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Wirtschaftskrise in Großbritannien: "Niemand hat nein gesagt"

Eine Chefsekretärin erzählt, weshalb sie keinen Job mehr hat, aber 300.000 Euro Schulden. Und ein arbeitsloser Schreiner stellt das Geschäftsmodell vor, mit dem er künftig Frau und vier Kinder ernähren will. Zwei Schicksale aus einem Land, dessen Regierung ewigen Aufschwung versprach und nun ziemlich blamiert dasteht.

Von Cornelia Fuchs

Das Auto ist meine Sicherheit", sagt Suzanne Brereton. Sollte sie ihr Haus verlieren, dann könnte sie immer noch im Wagen schlafen. Wie eine Trutzburg steht der Landrover vor dem Gartentor. Wenn sie mit dem Geländewagen durch Sevenoaks fährt, scheint sie noch teilzuhaben an der Erfolgsgeschichte der kleinen Stadt im südlichen Speckgürtel von London, dem Pendlerparadies der Londoner Finanzindustrie.

Tatsächlich gehört Suzanne der Landrover genauso wenig wie die Doppelhaushälfte mit dem großen Wintergarten. Weit über umgerechnet 300.000 Euro Schulden hat Brereton bei ihrer Bank, bei einem Autohändler und auf verschiedenen Kreditkarten. Jeden Monat müsste sie mehr als 2000 Euro abstottern. Doch seit anderthalb Jahren hat sie keine Arbeit mehr und lebt von ihrer vorgezogenen Rente, keine 200 Euro sind das im Monat. Dazu bekommt sie 24 Euro Arbeitslosengeld in der Woche und 23 Euro für das Austragen der Lokalzeitung jeden Donnerstag. Ihre Ersparnisse sind längst aufgebraucht.

Bis zum Tag ihrer Entlassung im Dezember 2007 war Suzanne Brereton ein Paradebeispiel für den Erfolg des neuen Großbritanniens, das auf eine deregulierte Finanzindustrie und rasant wachsenden Konsum setzte. Die Labour-Regierung verkündete kurz nach ihrer Machtübernahme 1997, dass sie Bürger gern stinkreich werden lassen wolle. Der heutige Premier Gordon Brown entließ damals als Schatzkanzler die britische Zentralbank in die Unabhängigkeit, wo sie prompt für billige Kredite sorgte.

Die Immobilie als Geldautomat

Alles schien möglich in den Jahren nach 1997: Es war der dauerhafteste Aufschwung in Großbritannien seit mehr als 200 Jahren, die Inflation so niedrig wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr, die Zahl der Beschäftigten so hoch wie nie. Brereton, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, verfügte als Sekretärin des Vorstandes der Bank of New York über ein Gehalt von 62.000 Euro im Jahr plus Bonus- und anderen Sonderzahlungen. Sie kaufte ein Haus in einer von Bäumen gesäumten Straße in Sevenoaks. Dessen Wert verdreifachte sich fast bis Ende 2007.

Brereton machte, was ganz normal war in dieser Boomzeit - sie benutzte ihre Immobilie als Geldautomat und nahm immer neue Kredite auf das Haus auf. Sie baute einen Wintergarten an und kaufte stets die neuesten Automodelle. Ein Gärtner passte auf ihren Garten auf, und Au-pairs kümmerten sich um ihre Kinder, die sie nach 16-Stunden-Arbeitstagen unter der Woche selten sah. Dafür las sie ihrem Sohn und ihrer Tochter jeden Wunsch von den Augen ab, Playstation, neue Fahrräder, Urlaub in Florida - Suzanne zahlte, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte. Auch sich selbst gönnte sie jedes Jahr einen Single-Urlaub in der Karibik.

"Heute wünschte ich natürlich, ich hätte nicht so viel Geld ausgegeben", sagt Suzanne Brereton. "Aber ich war es halt gewohnt, dass niemand jemals Nein gesagt hat - ich bekam jeden Kredit sofort." Jetzt hat sie Angst vor dem Klingeln des Telefons, immer wieder rufen ihre Gläubiger an: "Manche sind ganz vernünftig, die begnügen sich mit Zahlungen von einem Euro im Monat. Da kriegen sie wenigstens ein bisschen was zurück." Sie sagt, die Situation zerstöre ihre Seele: "Ich hätte nie gedacht, dass ich so schnell so weit hätte abrutschen können."

Aus der Traum

Suzanne war nicht die Einzige, die sich für immer auf der Sonnenseite des Lebens wähnte. In Dutzenden Reden hämmerte Gordon Brown den Briten ein: "Die Achterbahnfahrt von Boom und Pleite wird es nicht mehr geben!" Als Schatzkanzler versprach er, dass es nie wieder hohe Arbeitslosigkeit geben werde in Großbritannien, nie wieder ausufernde Inflation, nie wieder wirtschaftliche Verwerfungen. Die Labour- Regierung habe alles im Griff. Brown hat es geschafft, er ist heute Premierminister. Aber seine Regierung hat nichts mehr im Griff.

Als Brereton ihre Arbeit verlor, weil ihr Chef nach New York abberufen wurde, freute sie sich zunächst auf eine kleine Auszeit vom täglichen Pendeln in überfüllten Zügen. Nicht eine Sekunde dachte sie daran, dass sie keinen neuen Job finden würde. In den Jahren des Aufschwungs wurden gute Chefsekretärinnen in der Finanzwelt händeringend gesucht. Doch dann hagelte es Absagen. Zu viel Erfahrung habe sie mit ihren 53 Jahren, hieß es, wenn sie überhaupt eine Antwort auf ihre weit über 300 Bewerbungen bekam. "Alt und ein bisschen übergewichtig - das war's", sagt Brereton.

Im Mai 2008 beauftragte sie einen Makler mit dem Verkauf ihres Hauses, 395.000 Euro sollte es kosten. Aber niemand wollte es haben. In Sevenoaks mit seinen knapp 30.000 Einwohnern waren Häuser in den Boomjahren so teuer wie in London, oft überboten sich die Käufer gegenseitig. Baufirmen rissen sich um Grundstücke, große Bauzäune stehen in der unmittelbaren Nachbarschaft des kleinen Bahnhofes, von dem bis zu zwölf Züge stündlich nach London fahren. Apartments sollten hier gebaut werden, mit Marmorbädern und ausladenden Dachterrassen. Doch die Projekte sind auf Eis gelegt, es finden sich keine Käufer mehr.

Aussichtslose Situation

Brereton hat den Preis für ihr Haus schon um 80.000 Euro gesenkt, Interessenten blieben trotzdem aus. Die Bank klagte auf Zwangsversteigerung, das Gericht gab Brereton einen Aufschub, wenn sie ab sofort zumindest die Zinsen zahlt, etwa 570 Euro im Monat. Wo sie dieses Geld auftreiben soll, weiß Suzanne nicht. Aus einem Notprogramm der Regierung für Hausbesitzer mit temporären Geldproblemen bekommt sie zwar einen Zuschuss, aber der orientiert sich am Originalpreis des Hauses - die zusätzlichen Kredite, die Suzanne über die Jahre auf den vermeintlichen Wertzuwachs aufgenommen hat, werden dabei nicht berücksichtigt.

Ihrer Tochter, 16 Jahre alt, ist die Situation der Familie so peinlich, dass sie nicht mehr zur Schule geht, nicht mehr neben Mitschülern sitzen will, die immer noch in die Karibik fliegen, als hätte es nie eine Krise gegeben. Sevenoaks kennt keine Armut. Der Herrenausstatter Horncastles, gegründet 1888, hat feine Kricketkleidung in den Schaufenstern, bei den Autohändlern werden die Ferraris, Maseratis und Jaguar Cabrios gewachst, die Privatschule baut neue Gebäude, ein Schuljahr kostet hier mindestens 18.000 Euro.

Seit Jahren hat Sevenoaks kein Arbeitsamt mehr, das Städtchen war Vollbeschäftigung gewohnt. Jetzt sind mehr als 1000 Menschen arbeitslos gemeldet. Im Bürgerberatungsbüro bei Holly Hearle mehren sich die Ratsuchenden, die über eine Million Euro Schulden haben, ein Haus, das keiner kaufen will, und keine Aussicht, schnell wieder einen gut bezahlten Job zu finden. "Ihre Lage ist völlig hoffnungslos", sagt Hearle. "Denen bleibt nur die Insolvenz."

Von der Möbelfabrik zum Tante-Emma-Laden

Steve Hunt, 32, hat wenig Verständnis für solche Sorgen: "Mit diesen Krediten und diesem ganzen Konsum, das war doch alles völlig verrückt." Hunt ist Schreiner in einem Dorf nördlich von Hull. Auch er ist ein Opfer der Finanzkrise, die Möbelfabrik, in der er arbeitete, hat ihn kurz vor Weihnachten entlassen.

Seit den 80er Jahren gingen in Hull Zehntausende Jobs im Hafen und in der Fischerei verloren. Die Arbeitslosigkeit war hier, im Nordosten Englands, stets höher als im Landesdurchschnitt. In den vergangenen zwölf Monaten wurden mehr als 1500 Arbeiter in der Wohnwagenindustrie entlassen, die Arbeitslosigkeit bei Handwerkern hat um über 200 Prozent zugenommen. Heute kommen 22 Bewerber auf jedes neue Jobangebot.

Steve ging gar nicht erst zum Arbeitsamt, um sich dort seine 68 Euro Arbeitslosengeld pro Woche abzuholen. Stattdessen nahm er sein Erspartes, knapp 2200 Euro, baute Regale und einen neuen Motor in seinen weißen Renault-Lieferwagen ein. Der ist nun ein Tante-Emma-Laden auf Rädern - "Steve's Mobile Shop". Jeden Tag sitzt er nun von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr abends inmitten von Zeitungen, Süßigkeiten, Shampoo und Grillkohle und wartet auf Kunden.

Bisher läuft es ganz gut, die meisten Dörfer draußen vor Hull haben weder Supermarkt noch Postfiliale, und immer mehr Leute wollen sich das Benzingeld für Fahrten zu den großen Supermärkten sparen. Am Anfang hat Steve das ständige Warten verrückt gemacht. "Aber jetzt geht es", sagt er. Seine Frau Emma, 42, räumt Milchflaschen in den Kühlschrank. Sie besorgt den Nachschub, sucht jede Woche in der Umgegend nach den billigsten Angeboten für Eier und Brot, jeder eingesparte Penny zählt.

Vorsichtige Finanzplanung

Die Hunts haben nie über ihre Verhältnisse gelebt. "Jeder wollte einkaufen, ständig neue Klamotten, genau wie die Stars im Fernsehen", sagt Steve. "Das konnte doch nicht gut gehen." Das Haus, in dem er lebt, ist fast abbezahlt, die Küche hat er selbst eingebaut, er streicht immer noch gern über das hellblau gestrichene Holz. Kreditkarten hat er keine. Er wird sich mit seiner Frau und den vier Kindern in diesem Jahr einen Urlaub leisten können, eine Woche Griechenland. Gebucht haben sie schon, pauschal mit Frühbucherbonus. Den Gewinn seines Geschäftes, sagt Steve, will er in einen neuen Lieferwagen investieren, mit dem dann seine Frau über die Dörfer fahren wird. Vielleicht reicht es irgendwann noch zu einem dritten Wagen, Geld leihen wird er sich dafür nicht.

Die vorsichtige Finanzplanung der Familie Hunt ist eine Ausnahme, auch in Hull, der Stadt mit dem niedrigsten Durchschnittslohn in ganz England. Die Menschen wollten dem Lebensstil nacheifern, der ihnen vor allem in London und in den anderen Wachstumszentren im Süden vorgelebt wurde, wo die meisten jener sechs Millionen neuen Jobs in der Service-Industrie entstanden, auf die Labour im vergangenen Jahrzehnt so stolz war. 78 Prozent der Wirtschaftsleistung im Land beruhen auf Dienstleistungen, nur noch 14 Prozent auf Industrieproduktion.

Darbende Industriestädte sollten nach Labours neuen Lehrsätzen mit Einkaufszentren gerettet werden. In Hull verkündete der Stadtrat Anfang 2007, dass auf dem verfallenen Areal des Obstgroßmarkts direkt am Hafen für rund 150 Millionen Euro neue Geschäfte, Büros und Apartments gebaut würden.

Eine Stadt in Not

Dann kam die Rezession. Der Bauträger zog sich im Februar zurück. "Nun kann die Stadt froh sein, wenn sie genug Geld zusammenbekommt, um die vergammelten Lagerhallen abzureißen", sagt Richard Kendall, Politikexperte der Handelskammer in Hull. Die kurze Zeit der Euphorie hat der Stadt ein blitzendes neues Einkaufszentrum direkt neben dem Bahnhof verschafft, in dem sich die üblichen Filialen von H & M bis The Body Shop angesiedelt haben. Viele Besucher schlendern durch die hohen Hallen mit dem schönen Glasdach, doch kaum einer trägt Tüten hinaus.

In der Innenstadt, nur wenige Hundert Meter weiter, stehen viele Geschäfte leer, auf Plakaten locken die Besitzer der Immobilien mit kostenlosen Gewerbemieten, damit endlich jemand die Räume belegt und pflegt. Ein Drittel aller Haushalte in Hull hat ein Einkommen von weniger als 11.000 Euro im Jahr. Das hat sich in all den Jahren des Aufschwungs nicht geändert.

Trotz eines Jahrzehnts ambitionierter Wirtschaftsförderung hat sich der Abstand zwischen erfolgreichen Städten vor allem im Süden und den ehemaligen Industriezentren im Norden weiter vergrößert. Der Gewerkschafter Shaun Clarkson erzählt, dass Bewerber sich im Kampf um eine Arbeitsstelle inzwischen sogar gegenseitig unterbieten müssen: "Da gibt es dann eine Stelle, die für 20.000 Euro im Jahr ausgeschrieben war, aber beim Bewerbungsgespräch heißt es, dass jemand den Job auch für 16.000 Euro machen würde - um wie viel würde unser Gewerkschaftsmitglied denn heruntergehen?"

Die Angst vor dem Absturz

Gerade haben Clarkson und seine Kollegen aufgedeckt, dass Betriebsräte von Arbeitgebern in der Region auf eine schwarze Liste gesetzt wurden. Jetzt haben viele Arbeiter Angst, ihre geringen Chancen auf eine Arbeitsstelle ganz zu verspielen, wenn sie sich gewerkschaftlich organisieren. Er sieht daher auch keinen "Sommer der Wut" heraufziehen, der von manchen Politikexperten in London angesichts vereinzelter Streiks am Anfang des Jahres heraufbeschworen wurde. Es sei viel schlimmer, sagt Clarkson: "Die Leute geben sich auf!" In manchen Bezirken in Hull liege die Wahlbeteiligung bei etwas über zehn Prozent: "Alle haben gewartet, dass der Champagner aus London bis hierher durchgereicht wird. Er ist nie angekommen."

Etwa 1,8 Billionen Euro Schulden hatten die Privathaushalte in Großbritannien 2008. Aber wenn es nach Experten wie Jamie Dannhauser von der makroökonomischen Beratungsagentur Lombard Street Research geht, sollen sie so schnell wie möglich wieder anfangen zu konsumieren. Wo schneller wieder eingekauft wird, gehe es schneller wieder bergauf.

Die Frage bleibt, wo die verschuldeten Briten das Geld herholen sollen. Die Finanzkrise hat die Angst vor dem Absturz in viele Haushalte einziehen lassen. In Sevenoaks, der kleinen Stadt, der es über ein Jahrzehnt so gut ging wie nie zuvor, ist im Februar das erste Mal ein Kandidat der ultrarechten British National Party in den Stadtrat gewählt worden - auf einen Sitz, der bisher fest in den Händen von Labour war. Keine guten Aussichten für die Partei von Premier Brown, der den Abschwung in Großbritannien abschaffen wollte.

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