. Die indirekten Äußerungen, zeigen, was den angesehenen General bewegt und welche Gefahr er für Trump darstellt.

Jim Mattis spricht zu seinen Truppen während der blutigen Schlacht um Falludscha im Jahr 2004.

Jim Mattis spricht zu seinen Truppen während der blutigen Schlacht um Falludscha im Jahr 2004.

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Der ehemalige US-Verteidigungsminister Jim Mattis hat, erstmals nachdem er die Trump-Regierung verlassen hatte, sein Schweigen gebrochen – zumindest ein wenig. Mattis gilt als einer der fähigsten und angesehensten Militärs seiner Generation. Von der Truppe und insbesondere dem Marine Korps, aus dem er stammt, wird der 71-Jährige geradezu kultisch verehrt.

Zwei gegensätzliche Spitznamen hatte Mattis in seiner Laufbahn. Der erste lautet "Mad Dog", ihn fütterte er mit Aussprüchen, die alles andere als politisch korrekt sind – wie etwa "Sei höflich, sei professionell, aber habe einen Plan, jeden zu töten, den du triffst." Der andere lautet "Warrior Monk" – er spielt darauf an, dass Mattis sein gesamtes Leben dem Dienst im Militär und an der Nation untergeordnet hat.

"Mad Dog" Jim Mattis: Die irren Sprüche des US-Verteidigungsministers
I come in peace. I didn’t bring artillery. But I’m pleading with you, with tears in my eyes: If you fuck with me, I’ll kill you all.        Ich komme in Frieden. Ich habe keine Artillerie dabei. Aber ich flehe euch mit Tränen in meinen Augen an: Wenn ihr mich verarscht, bringe ich euch alle um.

I come in peace. I didn’t bring artillery. But I’m pleading with you, with tears in my eyes: If you fuck with me, I’ll kill you all.


Ich komme in Frieden. Ich habe keine Artillerie dabei. Aber ich flehe euch mit Tränen in meinen Augen an: Wenn ihr mich verarscht, bringe ich euch alle um.

Mit seiner Art von Pflichtauffassung war der General eine Ausnahme im Kabinett von Trump. Auch seinen Abschied gestaltete Mattis nach seinen eigenen Maßstäben und nicht nach denen von Trump. Insofern war es wenig überraschend, dass sich der General mit Äußerungen über den Präsidenten strikt zurückhielt. Nach acht Monaten ließ er aber erstmals durchblicken, dass dieses Schweigen nicht von Dauer sein werde. Jeffrey Goldberg konnte Mattis für "The Atlantic" einige Äußerungen entlocken. Es sind indirekte Äußerungen und belesene Anspielungen, aber aus ihnen geht hervor, was den General bewegt und sie zeigen, wieso ausgerechnet Jim Mattis die Wiederwahl Trumps verhindern kann – sollte er sein Schweigen brechen.

Das Dilemma des Patrioten

Leicht macht es sich Mattis nicht. Auch jetzt soll er gezögert haben, als er nach Trump gefragt wurde. Dann erklärte der General seine Position. Für ihn ist der Präsident vor allem der Oberkommandierende. Es sei nicht angemessen, in der Öffentlichkeit über Meinungsverschiedenheiten mit dem Präsidenten zu sprechen. Ein Angriff auf den Präsidenten könnte das Land schwächen, obwohl Trump "vielleicht nicht wie ein Oberbefehlshaber agiere, wenn wir es mit echten Bedrohungen zu tun haben". Mattis bemühte den französischen Begriff des "devoir de réserve" – der Pflicht zur Zurückhaltung. "Wenn Sie eine Regierung verlassen, schulden Sie etwas Schweigen", sagte der General, "Wenn man eine Regierung wegen deutlicher politischer Differenzen verlässt, muss man den Menschen, die noch da sind, so viel Gelegenheit wie möglich geben, das Land zu verteidigen".

Mattis trat von seinem Amt zurück, weil er mit Trump in wichtigen Fragen nicht übereinstimmte. Dazu gehört die Entscheidung des Präsidenten, sich aus Syrien und Afghanistan zurückzuziehen, und auch dessen Nordkorea-Politik. "Ich tat alles, so gut ich konnte und so lange ich konnte. Als meine konkreten Lösungen und strategischen Ratschläge, insbesondere wenn sie das Vertrauen auf unsere Verbündeten betrafen, nicht mehr ankamen, war es Zeit für den Rücktritt."

Ein zermürbendes Amt

Beobachter sagten "The Atlantic", dass Mattis vor dem Rücktritt sehr angestrengt gewirkt habe. Seine Rolle wurde zuletzt immer schwerer. Seine Mitarbeiter erklärten später, dass Mattis dachte, der Präsident sei von begrenzter geistiger Leistungsfähigkeit und auch sonst von einem zweifelhaften Charakter. Nach dem Abgang des Außenministers Rex Tillerson wurde Mattis Position in der Regierung immer isolierter.


"Ich hatte keine andere Wahl, als zu gehen", sagte Mattis dem Magazin. "Ich will, dass die Leute verstehen, warum ich nicht bleiben konnte. Ich wurde durch vier Jahrzehnte Erfahrung geformt und konnte diese Dinge einfach nicht mehr miteinander in Einklang bringen." Eine berühmte Ansprache an die Truppen in Jordanien zeigte die Zwangslage von Mattis vor dem Rücktritt. In dem Youtube-Video von der Begegnung sagte Mattis den Soldaten: "Unser Land hat im Moment Probleme, die wir im Militär nicht kennen. Ihr müsst die Stellung halten, bis unser Land wieder dazu findet, einander zu verstehen und einander zu respektieren."

Goldstein konnte Mattis nur wenige Sätze entlocken und dies, obwohl sich die beiden seit Jahren schätzen und der Journalist sich in der Gedankenwelt des Generals bewegen kann. Sein Versuch, Antworten von der Festung Mattis zu bekommen, verglich er mir der – missglückten Landung der Alliierten bei Gallipoli im Ersten Weltkrieg. Eine Anspielung, die Mattis gefallen wird. Zu den Tweets Trumps über seinen "Freund Kim" sagte Mattis. "Jeder General der Marine oder jeder andere leitende Diener des Volkes der Vereinigten Staaten würde feststellen, dass, um einen milden Euphemismus zu verwenden, so etwas kontraproduktiv ist und unter der Würde der Präsidentschaft liegt".

Extreme Gegensätze

Ohne es direkt auszusprechen, wird in dem ganzen Interview deutlich, wie sehr der Charakter des Präsidenten Mattis zuwider ist. Mattis selbst hat nie vor militärischer Gewalt zurückgeschreckt, auf ihn gehen auch Einsätze zurück, die wegen der unmenschlichen Art der Kriegsführung sehr umstritten sind. Er ist weder ein weicher Mann noch ein Träumer. Aber John Mattis ist auch kein archaischer Krieger, er ist ein Mann der Bücher und der Gedanken, der sich souverän in den Klassikern der politischen und militärischen Literatur bewegt. Und als solcher hat der General verstanden, dass die Stärke der großen Reiche sich nie allein aus der Kraft ihres Militärs und ihrer Wirtschaft speiste, sondern aus ihrer Fähigkeit, um sich herum eine Gruppe von Verbündeten zu scharen.

Trumps ostentative Verachtung alter Verbündeter und seine Unfähigkeit, den Wert langer strategischer Allianzen unabhängig von tagesaktuellen Streitfragen zu erkennen, muss einen Mann wie Mattis im Innersten erschüttern, denn der Umgang des Präsidenten mit den Alliierten wird über die Dauer seiner Präsidentschaft hinaus die Weltordnung der Pax Americana erschüttern. "Ich habe ein ganzes Buch geschrieben, das auf den Prinzipien basiert, deine Soldaten zu respektieren, einander zu respektieren und deine Verbündeten zu respektieren. Ist es nicht ziemlich offensichtlich, wie ich mich bei so etwas fühle?" Mattis zitierte einen Ausbruch Lincolns – mitten im Hass des Bürgerkrieges: "Mit Bosheit gegen niemanden, mit Nächstenliebe für alle." Das glatte Gegenteil der spaltenden Trump-Ära. Er werde nicht für immer schweigen, sagte Mattis in dem Interview. "Es gibt eine Zeit, in der ich schweigen werde", sagte der General. "Es ist nicht ewig. Es wird nicht für immer sein."

Klare Wort statt gelehrter Anspielungen

Die Hoffnung von Goldstein und mit ihm wohl des liberalen Amerikas besteht nun darin, dass der General sein Schweigen vor der nächsten Wahl brechen wird. Jeffrey Goldberg kennt die schwache Seite des Warrior Monks: Patriotismus und Pflichtgefühl. Beides werde dazu führen, so die Hoffnung, dass Mattis die Antwort auf eine zentrale Frage nicht länger für sich behalten wird: "Ist Trump fähig, das Amt des Oberkommandierenden auszuüben?"

Welche Antwort der Warrior Monk Jim Mattis geben wird, darüber kann es nach all den Andeutungen und belesenen Anspielungen keinen Zweifel werden. Irgendwann wird der General aus dem Rückzugsraum seines Junggesellenhauses, das eigentlich eine Bibliothek ist, heraustreten und seine Ansichten in den klaren Worten des ehemaligen Marine aussprechen, und nicht aus den Meditationen des römischen Kaisers Marc Aurel zitieren. Kein lebender Militär genießt in den USA ein Ansehen wie Jim Mattis und das in eher konservativen Gruppen. Wenn der General sagen würde, "Nein, Trump ist nicht fähig das Amt des Oberkommandierenden zu bekleiden", dann wird es sehr eng für Donald Trump werden. Und zumindest nach Meinung von Jeffery Goldberg schuldet der alte General seinem Land diesen letzten Dienst.

Quelle: The Atlantic

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