HOME

"Kopie einer Nazi-Methode": AfD-Vize ruft zum Boykott türkischer Geschäfte auf und erntet Widerspruch

Kay Gottschalk, Vizeparteichef der AfD und Bundestagsabgeordneter: Mittwochabend rief er zum Boykott türkischer Geschäfte auf. Donnerstag entschuldigte er sich. Parteifreunde reagieren – mit Schärfe.

AfD-Bundestagsabgeordneter Kay Gottschalk hat zum Boykott türkischer Läden in Deutschland aufgerufen

AfD-Bundestagsabgeordneter Kay Gottschalk hat zum Boykott türkischer Läden in Deutschland aufgerufen und sich inzwischen dafür entschuldigt

DPA

Als Politiker ist Kay Gottschalk kein Anfänger mehr. Der Hamburger, der in Viersen am Niederrhein lebt, agierte als Versammlungsleiter bei mehr als 100 AfD-Parteitagen. Er ist Bundestagsabgeordneter und dazu seit Dezember noch einer der Stellvertreter der Parteivorsitzenden Alexander Gauland und Jörg Meuthen. Auch im Notvorstand des AfD-Landesverbandes Niedersachsen sitzt Gottschalk.

Kay Gottschalk ist auch ein Mann klarer Worte. Von seinem Fraktionskollegen Jens Maier aus Dresden distanzierte er sich, nachdem dieser kürzlich Noah Becker als "Halbneger" bezeichnet hatte. "Ich erwartete ein höheres Maß an Verantwortungsbewusstsein eines MdB", ließ der Gottschalk seinen Kollegen Maier und die Öffentlichkeit wissen. Mit Empörung reagierte Gottschalk auch auf den Antrag eines Mitglieds des Hamburger SV, AfD-Mitglieder nicht mehr in den Verein aufzunehmen. "Einige Mitglieder des HSV scheinen aus der Geschichte von 1933-45 nichts gelernt zu haben!", schimpfte der Politiker.

Und dann trat Kay Gottschalk Mittwochbend in Krefeld auf die Bühne.

Es war der Neujahrsempfang der dortigen AfD, Jörg Meuthen war gekommen, und es sprach auch der Kölner Bundestagsabgeordnete Harald Weyel. Die Besetzung war also aus AfD-Sicht bereits üppig, aber Kay Gottschalk hatte ebenfalls etwas zu sagen.

"Boykottiert die Läden der Türken in Deutschland"

Zuerst war sein Thema Syrien, der Angriff der türkischen Armee auf Kurden. Doch dann wandte sich Gottschalk der Heimat zu. Er zog aus dem, was türkische Soldaten gerade tun, konkrete Konsequenzen für Deutschland. Und diese Konsequenzen teilte er den AfD-Mitgliedern und sonstigen Gästen des Neujahrsempfangs mit. "Ich rufe alle Bürger guten Willens auf: Boykottiert die Läden der Türken in Deutschland, denn die fahren zu 70 Prozent auf Erdogan ab", rief der Gauland-Stellvertreter in den Saal. Die "Rheinische Post" berichtete zuerst über die Rede.

Erdogan und die türkischen Soldaten einige tausend Kilometer entfernt. Ein türkischer Gemüsehändler, zum Beispiel in Krefeld. Dessen mögliche Meinung zum türkischen Präsidenten. Und dann Bürger, die Gurken oder Paprikaschoten kaufen wollen: Für Kay Gottschalk gehörte das jetzt alles zusammen. Und er tat nun exakt das, was er Anfang der Woche dem HSV-Mitglied vorgeworfen hatte: Er orientierte sich an der NS-Zeit. Zum "Boykott" nicht von türkischen, aber von jüdischen Geschäften hatten damals ja Hitler und die NSDAP aufgerufen.

Er würde das nie sagen, sagt Gottschalk heute

Es war ein AfD-Bundestagsabgeordneter, der einschritt, Stefan Keuter aus Essen. Keuter trat in Krefeld ans Mikrophon und sagte, man wolle Türken nicht ausgrenzen. Er fügte auch noch hinzu, Gottschalk habe sich gerade etwas "in Rage" geredet. Das allerdings ärgerte Gottschalk dann erst recht. Am Rande der Veranstaltung beschwerte er sich über Keuter. Gottschalk gestand seinem Bundestagskollegen offenbar nicht zu, seine Rede derart zu kommentieren.

Auf internen Facebook-Gruppen äußerten sich Donnerstag im Laufe des Tages viele Parteifreunde zu Gottschalks Boykott-Aufruf. Gottschalk selbst kündigte eine Entschuldigung an. Allerdings, fügte er vorher noch hinzu, wünsche er sich "die gleiche mediale Aufmerksamkeit, wenn Gastwirte, die uns beherbergen boykottiert werden".
Via Facebook entschuldigte sich Gottschalk dann tatsächlich "bei den türkischen Geschäftsleuten und bei meinen Parteimitgliedern". Jeder der ihn kenne, so der Gauland-Vize, "weiß, dass ich so etwas wirklich nicht denke und auch nie sagen würde." Tatsächlich weiß man jetzt, dass Gottschalk so etwas eben doch gesagt hat.

AfD-Kollege fordert Gottschalk zum Rücktritt auf

Einige seiner "Parteimitglieder" finden das alles andere hinnehmbar. Martin Renner, wie Gottschalk und Keuter AfD-Bundestagsabgeordneter aus Nordrhein-Westfalen, sprach dem stern gegenüber von einer "ganz und gar unverzeihlichen Entgleisung" Gottschalks. Der Aufruf zum Boykott türkischer Geschäfte sei "nichts Anderes als die Aufforderung zur Kopie einer Nazi-Methode".

Renner reicht Gottschalks Entschuldigung nicht aus. "Ich fordere den Kollegen Gottschalk auf, die persönlichen Konsequenzen sofort zu ziehen. Nur der sofortige Rückzug aus allen Partei- und Fraktionsämtern kann weiteren Schaden abwenden." Dass der an sich erfahre AfD-Spitzenmann Kay Gottschalk am Rednerpult gewissermaßen ausgerutscht ist, bezweifelte Andreas Handt, der bei der Bundestagswahl als Direktkandidat der AfD in Unna angetreten ist. "Das geht gar nicht, was er da gesagt hat, und das war auch kein Versehen oder aus Emotion", so Handt zum stern. "Das war der Wunsch, einen knallen zu lassen."

Der stern erreichte Kay Gottschalk Donnerstag nur per SMS. Er schrieb, dass er den Vorfall "ehrlich bedauere". Die Frage, wie er zu seinem Boykottaufruf gekommen sei, ließ Gottschalk unbeantwortet.  

Britta Haßelmann bei ihrer Rede im Bundestag



Themen in diesem Artikel