HOME

AL-Kaida-Fahndung: Edelsteinhändler unter Terrorverdacht

Die Bundesanwaltschaft hat einen 45-jährigen Edelsteinhändler aus Rheinland-Pfalz festnehmen lassen. Aleem N. soll das Terror-Netzwerk Al Kaida mit Geld und Ausrüstung unterstützt haben.

Von Martin Knobbe

In einem früheren Gespräch mit stern.de hatte Aleem N. die Vorwürfe bestritten und behauptet, er sei vom pakistanischen Geheimdienst gefoltert und zu Aussagen genötigt worden. Aleem N. wurde am Donnerstag von der Festnahme völlig überrascht. Offenbar hatte ihn sein Stiefsohn bei den Behörden schwer belastet. Daraufhin nahmen ihn Beamte des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz fest und durchsuchten seine Wohnung im rheinland-pfälzischen Germersheim. Freitag Mittag erließ ein Richter des Bundesgerichtshof Haftbefehl.

Generalbundesanwältin Monika Harms ermittelt schon seit längerem gegen Aleem N. Bisher hatten die Vorwürfe aber nicht ausgereicht, um ihn in Untersuchungshaft zu nehmen. Aleem N. soll zwischen April 2005 und Juni 2007 viermal ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet gereist sein und dort mehrere tausend Euro an Verantwortliche von Al Kaida übergeben haben. Er soll außerdem für das Terrornetzwerk Ferngläser, Funkgeräte und Nachtsichtgeräte besorgt haben. Nach den Ermittlungen hat Aleem N. auch ein Terrorcamp besucht und einen Mann aus Deutschland als Kämpfer für Al Kaida angeworben.

Nach Informationen von stern.de wird ihm weiter vorgeworfen, die pakistanische Terrororganisation Lashkar-e-Taiba (Armee der Reinen) zu unterstützen. Die Gruppe soll in mehrere Anschläge verwickelt gewesen sein, zuletzt 2006 in eine Anschlagsserie in Bombay. Seit 2005 führt sie die UN auf ihrer Liste von Terrororganisationen, die Verbindungen zu Al Kaida haben.

Wilde Drohungen

Die deutschen Behörden beobachten Aleem N. seit sechs Jahren. Der studierte Maschinenbauer, der 1987 von Pakistan nach Deutschland kam, mit einer Deutschen verheiratet ist und den deutschen Pass besitzt, arbeitete damals für das "Institut für Transurane" bei Karlsruhe. Drei Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 soll er gedroht haben: "Solche Anschläge wird es auch in Deutschland geben." So haben es Kollegen den Behörden erzählt. Aleem N. sagt, sie hätten ihn missverstanden. Monate später soll er einen Polizisten bedroht haben, der seiner Meinung nach den Propheten Mohammed verhöhnt habe. "Wenn wir in Pakistan wären, würde ich Dich dafür töten", soll er zu dem Polizisten gesagt haben.

Nachdem er nicht mehr für das Institut arbeitete, machte sich Aleem N. als Händler von Edelsteinen und Halbedelsteinen selbstständig. In einem früheren Gespräch mit stern.de sagte Aleem N., er sei nur wegen des Einkaufs von Edelsteinen regelmäßig nach Pakistan gereist, zuletzt im Mai vergangenen Jahres. Er habe zuerst einen seiner Brüder in Lahore besucht, dann sei er in den Norden aufgebrochen. Im Grenzgebiet zu Afghanistan habe er Händler besucht, dort, wo auch viele Taliban-Kämpfer leben und die Ausbildungslager von Al Kaida liegen sollen.

Schläge nach der Festnahme

Kurz vor seiner Rückreise aus Pakistan wurde Aleem N. auf dem Flughafen von Lahore festgenommen. Gegenüber stern.de hatte Aleem N. behauptet, er sei dann mehrere Wochen vom pakistanischen Geheimdienst fest gehalten gefoltert worden. Es war der 18. Juni, ein Montag, gegen vier Uhr morgens. Aleem N. wollte von Lahore über Katar nach Deutschland zurückreisen, als er im Flughafen von zwei Männern festgehalten wurde. Sie hätten gesagt, sie wollten die Edelsteine in seinem Gepäck genauer untersuchen. Dann hätten sie ihn zu einem Auto gebracht. Ihm seien die Füße gefesselt und mit einem schwarzen Band die Augen verbunden worden. Man habe ihm einen Sack aus dickem Stoff über den Kopf gestülpt. Gleich beim Verhör hätten ihn die pakistanischen Agenten geschlagen. Sie hätten dafür einen Holzstiel verwendet, an dem der Teil eines alten LKW-Reifens befestigt worden war. Auch ein Bambusstock sei im Zimmer gewesen, damit sei er aber nicht malträtiert worden. Die folgenden zwei Monate, so erzählte es Aleem N., habe er in drei unterschiedlichen Gefängnissen verbracht, meistens in einer Einzel-Zelle, meist lag das Gefängnis unter der Erde, er habe nie das Sonnenlicht gesehen. Fast täglich habe man ihn verhört, zwischen sieben und zehn Stunden lang, nur sonntags nicht. Zwei Stunden vor den Verhören sei er oft in einen Raum gesperrt worden, in dem nur ein harter Holzhocker stand. Der Raum sei abgekühlt gewesen, er habe gefroren. Er sei mit Fäusten und mit der flachen Hand geschlagen worden. Auch eine offene Verletzung an seiner rechten Hand sei getroffen worden, er habe geblutet. Ab dem zweiten Tag sei er auch von westlichen Geheimdiensten vernommen worden. Die Agenten, zwei Männer und eine Frau, hätten englisch mit ihm gesprochen und wollten vor allem erfahren, wohin er in Europa schon überall gereist sei und welche Kontakte er zu Terrorverdächtigen habe. "Was haben Sie vor? Was haben Sie für Pläne?", habe ihn die Frau gefragt. Auch über seinen Aufenthalt im Terrorcamp sei er befragt worden. Aus Angst vor weiteren Schlägen habe er alle Vorwürfe zugegeben, erzählte Aleem N. Er habe auch gesagt, Sprengstoff aus "rotem Phosphor" hergestellt zu haben. "Ich wusste, dass Feuerwerksböller daraus bestehen. Darum habe ich das einfach mal erzählt." Später wurde die Aussage aus den Protokollen des pakistanischen Geheimdienstes Grundlage in einen Beschluss des Bundesgerichtshof in den Ermittlungen gegen Aleem N. übernommen.

Freispruch in Pakistan

Aleem N. kam zwei Monate nach seiner Festnahme in Pakistan frei. Der oberste Richter des Supreme Court entschied, gegen den Deutsch-Pakistaner gebe es nicht genügend Beweise. Wenige Tage später kehrte N. nach Deutschland zurück. Aleem N. hatte zugegeben, dass er auch Nachtsichtgeräte nach Pakistan geschafft hat. Er habe zwei Stück einem Freund mitgebracht, der in Nord-Waziristan Herden von Schafen und Kühen habe. Die Ferngläser habe es in Deutschland im Angebot gegeben, 129 Euro das Stück, sagte Aleem N. in einem früheren Video-Interview mit der "New York Times". Die deutschen Bundesanwälte aber sind sich sicher, dass die Geräte für Al Kaida gedacht waren. Bislang hatten die deutschen Behörden vor allem die Aussagen des pakistanischen Geheimdienstes als Grundlage für ihre Ermittlungen zur Verfügung. Sollten die Foltervorwürfe von Aleem N. der Wahrehit entsprechen, könnten diese Erkenntnisse aber nicht für ein deutsches Verfahren verwendet werden. Aussagen unter Folter sind in Deutschland nicht gerichtsverwertbar. Mit den neuen Aussagen des Stiefsohns haben die Behörden nun offenbar weiteres belastendes Material gegen Aleem N. in der Hand. Aleem N. hat sich vor dem Ermittlungsrichter nicht auf die Vorwürfe eingelassen. Sein Anwalt, Manfred Gnjidic, sagt, er werde zunächst die belastenden Aussagen gegen seinen Mandanten auf ihre Glaubwürdigkeit überprüfen.