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"Hart aber fair" mit Thilo Sarrazin: Verflixt und zugespitzt

Schon wieder ein ARD-Talk mit Thilo Sarrazin. Und schon wieder prügelt alles auf ihn ein. Doch das ficht ihn nicht an - "robust", wie er ist, rückt Sarrazin sogar von einer seiner umstrittensten Äußerungen ab. Und deutet zaghaft seinen Rauswurf an.

Von Niels Kruse

Es ist keine 48 Stunden her, als sich Thilo Sarrazin mit den Worten "Ich steigere jetzt erstmal die Auflage" vom Fernsehpublikum verabschiedete. Das war am Montagabend bei Reinhold Beckmann. Am Mittwochabend grüßte er zu fast gleicher Zeit wieder in der ARD erneut in die Kameras. Sein Buch "Deutschland schafft sich ab", dessen Auflage es zu steigern gilt, hatte er nicht dabei, aber es ist ohnehin schon ein Bestseller. Gleich das ganze Sendungsmotto hatte "Hart aber fair"-Gastgeber Frank Plasberg dem Mann und seinen "Klartext"-Thesen gewidmet: "Rechthaber oder Rechtsausleger - Deutschland streitet über Sarrazin".

Und wie es über den Noch-Bundesbanker und Noch-Sozialdemokraten streitet: Als wäre es Sarrazin selbst, der gerade dabei ist, Deutschland abzuschaffen. Dabei hat er nur Buch geschrieben. Eines, dessen Kernaussagen von einem großen Teil der Deutschen begrüßt wird, wenn man aktuellen Umfragen glaubt. Dazu gehören so steile Thesen wie der, dass die muslimische Kultur dumm mache, diese Dummheit sich vererben würde und das in Deutschland eines Tages fast nur noch Muslime herumlaufen würden. Kurz gesagt. Zugespitzt.

Dafür muss Sarrazin leiden - geradezu übermenschlich leiden. So sieht er es jedenfalls und betont bei Plasberg einmal mehr, was für ein harter Hund er doch sei. "Was an psychischem Druck auf mir lastet ist beachtlich. Das halten viele Menschen nicht aus."

Im Fernsehen kommt seine, formulieren wir es positiv, kernig-prägnante Art gut an. Wer ein Argument in anderthalb Sätzen zusammenfassen kann, hat schon gewonnen. Michel Friedman ist so einer. Mit nur wenigen Worten kanzelte er die Äußerungen Sarrazins ab: "Menschenfeindlich, gewalttätig und respektlos" seien sie, schimpfte er. Die Aussage, dass es so etwas wie ein "jüdisches Gen" gebe, zudem rassistisch, so Friedman. Immerhin distanzierte sich Sarrazin erstmals von seiner jüngsten Entgleisung - zumindest halbwegs: "Der Satz war Riesenunfug", sagte er, von einer "inhaltlichen Falschheit" wollte er aber nicht sprechen.

Er gerät nur kurz aus der Fassung

Das übernahm die "Hart aber fair"-Redaktion für ihn: "Intelligenz wird zu 50 bis 80 Prozent vererbt", lautet eine von Sarrazins Lieblingsthesen - und er legt großen Wert darauf, dass sie auf neuesten wissenschaftlich Erkenntnissen beruhe. So ganz falsch ist die Aussage nicht, so ganz richtig aber eben auch nicht - vor allem nicht sein daraus folgender Gedanke: "Wenn sich nur die Dummen vermehren, wird die Gesellschaft auch dümmer."

Das die Grundlagen für Intelligenz vererbt werden, dieser Auffassung ist unter anderem die Verhaltensforscherin Elsbeth Stern, auf die sich Sarrazin gerne bezieht. Doch die fühlt sich von ihm missverstanden. In der Sendung liest Moderator Plasberg ein entsprechendes Statement vor - und widerlegt damit einen von Sarrazin Grundüberlegungen -, was den Kritisierten aber nur kurz aus der Fassung bringt. Schon wenige Minuten später beharrt der wieder darauf, dass sein Schlussfolgerung "Dumme vererben ihre Dummheit weiter" absolut richtig sei.

Ein schwieriger Diskutant

Überhaupt ist es schwierig mit ihm zu diskutieren. Vor allem über die Daten und Zahlen, die ihm aus allen Ecken und Kanten herausquellen. Fragen und Bemerkungen, die ihm nicht passen, ignoriert er schlicht. Meist fühlt er sich ohnehin falsch verstanden: Man habe das Buch nicht gelesen, kontert er dann oder sagt seinen Lieblingssatz: "Nein, das habe ich so nicht gesagt." Besonders anschaulich übrigens nachzulesen im Streitgespräch, das das Wochenmagazin "Zeit" mit ihm geführt hat.

Zuspitzen und Pauschalisieren, das sind die Kniffe, derer sich Thilo Sarrazin so gerne bedient, weil er weiß: Nur so lässt sich in der Öffentlichkeit das Höchstmaß an Aufmerksamkeit erreichen oder wahlweise an knackige Ergebnisse kommen. In seinem Buch etwa rechnet er mit Hilfe von amtlichen Daten aus, dass die Deutschen bei gleichbleibender Entwicklung in 120 Jahren zu 75 Prozent einen Migrationshintergrund haben werden. Plasbergs Kollegen haben die gleiche Methode angewandt - nur mit Zahlen von 1890. Danach müsste Deutschland jetzt im Jahr 2010 250 Millionen Einwohner haben. Ziemlich wacklige Resultate, für einen faktengläubigen Banker wie Sarrazin. Aber, das ficht den Mann nicht an. Zum Ende der Sendung offenbart er: "Wenn ich nicht die Robustheit hätte, alleine dazustehen, hätte ich das Buch nicht geschrieben."

Ob er bei der Bundesbank noch lange steht, das ist ihm wohl selbst mittlerweile nicht mehr klar. Die wird wohl heute über seine Zukunft im Vorstandsamt befinden. Sarrazin scheint Böses zu schwanen: "Ich bin Bundesbanker. Jedes Amt ist zeitlich begrenzt. Wann die Begrenzung ist, wird die Zukunft zeigen." Und das war dann doch mal weder kernig noch prägnant. Also ganz und gar nicht Sarrazin-Sprech.