HOME

Zugspringer: Die Reise ins gelobte Land

Sie waren Kleinbauern, deren Felder brachlagen. Fischer, deren Fänge immer spärlicher wurden. Tagelöhner, die zu wenig verdienten, um ihre Kinder durchzubringen. Eines Tages werden sie zu Zugspringern. Sie klammern sich an Waggons, kauern auf den Dächern. Quer durch Mexiko wollen sie nach Amerika. Und zahlen dafür oftmals mit ihrer Gesundheit oder dem Leben.

Von Christine Evans

Mit lautem Gebrüll dringt die Bestie in die winzige Stadt im Süden Mexikos ein, öffnet ihren Schlund und verschlingt den Mann, der versucht, sie zu zähmen. Aus den Bretterbuden und kleinen Läden, die sich an die Gleise schmiegen wie Wäsche an die Wäscheleine, dringen Laute des Erschreckens. Großmütter stürmen aus den Hinterzimmern, Lappen und Tücher in der Hand, bereit, wenn nötig, Arme oder Beine provisorisch abzubinden. Doch als sie die Verletzungen des Unglücklichen sehen - das zermalmte Bein, den gespaltenen Rumpf -, lassen sie die Lappen fallen und murmeln stattdessen ein Gebet.

Kleine Gruppen von Schulmädchen in dunkelroten Uniformen drängen sich am Unglücksort. Ein paar von ihnen versuchen, einen verstohlenen Blick auf den schwarzen Stiefel zu werfen, der aus dem Unkraut herausragt. Nur die Neugierigsten wagen es, nach dem kleinen Stück Schienbein zu suchen, das im Gras hängen geblieben sein soll, nachdem der Zug das Bein des Mannes verschlungen und der Wind Teile davon auf das Schienengelände geweht hatte. Sie gehören zu einem jungen Mann aus Guatemala, der jetzt in einem kleinen weißen Krankenwagen über holprige Straßen in die Hauptstadt gebracht wird.

Zu den Schulmädchen gesellen sich die Mütter in Hauskleidern, die sie tragen, wenn sie Tortilla machen, sowie Männer in verdreckten Arbeitshosen in der Farbe der Felder. Kleine Jungs spähen zwischen den Röcken ihrer Schwestern hervor. Für die Einheimischen, die nach Jahren ähnlicher Unglücke zu Unfallexperten geworden sind, ist es eine Ironie des Schicksals, dass der 19-jährige Celestino Hernández ohne die Machete, die er zu seinem Schutz bei sich trug, möglicherweise überlebt hätte. Als er abrutschte, fiel er auf sein Schwert.

Vielleicht war es sein erster Versuch. Vielleicht war er erschöpft oder ausgelaugt gewesen. Auf jeden Fall hatte er versucht, auf den Zug aufzuspringen, ohne Anlauf zu nehmen. Das ist, als wollte man aus einem Sessel heraus auf ein galoppierendes Pferd springen. Dann fiel er hin, und die Bestie begrub ihn unter sich. Die Stahlräder rollten über sein rechtes Bein. Die Rettungs-sanitäter brachten ihn ins örtliche Krankenhaus, wo Ärzte versuchten, das Blut zu stillen. Schließlich fuhr man ihn in einer Ambulanz von Tenosique nach Villahermosa, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaats Tabasco. Vergebens. Celestino Hernández, 19 Jahre alt, starb.

Ein paar Straßen vom Unfallort entfernt macht eine klapprige Schreibmaschine Überstunden. Es ist Aufgabe der Männer der Grupo Beta, der humanitären Abteilung der mexikanischen Einwanderungsbehörde, die neuesten "Verstümmelungsberichte" zu schreiben. In den sorgfältig geführten Unterlagen wird Hernández der zwanzigste Zugspringer sein. Und dabei ist das Jahr noch längst nicht zu Ende. Jeder hier weiß, dass der Hunger der Bestie noch lange nicht gestillt ist. Denn Hunderttausende haben ein Ziel: Amerika. Das gelobte Land.

Es war genau an diesem Gleisstück in Tenosique, wo vor ein paar Monaten ein dicker, stets heiterer Schuhmacher namens Raúl Ordónez nach der Leiter eines vorbeifahrenden Tankwaggons griff. Ordó–ez ist 42 Jahre alt. Er hat drei Kinder und ist Teil einer rasch wachsenden Zahl von Mittelamerikanern, die versuchen, in die USA zu gelangen. Jedes Jahr verlassen Hunderttausende ihre von Bürgerkrieg und Naturkatastrophen gebeutelte Heimat und gehen über die guatemaltekische Grenze illegal nach Mexiko. Den ärmsten und verzweifeltsten unter ihnen - Männern wie Raúl Ordónez - erscheint die Fahrt auf dem Dach eines der langen Güterzüge, die sie "die Bestie" nennen, als letzter Ausweg.

"Die Züge sind für die Ärmsten der Armen", sagt Carlos Miranda, ein Migrationsexperte im Süden Mexikos. Niemand weiß genau, wie viele "die Züge nehmen", doch an bestimmten Tagen sieht man in Arriaga, einem nahe der südlichen Pazifikküste gelegenen Eisenbahnstädtchen, und in Tenosique, der Kleinstadt südlich der Halbinsel Yucatán, wie Hunderte, ja sogar Tausende an den Gleisen stehen. Wenn sie Glück haben, schaffen sie es bis Mexico City, wo sie in den riesigen Rangier- und Verschiebebahnhöfen umsteigen, bis sie der US-Grenze so nahe wie möglich gekommen sind.

Die Risiken sind enorm: Sie müssen sich in einem Netz veralteter Gleisanlagen zurechtfinden, sind auf der Fahrt durch Dschungel-, Wüsten- und Gebirgslandschaften sengender Hitze und eisigem Regen ausgesetzt. Sie müssen mit Angriffen von Banditen und bewaffneten Gangs fertig werden, die die Züge patrouillieren. An Kontrollstellen für Einwanderer müssen sie ab- und später wieder aufspringen und jedes Mal von Neuem Gliedmaßen und Leben riskieren. Die Fahrt kann Wochen oder Monate dauern, wenn man all die Unterbrechungen und die Zwischenstopps mitrechnet, die nötig sind, um sich ein paar Pesos für Essen zu verdienen.

Warum setzen sie ihr Leben aufs Spiel? Warum verlassen sie ihre Familien, ihre Heimat, ihre Kirchen, um ihr Glück auf den Zügen zu versuchen? Wer die Krankenhäuser und die Notunterkünfte besucht, wer die Bahnstädtchen mit ihren honigfarbenen Sonnenuntergängen und den verräterischen, unter den Gleisen allmählich vermodernden Hosenbeinen gesehen hat, fängt an zu ahnen, warum.

Vierzig Millionen Menschen leben in Mittelamerika. Die Hälfte von ihnen ist arm. 46 Prozent der Bevölkerung von Honduras leben in extremer Armut. Im Oktober 2005 machte der Hurrikan "Stan" 130000 Guatemalteken obdachlos. El Salvador leidet unter den Folgen mehrerer Dürrekatastrophen, und in Nicaragua ist die Mehrheit der Bevölkerung entweder unterbeschäftigt oder arbeitslos. Darum wollen sie gehen. Mexiko versucht, sie einzufangen, und hat im vergangenen Jahr Tausende von ihnen festgenommen. Darunter auch Raúl Ordónez, nachdem er nur knapp überlebt hatte.

Sein Zuhause liegt auf der "falschen" Seite des Flusses in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Am Herd in der winzigen Küche steht immer noch eine alte türkisfarbene Nähmaschine. Ordónez hat sie jemandem, der nach Norden wollte, abgekauft, um damit eine kleine Schuhmacherei aufzumachen. Er hatte schon gelernt, wie man das Obermaterial und die Sohlen macht, und blickte zuversichtlich in die Zukunft - bis billige Importschuhe den Markt überschwemmten und sich keiner mehr für die Produkte eines Flickschusters interessierte.

Ordónez sprach mit seiner Frau Norma. Sie sagte: "Ich weiß, was du tun musst. Ich verstehe." Er sprach mit seinem 17-jährigen Sohn Emerson, der ihm antwortete: "Gut, dann komme ich eben mit." Und so stand der Schuhmacher an einem warmen Apriltag in Tenosique an den Gleisen. Er griff nach der Leiter des Tankwagens, dem neuntletzten Waggon. Seine Hände waren feucht vor Schweiß. Er rutschte ab und fiel auf das Gleis. Mit einem Geräusch, das wie ein Donnern klang, rollten acht Waggons nacheinander über seine Beine.

Es ist fast eine Art Feier, wenn ein Zug kommt. Die Springer rufen, winken, halten zum Zeichen des Sieges den Daumen hoch. Sie stehen auf und spähen über den Rand. Auf den Spielplätzen nebenan schaukeln die Kinder, während ihre Eltern aussehen, als hätten sie sich zum Ausgehen am Samstagabend fein gemacht, um den Fortgang des Dramas zu beobachten. Jeder blickt auf, wenn das Pfeifen ertönt.

Oben auf den Zügen sieht man Menschen, die zwischen Güterwagen eingekeilt sind, auf dem Dach der Tankwagen hocken oder in stickigen Waggons stecken. Mit ihrem in Manschetten und Hosensäume eingenähten Geld springen sie auf, oft sogar am hellen Tag, denn die Festnahme von am Hungertuch nagenden Migranten hat in Mexiko noch nie Priorität gehabt.

Zu Hause sind sie Bohnenfarmer, deren Felder brachliegen. Fischer, in deren Gewässer es nicht mehr genug Fisch gibt. Farmpächter, denen es nicht länger gelingt, mit dem Pflücken von Mais in den Bergen zu überleben. Stadtbewohner, die es leid sind, sich nutzlos zu fühlen, weil es dort keine Jobs gibt. Honduraner. Salvadorianer. Guatemalteken. Zwanzig Jahre alt. Fünfzig. Zehn. Babys, die mit bunten Stoffresten und Bindfaden an den Rücken ihrer Mutter geschnürt sind.

Manche haben Verwandte in den Staaten und kennen bereits alle Straßennamen in ihren Zielstädten auswendig; sie wissen, welche Bäckereien schon geöffnet haben, wenn der Bus zur Arbeit losfährt, und in welchen Kirchen die Messe auf Spanisch gelesen wird. Sie haben Landkarten und Stadtpläne in den Taschen und nur noch 2000 Kilometer vor sich.

Das Logbuch der kirchlichen Notunterkunft in Arriaga erzählt ihre Geschichte: die Namen, das Alter, die Ziele, die Heimatstädte sowie die Schwierigkeiten, denen sich Migranten unterwegs ausgesetzt sehen.Überfälle, Vergewaltigungen, Tod durch Stromschlag, Erpressung. 2005 waren es 3000 Menschen, die eine Nacht oder zwei in der Notunterkunft verbrachten. 2006 rechnen die Mitarbeiter mit doppelt so vielen. "Uns bleibt nicht einmal genug Zeit, alle Namen aufzuschreiben", sagt der örtliche Priester.

Draußen verblasst das rosa Licht. José Luis Gonzalez, ein Jesuitenpriester aus Guatemala, der hier zu Besuch ist, nimmt seine Florida-Baseballkappe ab. "Diese Abwanderung", sagt er, "ist ein ernstes Problem. In meiner aus hundert Familien bestehenden Gemeinde sind nur drei Männer übrig geblieben. Drei! Alle anderen sind in den Norden gegangen. Und jetzt gehen auch die Frauen und die Kinder."

Man nennt die Grenze im Süden Mexikos auch die "stille Grenze". Doch wenn einer fällt, hört man seine Schreie in der ganzen Stadt. Ein verrücktes guatemaltekisches Grenzstädtchen namens Tecún Umán war jahrzehntelang der beliebteste Grenzübergang nach Mexiko. Hier, so heißt es, gibt es tausend Prostituierte, die in den kleinen Hotels ihrem Gewerbe nachgehen. Die örtlichen Banken fordern ihre Kunden höflich auf, die Schusswaffen an der Tür abzugeben. Die Bahn nach Arriaga in Mexiko galt als "tren de los migrantes" - Zug der Migranten. Bis ein Hurrikan im Oktober 2005 Brücken und Gleise zerstörte.

"Die gesamte Route der Migration hat sich verändert", sagt der Priester Ademar Barilli. "Wenn Menschen hier im Süden die Grenze überqueren, müssen sie noch 300 Kilometer nach Arriaga zu Fuß gehen, um dort den Zug zu nehmen. Oder aber sie müssen bereit sein, das Abenteuer zu wagen, und eine völlig neue Route finden. Die neue Grenze verläuft jetzt entlang der ganzen Länge von Guatemala, und sie ist noch gefährlicher."

Auch Raúl Ordónez machte diese Erfahrung, als er mit Bus und Boot durch Guatemala reiste. Er kam in El Ceibo an, einem wilden, mit Planen bedeckten Marktflecken. Von dort aus erklomm er die grasbewachsenen Hügel, überquerte die Grenze und gelangte nach Mexiko. Die nächste Stadt war Tenosique.

Auf seiner Reise in den Norden hatte Raúl Ordónez von ganz praktischen Dingen geträumt: ein kleines Haus für sich und seine Familie bauen, damit er, Norma und die drei Söhne nicht länger in dem zu engen Haus von Normas Vater leben müssten. Eine gute Schulbildung für seine Söhne, und das hieß, Bücher und Stifte für sie kaufen zu können. Ein eigenes Geschäft eröffnen, vielleicht einen Käse- und Butterstand, da man von der Schuhmacherei kaum mehr leben konnte.

Nun, ein paar Monate später, hatte Raúl Ordónez beide Beine verloren und keine Träume mehr. Er selbst traf die nötigen Vorkehrungen für seine Entlassung aus der Klinik und die lange Heimreise. Die Busfahrt nach Honduras dauerte drei Tage, unterwegs stellten ihm alle die gleiche Frage: "Was ist mit deinen Beinen passiert?" "Ich bin auf dem Todeszug gefahren", erwiderte er stets. Dann war er wieder in Tegucigalpa.

Die wichtigste Frage hatte er Norma da schon gestellt, und sie hatte gesagt: Ja, ich liebe dich immer noch. Fast jeder im Stadtteil hatte die Geschichte vom Sturz des Schuhmachers aus dem fahrenden Zug gehört, und jetzt stellten sie sich alle die gleiche Frage: Wie sollte es dieser Mann ohne Beine bloß schaffen, die schmalen steinigen Stufen zu seinem Haus hinaufzusteigen?

Doch sie hatten sich umsonst gesorgt. Ein Taxi fuhr vor. Norma saß auf dem Rücksitz. Sie trug ihre langen Ohrringe und ihre grüne Lieblingsbluse. Auf dem Vordersitz saß Raúl, in einem frischen karierten Hemd und einer gebügelten Jeans, deren Hosenbeine aufgerollt und mit Klebeband an den Oberschenkeln befestigt waren. Es ging alles so schnell, dass nur wenige Leute davon Notiz nahmen.

Die Taxitür öffnete sich, und Emerson, der älteste Sohn, der Raúl auf dem Weg in den Norden begleitet hatte, legte sich seinen Vater scheinbar mühelos über die Schultern und rannte die siebzig Stufen zum Haus der Familie hinauf. Oben angekommen, schwang sich Raúl aus eigener Kraft und mit Hilfe des Türrahmens in das Zimmer hinein und lief dann auf seinen Händen zum Bett, wo er die drei Söhne umarmte.

"Ich glaube", sagte Emerson, "dass ich schon bald in den Norden gehen muss." Seine Mutter stand gerade am Herd. Sie sah auf. Sie wusste Bescheid. Er würde den Zug nehmen.

print