Wladimir Schirinowski Ein Politclown schießt scharf


Eigentlich sind die russischen Präsidentschaftswahlen eine traurige Angelegenheit. Mit dem treuen Putin-Gefolgsmann Dimitri Medwedew steht der Sieger schon fest. Nur einer sorgt für Abwechslung: der Rechtspopulist Wladimir Schirinowski - als Politclown und Ballermann.
Von Andreas Albes, Moskau

Neulich saß Dmitri Medwedew bei seinem Wahlkampfteam und sprach darüber, wer sich in den Medien zurzeit so alles über seine Person äußert. Er verfolgt das genau, denn er bekommt täglich Zeitungsausschnitte vorgelegt und surft im Internet. "An der Universität hatten wir früher so zwei merkwürdige Typen mit Spitznamen Sherlock Holmes und Dr. Watson", erzählte er gut gelaunt und ohne die Identität zu nennen, "mit denen hatte ich am wenigsten von allen zu tun, aber die reden jetzt am meisten über mich".

Russlands zukünftiger Präsident ist entspannt. Für die bevorstehende Wahl werden ihm 75 Prozent der Stimmen vorausgesagt. Das wären mehr als Putin 2004 errang (71 Prozent). Nicht, dass der erst 42-jährige Medwedew den Präsidenten an Beliebtheit überflügelt hätte. Er schwimmt einfach mit auf dessen Welle der Popularität, schließlich hat Putin angekündigt unter Medwedew als Premierminister zu dienen. Die einzige Sorge, die den Nachfolger umtreibt, ist die Wahlbeteiligung. Lächerlich gering könnte sie ausfallen, weil an dem Endergebnis ja doch nichts mehr zu ändern ist.

Reisemarathon durch die Regionen

Um die Wähler doch zu mobilisieren, absolviert der mit seinen 1,65 Metern zierlich wirkende Kandidat einen Kampagnen-Reisemarathon durch die Regionen: Im ehemaligen Stalingrad trank er mit Kriegsveteranen Wodka, in Sotschi lief er mit Weißrusslands Präsident Lukaschenko Ski, bei den Fischern von Murmansk informierte er sich über die Lage in der Barentsee und saß dann irgendwo im fernen Osten, leger im "Putin-Look" (schwarzes Sakko, schwarzer Rolli), mit Lokaljournalisten beim Tee, um über Wohnungsbau zu sprechen.

Unter Protest der Opposition werden sämtliche Ausflüge offiziell als Dienstreisen deklariert, was der Kreml damit begründet, dass Medwedew ja amtierender Vizepremier sei. Er startet jedes Mal vom Moskauer Regierungsflughaben Wnukowo II und ist in Putins Präsidenten-Maschine Il-96 der Staatsfluglinie "Rossija" unterwegs. Zusätzlich folgt ihm ein zweites Flugzeug, das mit dem Kreml treu ergebenen Reportern, Kameraleuten und Fotografen besetzt ist. Und so ist es kein Wunder, dass mehr als die Hälfte der TV-Berichterstattung über die Bewerber um das Präsidentenamt auf Medwedew entfällt.

Die übrigen Kandidaten werden ignoriert

Die übrigen Kandidaten werden von ihm einfach ignoriert, etwa, indem er sich weigert, in TV-Debatten gegen sie anzutreten. Ein wirklicher Gegner (schon intellektuell betrachtet) ist allerdings ohnehin nicht mehr darunter. Der einzig ernstzunehmende Oppositionskandidat, Ex-Regierungschef Michail Kasanow, wurde schon vor Wochen von der Wahl ausgeschlossen; wegen angeblicher Unterschriftenfälschungen während des Registrierungsverfahrens. Der Kommunist Gennadi Sjuganow, im Jahr 2000 noch von 29 Prozent gewählt wurde, dürfte in diesem Jahr nicht mal zehn Prozent erreichen, weil seine Wählerschaft schlicht und ergreifend ausstirbt. Und so ist der russische Wahlkampf insgesamt eine ziemlich traurige Angelegenheit.

Der einzige, dem vor allem die Boulevardpresse noch Aufmerksamkeit schenkt, ist Rechtspopulist Wladimir Schirinowski, 61. Kürzlich traf er im TV-Sender "Swesda" (Stern), ein Propagandakanal der russischen Armee, auf einen Sprecher der "Demokratischen Partei" - was anschließend weltweit für Aufsehen sorgte. Die "Demokratische Partei" ist eigentlich nicht wichtig, sie wird bei den Präsidentschaftswahlen von einem Tanzlehrer mit langen, gegelten Locken vertreten, den der Kreml als eine Art Demokraten-Karikatur duldet. Eigentlich kannte die Partei auch in Russland kaum jemand - bis eben zu jenem Vorfall mit Schirinowski.

Schirinowski sprang auf, und verpasste ihn Ohrfeigen

Während die Kameras liefen, warf ein "Demokrat" namens Nikolai Goz Schirinowski vor, seine Partei liege in Wahrheit voll auf Kreml-Line. Da sprang Schirinowski auf, verpasste seinem Gegenüber ein paar Ohrfeigen und trieb ihn vor sich her aus dem Studio. Auf dem Bildschirm waren nur noch leere Sessel zusehen - allerdings hörten die Zuschauer, wie es im Hintergrund noch ein paar kräftige Hiebe für Nikolai Goz setzte. Ein Wachmann berichtete später, Schirinowski habe aufgefordert, ihn auf den Flur zu bringen und erschießen zu lassen.

Es sagt viel aus über den Zustand der russischen Demokratie, dass ausgerechnet Schirinowski nach Medwedew der aussichtsreichste Präsidentschaftskandidat ist. 10,7 Prozent versprechen ihm jüngste Umfragen. Er gibt den Politclown und gefällt sich in der Rolle. Wie Putin lässt er sich im 600er Mercedes Pullman umherchauffieren, winkt dabei wie die Queen aus dem Seitenfenster und wird von schwarzen BMW mit Blaulicht eskortiert. Als er neulich im Rahmen seiner Wahlkampagne auf einem Schießstand anrückte, trug er Tarnuniform und feuerte zwanzig Minuten aus Pistolen, MPs und Gewehren.

"Das sind meine Gegner!"

Schließlich stellte er sich vor die von ihm durchlöcherten Pappkameraden und meinte: "Das sind meine Gegner! Hier, Sjuganow, dem habe ich glatt in die Leber durchschossen. Und seht, was ich mit Medwedew angerichtet habe." Der war völlig von Kugeln durchsiebt. Und dann hatte Schirinowski noch einen Witz auf Lager: "Am Wahlabend sagt Medwedew zu seiner Frau: Heute schläfst du mit dem Präsidenten. Da erwidert die: Ja, wann kommt Schirinowski denn?"


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