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Wohin steuert Nordkorea?: Bettelarme Atommacht am Abgrund

Der Diktator ist tot, es lebe der Diktator - so unsicher die Lage in Nordkorea auch sein mag, sicher ist: Ohne eine starke Führung wird die bettelarme Atommacht rasch zerfallen.

Von Niels Kruse

Frauen und Kinder knien auf dem Boden, ihre Gesichter sind vor Trauer verzerrt. Männer, in Tränen aufgelöst, kauern zusammengesunken daneben, Alte brechen vor Kummer zusammen. Die Nachrichtensprecherin des staatlichen Fernsehens trägt Schwarz und verkündet mit vibrierender Stimme den Tod des "geliebten Führers". Bilder des offiziellen norkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA zeigen ein Land, das überwältigt vom hysterischem Schmerz über den Verlust seines "geliebten Führers" darniederliegt - der gottgleiche Kim Jong Il ist tot.

"Überall hört man die Menschen heulen und jammern, der Tod Kim Jong Ils kam für sie völlig überraschend", sagte ein nicht namentlich genannter Nordkoreaner zur gewöhnlich sehr gut über die Vorgänge in dem Land informierten Seite "Daily NK" . Laut dieser Quelle ist es der Bevölkerung bis auf wenige Ausnahmen verboten, ihre Wohnungen und Häuser zu verlassen. Auf den Straßen wimmele es zudem von Sicherheitsleuten - offenbar fürchtet die Führung, dass nicht jeder Bewohner des bettelarmen Landes den verordneten Trauerschock erlegen ist. "Von Unruhen aber ist bislang nichts zu sehen", so der Informant.

Gerüchte über die Ermordung von Kim Jong Il

Dass der Despot nicht mehr allzu lange leben würde, war absehbar. Die Gesundheit von Kim Jong Il galt schon seit geraumer Zeit als angeschlagen: Von Herzinfarkten und Schlaganfällen war die Rede, sein Alkoholkonsum war legendär. Auf Bildern, die KCNA in schöner Regelmäßigkeit veröffentliche, wirkte er ausgezehrt. Offiziell ist an einem Herzinfarkt gestorben - wegen "körperlicher und geistiger Überarbeitung". Allerdings machen bereits erste Gerüchte die Runde, nach denen er ermordet wurde. Die südkoreanische Zeitung "Korea Times" zitiert den Politikwissenschaftler An Chan Il, der glaubt, dass einige Militärs eine Rechnung mit dem Kim-Clan offen haben könnten: "Nachdem Kim Jong Il seinen Sohn als Nachfolger vorgeschlagen hatte, wurde eine Reihe von Armeeangehörigen entmachtet. Diese Männer sind ganz sicher nicht gut auf die Kims zu sprechen."

Ohnehin, so der Politikwissenschaftler, sei Kim Jong Il zuletzt zunehmend von der Staatsdoktrin "Die Armee zuerst" abgewichen. "Ich kann mir vorstellen, dass einige Armeeangehörige, die den Verlust ihres Einflusses beklagen, eine Rolle beim Tod des "geliebten Führers" gespielt haben", so An Chan Il. Was an diesen Gerüchten dran ist, wird sich so schnell nicht klären lassen. Selbst viele Geheimdienste wissen nicht genau, wie sich die Macht in dem hermetisch abgeriegelten Staat aufteilt. Sicher ist: Die Armee hält rund eine Million Soldaten unter Waffen und ist einer der wichtigsten Säulen der nordkoreanischen Gesellschaft, wenn nicht die Wichtigste. Die Kim-Familie dagegen zehrt immer noch vom legendären Ruf des Staatsgründers Kim Il Song. Der hatte einst Japan, Jahrzehnte lang Kolonialmacht in Korea, aus dem Land geworfen und wurde dafür von seinem Volk im wahrsten Sinne abgöttisch verehrt.

Das Land zerbröselt vor allen Augen

Sein Sohn und Nachfolger Kim Jong Il wurde zwar von der Staatspropaganda als "Gottes Sohn" gefeiert, doch in der Bevölkerung reichte er nie an den überirdischen Status seines Vaters heran. Als es mit ihm 2009 gesundheitlich bergab ging, begann er seinen jüngsten Sohn Kim Jong Un zu inthronisieren. Doch der war zu diesem Zeitpunkt keine 30 Jahre alt - und hatte außer seinem Namen kaum eine Machtbasis im Land. Mittlerweile wurde er allerdings in die Parteiführung und zum Vier-Sterne-General berufen, was ihm zumindest formal einige Befugnisse verleiht. Kurz nach der offiziellen Bekanntgabe vom Tod seines Vaters hat die Staatsführung Kim Jong Un zum "großen Nachfolger" ausgerufen und die Bevölkerung und die Armee aufgefordert, "den achtbaren Genossen Kim Jong Un treulich verehren."

Selbst unter den wenigen Kennern des Landes, gibt es keine einheitliche Meinung darüber, ob die Nordkoreaner Kim III. tatsächlich folgen werden. Experten aus China zum Beispiel, dem wichtigsten Verbündeten Nordkoreas, gehen davon aus, dass nach einer gewissen Anstandsfrist die dringend erforderlichen wirtschaftlichen Reformen kommen werden: "Der Generation von Kim Jong Un ist sehr bewusst, dass das Land nicht von der Welt isoliert bleiben kann", sagte etwa Wei Zhijiang von der Zhongshan-Universität. Der Direktor des Asan Instituts aus Seoul, Hahm Chai Bong, glaubt dagegen, dass "nun alles passieren könnte". Es hänge vor allem davon ab, wie die Nachfolge geregelt werde und wie fest der "große Nachfolger" bereits in der Führung verankert sei.

Kraftmeierei als Zeichen der Schwäche

Nach Ansicht des Seouler Politologen Paik Hak Soon habe sich Kim Jong Un bereits den Respekt der Elite verschafft. "Er hat seine Machtbasis in den vergangenen Monaten konsolidieren können." Dafür spricht, dass Kims Vater zuletzt noch einige treue Funktionäre in das einflussreiche Komitee für nationale Verteidigung installiert hatte. Etwa seinen Schwager Jang Song Theak und seine Schwester. Deshalb spekulieren westliche Beobachter, dass beide zusammen mit dem unerfahrenen Kim Jung Un eine Art Triumvirat an der Staatsspitze bilden könnten. Möglich ist aber ebenso, dass das mächtige Militär sich an die Spitze setzen wird, den jungen Kim aber als "Gesicht" in Amt und Würden lässt.

Die Region aber hat der Tod des "geliebten Führers" in Aufruhr versetzt: Die asiatischen Aktiemärkte reagierten nervös und die Südkoreaner versetzten ihre Armee in Alarmbereitschaft. Und wie zum Beweis, wie zuverlässig unzuverlässig die Nordkoreaner sind, schoss das Militär noch am Montag eine Kurzstreckenrakete zu Testzwecken ab. Das Regime versuche, "durch militärische und außenpolitische Kraftmeierei von der Schwäche des Übergangs abzulenken", sagte der Koreakenner Hartmut Koschyk (CSU). Einig sind sich alle Beobachter darüber, dass ein Machtvakuum die düstersten aller Szenarien wahr werden lassen könnte: bürgerkriegsähnliche Zustände oder sogar der Zusammenbruch des 23-Millionen-Einwohner-Landes mit seinem Dutzend Atombomben.

mit DPA/Reuters / Reuters