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Parteitag in Köln AfD - Der Anfang vom Ende?

Frauke Petry beim AfD-Parteitag in Köln
Frauke Petry beim AfD-Parteitag in Köln
© AFP
Der erste Teil des AfD-Parteitags in Köln war denkwürdig. Er könnte nicht nur der Anfang vom Ende der politischen Karriere Frauke Petrys gewesen sein. Sondern auch der Anfang vom Ende der AfD.

Frauke Petry wirkt wie betäubt. Ganz oben rechts sitzt sie auf der Parteitagsbühne, in einem engen, knallroten Kleid, vor sich ein Apple-Notebook und ein Smartphone in hellblauer AfD-Schutzhülle. Sie schaut ins Notebook, sie wischt übers Handy-Display, sie tut so, als erledige sie hier gerade noch ein paar dringend notwendige Büroarbeiten. Manchmal lehnt sich die hochschwangere Parteichefin aber auch einfach nur zurück, faltet die Hände über ihren Babybauch und schaut starr geradeaus, über die Köpfe der rund 500 Delegierten im Saal des Kölner Maritim-Hotels hinweg - als habe das hier alles mit ihr schon gar nichts mehr zu tun, als sei das hier schon längst nicht mehr ihre Partei.

Zu besichtigen ist an diesem Samstag: Eine Demütigung auf offener Bühne. Und: Die ganze Brutalität, zu der Politik fähig ist. Petry muss mit ansehen wie ihr Traum von einer "realpolitisch" ausgerichteten AfD, die rechts von der Union in die Parlamente einzieht und möglichst bald als Koalitionspartner mitregieren kann, in Stücke gehauen wird, so dass nicht mehr viel davon übrig bleibt.

Hubschrauber über dem Maritim

Die ganze Atmosphäre ist bedrückend. Hubschrauber kreisen den ganzen Tag über dem Maritim, die Polizei hat eine Flugverbotszone eingerichtet und die Deutzer Rheinbrücke komplett sperren lassen. Reiterstaffeln, Wasserwerfer, Räumpanzer, Absperrgitter und 4.000 Polizeibeamte machen das Hotel, in dem die AfD tagt, zum Hochsicherheitstrakt. Zehntausende Gegendemonstranten sind aufmarschiert und gleich neben dem Hotel macht die Brauerei zur Malzmühle per Großplakat deutlich, dass AfD-Mitglieder als Gäste unerwünscht sind: "Kein Kölsch für Nazis!"

Im Hochsicherheitstrakt kommt es gegen Mittag zur Entscheidung. Die Delegierten wischen einen Antrag von Petry kalten Herzens von der Tagesordnung, mit dem diese die Partei auf einen halbwegs pragmatischen Kurs festlegen wollte, gegen die nationalistisch-völkischen Truppen um Parteivize Alexander Gauland und den Thüringer Rechtsausleger Björn Höcke. Der ist gar nicht erst erschienen, weil die Hotelleitung des Maritim ihm Hausverbot erteilt hat.

Giftpfeile gegen Frauke Petry

Dass die Partei die seit Monaten von Petry persönlich entfesselte Strategie-Debatte noch nicht mal führen will, sondern einfach per Mehrheitsbeschluss für irrelevant erklärt, ist für die Parteichefin schon niederschmetternd genug. Aber es kommt noch schlimmer. Petrys Co-Vorsitzender Jörg Meuthen hält eine Rede, die den Saal beben lässt und die Partei-Delegierten von den Stühlen reißt. Die Rede ist durchsetzt mit kleinen Giftpfeilen gegen Petry. Sie muss, nur zwei oder drei Meter von Meuthen entfernt sitzend, ihrer eigenen, rhetorisch meisterhaft vorgetragenen Demontage beiwohnen.

Erst beschwört Meuthen die Gefahr, dass die Republik "auf dem Weg in ein muslimisch geprägtes Land" sei. Dann ruft er: "Deutschland ist unser Land! Es ist das Land unserer Eltern und Großeltern und es ist unsere Bürgerpflicht, es zurückzuerobern!" Applaus donnert durch den Saal, "Meuthen! Meuthen! Meuthen!"-Rufe sind zu hören. Dann eine Attacke auf Merkel, Schulz und Co., die auch ein Angriff auf Petrys Koalitionsstrategie ist: "Wir können diese Gestalten nicht mehr ertragen! Und das ist keine Fundamental-Opposition. Mit diesen Figuren werden wir keine Koalitionen eingehen. Wir werden eine bärenstarke Oppositionspartei! So machen wir das!"

Die AfD fühlt sich im Chaos ganz wohl

Petry blickt einmal kurz auf, guckt entsetzt auf die tobende Menge im Saal, dann widmet sie sich wieder ihrem Handy. Schließlich steht sie auf und verschwindet kommentarlos von der Bühne. Rücktrittsgerüchte machen die Runde. Dann erscheint Petry, stellt sich vor eine blaue AfD-Wand und gibt eine Erklärung ab, in der sie den "schwerwiegenden" Fehler des Parteitages kritisiert, die von ihr gewollte Strategiedebatte, nicht einmal zuzulassen. Für eine Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl stehe sie wie bereits angekündigt, nicht zur Verfügung, da gebe es "andere, die mit dieser Nicht-Entscheidung sicher besser leben können als ich es kann".

Es kommt jetzt zu Szenen, die fast surreal sind. Ihr Haupt-Widersacher, Parteivize Alexander Gauland steht nur wenige Meter abseits, muss aber Journalisten bitten, dass sie ihm ihre Handy-Mitschnitte der Petry-Erklärung vorspielen, damit er weiß, was seine Vorsitzende gerade gesagt hat.

Drinnen im Saal ist unterdessen die Debatte um das Bundestagswahlprogramm in vollem Gang. Ein Delegierter meldet sich und bittet die Versammlungsleitung um Hilfe: "Ich hab jetzt mal 'ne Frage: Ich bin nicht dafür, dass der Antrag nicht abgelehnt wird. Bin ich dann jetzt dagegen oder dafür?“ Die AfD fühlt sich in diesem Chaos ganz wohl. Diese Partei, die Gauland nicht ohne ein wenig Stolz einen "gärenden Haufen" nennt, will nicht in irgendwelchen Koalitionen für die Abschaffung der "kalten Progression" oder eine andere Bildungspolitik streiten. Sie will Deutschland nicht reparieren. Sie will ein anderes Deutschland. Und sie möchte weiter eine Partei sein, in der man sich in ressentimentgeladenen, nationalen Weihestunden an sich selbst und dem eigenen Wir-müssen-Deutschland-retten-Gefühl berauschen kann.

Denkwürdiger Tag in Köln

Petry, die selber oft genug mit ganz Rechtsaußen geflirtet hat und daher jetzt auch nur begrenzt glaubwürdig auftreten kann, ist nach diesem Parteitag eine Vorsitzende auf Abruf. Es ist gut möglich, dass sie die Partei schon bald verlässt. Damit würde die AfD entscheidend geschwächt, sie wäre vermutlich sogar in ihrer Existenz bedroht.

Denn die Frau aus Sachsen ist bei der Parteibasis immer noch beliebt, sie ist das prominenteste Gesicht der Partei und - anders als viele andere Führungsfiguren der AfD - auch jederzeit Talkshow-fähig. Mit ihr würden viele gehen, die zwar national- und rechtskonservativ sind, aber mit den rassistisch durchsäuerten Tiraden des Höcke-Flügels auf die Dauer dann doch lieber nichts zu tun haben wollen.

Vielleicht war dieser denkwürdige Tag in Köln nicht nur der Anfang vom Ende der politischen Karriere der Frauke Petry. Sondern auch der Anfang vom Ende der AfD.


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