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70 Jahre Wannseekonferenz: Vorne Holocaust, hinten Zentis

Der Bundespräsident hielt beim Besuch der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Wannseekonferenz eine sehr gute Rede. Aber Christian Wulff kontaminiert den Ort. Es ist vorbei.

Ein Kommentar von Lutz Kinkel

Zentis. Das erste Wort, das im Kollegenkreis fällt, heißt Zentis. Gemeint ist der Marmeladenproduzent, Werbeslogan: "Viel Frucht. Feel Good." Zentis hatte Christian Wulff nach Angaben der Münchner "Abendzeitung" einen Ausflug zum Filmball 2010 spendiert, inklusive Übernachtung im Luxushotel "Bayerischer Hof". Es ist die jüngste Episode aus der schmierigen Endlosgeschichte um Wulffs Bussi-Bussi-Business. Und es ist furchtbar, dass an diesem Ort über Zentis geredet wird. Es ist Freitagvormittag, 10 Uhr, im Haus der Wannseekonferenz am Berliner Stadtrand. Auf den Tag genau vor 70 Jahren legten die Nazis hier fest, wie der Völkermord an den Juden zu organisieren sei. Der Bundespräsident soll in wenigen Minuten das Gedenken mit einer Ansprache eröffnen.

Die Offiziellen bemühen sich, Normalität zu simulieren, ohne Zentis, ohne Getuschel. Norbert Kampe, Leiter der Gedenkstätte, führt Wulff nach seiner Ankunft durch die ständige Ausstellung. Aus Sicherheitsgründen, weil auch der israelische Likud-Politiker Yossi Peled, Minister ohne Geschäftsbereich, gekommen ist, müssen die Journalisten in einem Nebenraum bleiben. Vor ihnen steht eine große Leinwand, die Haustechnik speist das Filmsignal des TV-Senders Phoenix ein, der den Präsidenten beim Rundgang begleitet. Mit versteinerter Miene hört Wulff Kampe zu, sie gehen von Schautafel zu Schautafel, Kampe spricht über den SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, die Wannseekonferenz, den Holocaust. Doch plötzlich bricht das Tonsignal ab, die Kamera, die zuvor die Gesichter von Kampe und Wulff fokussiert, fällt in die Halbdistanz zurück, der Präsident verschwindet in einer Traube von Menschen. Ein Stummfilm. Es ist der einzige spannungslose Moment an diesem Vormittag.

Geständnis des Staatsversagens

Um 10:29 Uhr tritt Wulff ans Rednerpult, er wird eine glänzende Rede halten, persönlich, emotional, mit vielen klugen Anmerkungen. Wulff spricht auch von der Mordserie der "Zwickauer Zelle" und sagt: "Wir haben es alle nicht für möglich gehalten", um dann zu ergänzen: "Einschließlich der Polizei und der Sicherheitsorgane haben wir alle es auch nicht für möglich halten wollen, dass es das in unserem Land und in diesem Jahrzehnt gibt." Das ist das offene Eingeständnis, dass der Staat versagt hat, und das ist hier, an diesem Ort, ebenso bitter wie ehrlich. Wer die Rede liest, sie steht auf der Homepage des Bundespräsidialamtes, wird dem Bundespräsidenten Respekt dafür zollen.

Doch es spricht eben nicht nur der Bundespräsident, es spricht auch der Mensch Christian Wulff, der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen, der Kostenlosurlauber, Bonusmeilen-Upgrader, Privatkreditnehmer, Bobbycar-Besitzer und Zentis-Ausflügler. Egal, wo er im Moment auftritt: Wulff umwabert eine Affärenwolke, die jedem seiner Worte, jedem seiner Gesten eine zusätzliche Bedeutung verleiht. Zittert seine Hand, weil ihn die Historie der Wannseekonferenz erschaudert oder weil die Affäre seit Donnerstagabend eine juristische Dimension hat und er mehr denn je um sein Amt fürchten muss? Ist er so ernst und gravitätisch, weil es der Situation angemessen ist oder weil er seit Wochen mental keine Sonne mehr sieht? Wulff spricht in seiner Rede auch vom Nebeneinander von Terror und Idylle, die das NS-System prägte, vom Wannsee, an dem nicht nur der Holocaust organisiert wurde, sondern der auch ein Ort war, "an dem Erinnerungen vieler Menschen spielen, an Segeln und Schwimmen, an verliebte Stunden zu zweit, an endlos lange Sommerabende am Wasser". So ähnlich muss es auch bei seinen Flitterwochen im Anwesen seines Buddys Wolf-Dieter Baumgartl in der Toskana gewesen sein oder in den warmen Nächten auf Mallorca, in Carsten Maschmeyers "Paradise Castle".

Verlust der Funktion

Wer sich bei solchen Assoziationen ertappt, findet sie pervers und weiß zugleich: Das ist die Affärenwolke, sie ist nicht mehr wegzudenken. Sie ist einfach da und regnet auf alles ab, was Christian Wulff sagt und tut.

Zwei Funktionen hat ein Bundespräsident: Er ist der oberste Notar der Republik, weil erst durch seine Unterschrift ein Gesetzgebungsverfahren formal abgeschlossen ist. Und er ist der oberste Redner der Republik. Er soll Sinn stiften, Zusammenhalt befördern und gesellschaftliche Leitlinien vorgeben. Auf dem Papier erfüllt der aktuelle Bundespräsident seine Aufgaben gut. In der Praxis hat Christian Wulff letztere Funktion verloren. Das war nicht das Treffen der Sternsinger vor Schloss Bellevue, bei dem er noch scherzen konnte, der Medienauftrieb verschaffe der Veranstaltung endlich mal gebührende Aufmerksamkeit. Das ist die Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Wannseekonferenz, auf der Yossi Peled mit Tränen in den Augen davon spricht, dass er seinen Vater nie gesehen hat, weil ihn die Nazis ermordet haben.

Der Bundespräsident adelt jede Veranstaltung mit seiner Anwesenheit. Christian Wulff kontaminiert sie. Es ist nicht zu erkennen, ob und wann Amt und Person wieder in Deckung zu bringen sind. Vorne Holocaust, hinten Zentis - das ist unmöglich.