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Afghanistan-Konferenz: Die Angst vor dem zweiten Vietnam

Der Druck, aus Afghanistan abzuziehen, wächst beständig - in den USA ebenso wie in Deutschland. Deshalb geht es auf der Londoner Konferenz auch darum: Wie zuverlässig ist Hamid Karzai?

Von Axel Vornbäumen

Am Dienstagabend, kurz bevor sie zum Abendessen mit Afghanistans Präsident Hamid Karzai ging, hatte die Kanzlerin noch einmal für ein paar Minuten Barack Obama an der Strippe. Es war so etwas wie ein Pflichtanruf beim US-Präsidenten. Angela Merkel wollte den wichtigsten Verbündeten kurz vor der Londoner Afghanistan-Konferenz persönlich informieren, welche Mittel die Deutschen in den kommenden Jahren beisteuern, um das immer unruhiger werdende Land am Hindukusch zu befrieden. Aus Berlin kam das erwartete Signal: Ja, wir werden mehr tun. Aber ob das nun viel ist oder wenig, das, weiß Merkel, hängt immer auch vom Standpunkt des Betrachters ab.

In Berlin, das in dieser Hinsicht einiges gewohnt ist, ging zu diesem Zeitpunkt gerade ein ungewöhnlicher Tag zu Ende, an dem Erklärungen zu Afghanistan im Halbstundenrhythmus abgegeben wurden. Mancher, wie Außenminister Guido Westerwelle, der Deutschland in London vertreten wird, tat dabei so, als habe man in kleiner schwarz-gelber Runde in der Nacht zuvor das Rad neu erfunden, acht Jahre nach Beginn des Engagements am Hindukusch. Von "Strategiewechsel" war die Rede - und von "Neustart." Große Worte. Der Minister wirkte mal wieder, als sei er allein für das Schicksal des Planeten verantwortlich.

Die Schieflage beim "burden sharing"

Merkel hält solche Etiketten eher für "Geschmackssache". Sie neigt nicht zum Pathos - und in dieser Angelegenheit schon gar nicht. Im Gespräch mit dem US-Präsidenten dürfte der Ton deshalb eine ganze Spur nüchterner ausgefallen sein, in angemessener Bewertung der eigenen Kräfteverhältnisse. Im Kanzleramt hält man die Aufstockung des Bundeswehrkontingents um 850 Soldaten sowie die Konzentration der Bundeswehr auf die Ausbildung der afghanischen Armee (statt bislang 280 sollen demnächst 1400 Soldaten dafür sorgen) sowie die deutliche Anhebung ziviler Mittel zwar für ein "schlüssiges Konzept." Doch Merkel weiß auch: Es gibt Dinge, die lassen sich nur schwer miteinander vergleichen. Die deutschen Anstrengungen mögen groß erscheinen, in Relation zu denen der Amerikaner sind sie allemal bescheiden. Die USA, in Afghanistan mit 90.000 Soldaten vertreten, lassen sich ihr Engagement am Hindukusch jährlich etwa 50 Milliarden Dollar kosten. Washington zahlt mehr für den Wiederaufbau als alle Geldgeber aus Europa zusammen.

Aufgrund der Schieflage beim "burden sharing" ist die Suche nach dem gemeinsamen Ton in London an diesem Donnerstag oberste Diplomatenpflicht. Die Interessen sind durchaus ähnlich gelagert - Afghanistan soll kein zweites Vietnam werden, sowohl in den USA als auch in Europa wächst der Druck beständig, eine greifbare Abzugsperspektive für die Truppen zu entwickeln. Die "Übergabe in Verantwortung" ist das Stichwort - die Afghanen sollen so schnell wie möglich selbst für ihre Sicherheit sorgen. Auch Afghanistans Präsident Karzai sieht das so. Aber auch beim Ausbau des gigantischen Sicherheitsapparates - 134.000 Polizisten, 171.600 Soldaten bis 2011 - sind die USA dominant.

Karzai hat viel Kredit verspielt

Bundesaußenminister Westerwelle will mit der Reduzierung der Truppen bereits im kommenden Jahr beginnen und hält ein endgültiges Abzugsdatum bis 2014 für möglich. Merkel will das nicht so eindeutig formulieren. "Wir wollen uns nicht auf ein konkretes Abzugsdatum festlegen, weil wir die Entwicklung nicht voraussehen können", sagte sie auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Karzai am Mittwoch in Berlin.

Karzai selbst hat inzwischen viel von dem Kredit verspielt, der ihm zu Amtsantritt von der internationalen Staatengemeinschaft gewährt worden war. In London steht Afghanistans Präsident deshalb auch auf dem Prüfstand, wie ernsthaft seine Bemühungen wirklich sind, das eigene Land nach westlichen Maßstäben einigermaßen zu befrieden. Washington, Berlin und alle anderen in Afghanistan engagierten Nationen wollen stärker Druck ausüben. Doch es eint sie das Dilemma, dass eine akzeptable Alternative für Karzai nicht in Sicht ist.