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9/11 in den Köpfen Das Gift bin Ladens wirkt noch


Die Bilder von 9/11 wühlen auf, das Ereignis ist ein historischer Meilenstein. Aber was juckt uns das in Deutschland? Vordergründig wenig. Und doch haben die Anschläge unser Denken verändert.
Von Florian Güßgen

Mit 9/11 ist es wie mit dem Zweiten Weltkrieg. Oder dem Mauerfall. Das Ereignis ist ein Meilenstein der Geschichte. Schwer. Unverrückbar. Voller Bilder, voller Emotionen, voller Assoziationen. Mit gewaltigen Folgen. Ein Lügner, wer behauptet, 9/11 lasse ihn kalt. Die Stimme der Stewardess Betty Ong, die dem Bodenpersonal sagt, dass ihr Flugzeug entführt worden sei; dieses brutale Foto, das just den Moment festhält, bevor sich der dunkle Körper der Boeing 767 von Flug United Airlines 175 in den Südturm des World Trade Centers bohrt; die Menschen, die sich aus den Fenstern der Türme in den Tod stürzen; die Feuerwehrmänner; die Geschichten der Opfer und ihrer Angehörigen. 9/11 war und ist ein Stich ins Herz. Die Anschläge sind eines, vielleicht das prägende Ereignis unserer Zeit, unserer westlichen Gesellschaft. Sie haben ein Grundvertrauen zerstört, ein Sicherheitsgefühl, sind ein stetes Memento Mori. Früher dachte man, Terror, Bomben und Tod sei nur etwas für den Nahen Osten. Das ist vorbei.

Islamistischer Terror? In Deutschland eine Second-Hand-Erfahrung

Allein: Was soll's? All das: tausend Mal gehört, gelesen, gesehen, gerade jetzt, zum 10. Jahrestag. In zig Analysen, Kommentaren und Deutungen, die sich immer wieder an den brennenden Zwillingstürmen abarbeiten. Sicher, jeder kann sich daran erinnern, wo er am 11. September 2001 war. Aber was hat das mit unserem Alltag zu tun? Vordergründig hat sich der deutsche Lebensalltag im Großen und Ganzen durch 9/11 doch nicht verändert. Ja, es gab die Kofferbomber, die Festnahme der Sauerlandgruppe, den Anschlag am Frankfurter Flughafen, bei dem US-Soldaten starben. Es ist auch richtig, dass es den vermaledeiten Afghanistankrieg gibt, die Hindukusch-Verteidigung, die toten Bundeswehrsoldaten. Und, ja, es stimmt auch: Wenn Papa ein, zwei, drei Mal im Jahr mit dem Zug fährt oder gar fliegt, dann ist ihm tatsächlich mulmig zumute. Weil am Flughafen bis an die Zähne bewaffnete Bundespolizisten herumstehen. Sitzt neben ihm dann auch noch ein Bärtiger namens Hussein, dann wird Papas Kopf zum Kino, in dem der Streifen "Von 9/11 bis Wanne-Eickel gezeigt wird - der Tod sitzt neben ihnen" gezeigt wird.

Es ist der Polizei, den Geheimdiensten, der Politik und dem Glück zu verdanken, dass Terrorismus in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten nur eine Gefahr, eine Möglichkeit, fast eine Fiktion geblieben ist - und keine blutige Wirklichkeit. Im Ergebnis heißt das aber: In vielerlei Hinsicht haben wir den Luxus erfahren, einfach so weiterleben zu können wie bisher. Die Lehman-Pleite 2009 hat in Deutschland viel spürbarere Auswirkungen gehabt als 9/11.

In Europa wirken andere 9/11-Metaphern als in den USA

Und dennoch wäre es ein Fehler, 9/11 einfach so abzuhaken. Denn dieser Film, mit seinen gewaltigen Bildern, hat Deutungsmuster in unsere Hirne gebrannt. Und die prägen unser Denken und Handeln. Vielleicht nicht vordergründig, aber subtil-nachhaltig. Dabei ist es wie bei so vielen historischen Meilensteilen: Sie werden immer und wieder interpretiert, ihre Deutung ist in der Akzentuierung niemals dieselbe. Kultur und Gesellschaft prägen die Auslegung. Deshalb dominiert in den USA auch eine andere 9/11-Sichtweise als in Europa. Drüben war und ist die vorherrschende Metapher jene des Angriffs, der Attacke - und der Verwundung, die herausragende historische Analogie war jene von Pearl Harbour. Noch in der Nacht nach der Attacke zog US-Präsident George W. Bush diesen Vergleich. Die Antwort Amerikas auf das "Pearl Harbour des 21. Jahrhunderts" war ein Krieg, gegen den Terror im Allgemeinen und gegen den feindlichen Feldherren Osama bin Laden im Besonderen, zeitweise selbstvergessen ausgetragen mit allen Mitteln. Genau deshalb hatte die Tötung bin Ladens in den USA diese enorme symbolische Bedeutung. Hier schloss sich ein Kreis. Der gegnerische Feldherr war besiegt.

In Europa und auch in Deutschland wirken andere 9/11-Metaphern stärker. Ja, wir sind in Afghanistan dabei. Das schon. Und wie wir die US-Geheimdienste bei ihrer lange wütenden, zügellosen Jagd genau unterstützt haben, werden erst Historiker herausfinden. Und ja, auch hier hat sich der Staat mit allerhand neuen, bürgerrechtlich mehr oder minder zweifelhaften Waffen gewappnet. Aber, selbst die schärfsten Kritiker müssen wohl zugeben, dass sich der deutsche Staat noch verhältnismäßig moderat verhalten hat im Kampf gegen den Terror, keinesfalls selbstvergessen. Deutschland hat - außer in Afghanistan - nie Krieg gegen den Terror geführt. Und dennoch haben die 9/11-Metaphern auch hier "Kollateralschäden" hinterlassen, vor allem in einer Hinsicht: 9/11 hat das Bild des radikalen, gewaltbereiten Muslims verfestigt - und Europas ohnehin prekäre Gesellschaften so noch tiefer gespalten. Das Symbol bin Laden steht hier nicht so sehr für einen Kriegsherren, sondern für eine fremde, andere Kultur, die uns bedroht und gegen die wir uns, so scheint es, wehren müssen. Diese Kultur wohnt nebenan. Sie heißt Ayse oder Ali oder Mohammed.

Ein Teufelskreis ist in Bewegung gekommen

In Europa hat es zweifellos schon vor 9/11 Probleme mit der Integration von Migranten gegeben. Aber 9/11 lieferte die Rechtfertigung für den Generalverdacht gegenüber Muslimen - und verstärkte die Tendenz, diese als Fremde zu begreifen. Die Bilder von 9/11 schufen so den Nährboden für jenen radikalen Anti-Islamismus, jene europäische Antwort auf bin Laden, die Bündelung aller Ängste und Vorurteile gegenüber Muslimen. In den Niederlanden und in Frankreich treten die Spalter politisch sichtbarer auf als hier. Geert Wilders oder Marine le Pen geben den Islam-Hassern dort ein Gesicht. In Deutschland ist die Entwicklung subtiler, aber nicht minder gefährlich. Auch die schönste Islamkonferenz hat den Teufelskreis nicht durchbrechen können: Junge Migranten werden ausgegrenzt, haben das Gefühl, hier nichts mehr verloren zu haben - und nichts mehr verlieren zu können. Manche werden so anfällig für radikale, scheinreligiös verbrämte Rattenfänger. Das befeuert die Polemiken radikaler Anti-Islamisten. Selbst wenn sich die politische Klasse in Deutschland diesem Druck bislang erfreulicherweise nicht gebeugt hat, so schreitet die Entkoppelung weiter Teile der Migrantengesellschaft von der Mehrheitsgesellschaft weiter voran. Für andere, die berüchtigten Konvertiten, ist der radikale Islamismus zu einer interessanten Ideologie geworden, von den Mechanismen deckungsgleich mit dem Rechtsextremismus.

Und genau an diesem Punkt ist es weiterhin wichtig, der in Europa wirkungsmächtigsten Metapher des 11. September etwas entgegenzuhalten. Denn noch wirkt das Gift bin Ladens. Die alten Bilder müssen mit neuen Ikonen ersetzt werden. Nur: Wie soll das gehen? Eine Chance bietet im Großen vielleicht tatsächlich der arabische Frühling. Denn dort präsentieren sich, trotz aller Abstriche und Probleme, junge Muslime als selbstbewusste, aufstrebende Menschen, die vor allem eines wollen: Teilhabe, politisch und ökonomisch. Ob in Tunesien, in Ägypten oder auch in Syrien. Das sind die Bilder, die man auch den Post-9/11-Populisten in Frankreich, den Niederlanden und in Deutschland entgegenhalten sollte. Im Kleinen, im deutschen Alltag, ist vor allem die Politik gefordert, den richtigen Weg zu finden zwischen lebensferner Multikulti-Gefühlsduselei und kruden Sarrazin-Parolen. Aber es gilt: Das Gift, das bin Laden auch in unsere deutsche Gesellschaft eingespritzt hat, werden wir nur los, wenn wir uns an neuen Meilensteinen orientieren.


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