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Alexa Hennig von Lange: Mein neues grünes Leben

Gar nicht so einfach, die Klimakatastrophe abzuwenden. Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange versucht es trotzdem. Und beschreibt, wie sehr sich ihr Familienalltag verändert hat

Von Alexa Hennig von Lange

Als vierjähriges Mädchen saß ich auf den Schultern meines Vaters, der zwischen lauter langhaarigen Demonstranten in Norwegerpullovern und mit Nickelbrillen stand, und wir alle riefen: "ATOMKRAFT? NEIN DANKE". Anfang der 80er Jahre erreichte dann die Phase "saurer Regen" ihren Höhepunkt. Überall sahen wir Bilder von entlaubten oder degenerierten Bäumen vor rot flammendem Hintergrund. Wir ahnten: Den Rest unseres Daseins werden wir vermutlich hinter Gasmasken oder unter Sauerstoffzelten verbringen. Doch es kam noch schlimmer. 1986 passierte das Reaktorunglück in Tschernobyl. In der Hoffnung, dem schleichenden Tod zu entkommen, stiegen meine Familie und ich ins Auto und fuhren los. Wohin, wussten wir nicht. Mein Vater meinte nur: "Macht euch keine Sorgen!"

Warten auf die Wolke

Meine Mutter sah das etwas anders. Ununterbrochen blickte sie durch die Windschutzscheibe hinauf in den Himmel. So, als könnte sie die eine atomare Wolke entdecken, die von Tschernobyl direkt zu uns herüberwehte. Sie sagte: "Wir werden uns sehr lange nicht mehr im Freien bewegen können." Also stiegen wir vorher noch schnell an einer Raststätte wieder aus, aßen eine Bratwurst und schlurften durch den Parkplatzsand. Wir redeten nicht. Sahen nur in den klaren Himmel und warteten auf die alles versengende Wolke.

Heute könnten wir sagen: "Es ist doch alles gut gegangen! Die Bäume stehen noch! Keines unserer Kinder hat drei Köpfe." Dafür schmelzen die Polkappen, Tornados kreiseln über das gerodete Land und Schlammlawinen begraben ganze Dörfer unter sich. Die einen glauben: "Das hat es schon immer gegeben." Die anderen wissen: "Es bleiben uns weniger als 15 Jahre, das Ruder herumzureißen, bevor es zu einer Klimakatastrophe kommt."

Ein Greenpeace-Berater muss her

Ich will das Ruder herumreißen. Da ich aber keine Ahnung habe, wie ich das wirkungsvoll anstelle, lade ich den Greenpeace-Berater Jörg Feddern zu uns ein. Bevor er da ist, schäme ich mich schon für all meine Umweltsünden, die ich gedankenlos begehe. Bestimmt wird er stumm den Kopf schütteln, wenn er all die grellfarbenen Putzmittelflaschen hinter der Klappe über dem Kühlschrank findet. Oder leise "tztztz" machen, wenn er die Ansammlung diverser Frühstücksflockenkartons entdeckt. Ich sage es besser gleich: Unsere Tochter besitzt viele rosafarbene Lillifee-Artikel aus Plastik, die leicht kaputtgehen oder nach anfänglicher Euphorie in dem Papiermüllberg unter dem Schreibtisch verschwinden.

Als Jörg Feddern - der einen handfesten Eindruck macht - seine Jacke ausgezogen hat, frage ich ihn schüchtern, ob er einen Kaffee trinken möchte. "Warum nicht?" Na, weil der kein Fair-Trade-Produkt ist. Mit dem Thema habe ich mich noch nicht ernsthaft auseinandergesetzt, obwohl Chris Martin, der Mann von Gwyneth Paltrow, ständig Werbung dafür macht. Heute sehe ich mein Leben generell in eher schändlichem Licht. Nicht ganz zu Unrecht, denn leider produziere ich mit fast allem, was ich tue, das böse Treibhausgas CO2. Da liegt der verstörende Vorschlag mancher Experten nahe, keine Kinder mehr in die Welt zu setzen, da jedes neugeborene Leben den CO2-Ausstoß zusätzlich erhöht. Ich denke: "Wenigstens kaufe ich im Bioladen ein." Stolz zeige ich Jörg Feddern meinen Blattsalat. Der - trotz Ökosiegels - leider aus Spanien kommt. Durch die Verpackung entsteht Müll, und der Transport trägt zur Klimakatastrophe bei.

Regionales Gemüse ist besser

Besser ist es, ich konzentriere mich auf regionales Gemüse. Wobei es auch nicht so gut ist, Fleisch zu essen. Wenn ich am Tag nur 50 bis 80 Gramm Fleisch zu mir nehme, bedeutet dies, dass ich pro Jahr auf 580 Kilogramm CO2 komme. Denn: Die Tiere werden mit genmanipuliertem Soja gefüttert, das im Amazonasgebiet in Monokultur angebaut wird. Dafür müssen riesige Flächen unentbehrlichen Regenwaldes abgeholzt werden. Außerdem wird der Boden durch chemische Düngemittel belastet. Später wird das Futter zu uns geflogen, wodurch enorme Mengen CO2 in die Atmosphäre abgegeben werden. Dazu kommt, dass eine Milchkuh mit ihren Rülpsern beim Wiederkäuen pro Jahr 114 Kilogramm des schädlichen Treibhausgases Methan verursacht. Tiefkühlkost ist auch nicht ratsam, da die nicht nur bei mir zu Hause im Eisfach gekühlt werden muss, sondern auch während des Transports und im Laden selbst. Beim nächsten Einkauf werde ich daran denken. Sowieso meint mein Mann, wir sollten im Vorgarten Erbsen anpflanzen, möglicherweise sogar Spinat. In jedem Fall richten wir gerade einen Komposthaufen hinter den Sträuchern ein.

Obwohl es regnet (eigentlich regnet es immer in Hannover), fahre ich mit dem Rad zum Einkaufen in die Stadt. Es ist nicht so, dass sich die Autofahrer über Radfahrer freuen. Vielmehr versuchen sie, mich von der Straße abzudrängen. Der Weg bis zum Bioladen ist also nicht der ungefährlichste, dafür aber der umweltschonendste.

Keine Glücks-Tee, keine Bananen

Im Bioladen kenne ich mich aus. Allerdings merke ich sehr schnell, dass ich viele Lebensmittel, die ich sonst einkaufe, heute liegen lasse. Zum Beispiel meinen ayurvedischen Glücks-Tee. Leider ist der nämlich kein Erzeugnis aus Hannover, sondern stammt aus Amsterdam. Das Gleiche gilt für die Bananen. Sie kommen von noch weiter her. Der Salat wurde - wie wir jetzt wissen - in Spanien geerntet, ebenso die Tomaten. Bei den Paprikaschoten gucke ich schon gar nicht mehr hin. Also kaufe ich Möhren, Äpfel, Gurken, Radieschen und Kartoffeln. Irgendetwas wird mein Mann schon daraus machen können. Zusätzlich nehme ich noch eine Dose mit geschälten Tomaten mit. Die wurden zumindest in Deutschland befüllt. Das freut mich sehr.

Aus der Kühltruhe nehme ich biologische Hühnerbrust. Bei der kann ich wenigstens sicher sein, dass den Hühnern während ihres kurzen Lebens mit Respekt und ohne Medikamente und Sojafutter begegnet wurde. Zehn Eier packe ich auch noch in meinen Wagen. Sie sind von freilaufenden Hühnern. Ich würde sagen: Das schmeckt man sogar. Butter und Milch kaufe ich auch, wobei ich beschließe, meinen Kaffee in Zukunft ohne Milch zu trinken. Die Tatsache, dass Milchkühe ununterbrochen trächtig gehalten werden, schockiert mich doch etwas. Beschämenderweise habe ich noch nie darüber nachgedacht.

Kindheitserinnerungen durch Pflegemilch

Im Gang an der Kasse suche ich mir noch eine Flasche Malven-Pflegemilch von Weleda aus. Bevor ich sie in den Einkaufswagen lege, schraube ich heimlich den Deckel ab und rieche sicherheitshalber daran. Sofort fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt. Damals cremten sich alle Mütter damit ein. Nicht ohne Grund, wie ich nach ein paar Tagen feststelle. In meinem Leben habe ich viele Körperlotionen ausprobiert, doch diese hier ist mit Abstand die wirkungsvollste. Und sie enthält keine schädlichen Chemikalien, die sich über die Jahre in meinem Fettgewebe ablagern und möglicherweise schlimme gesundheitliche Folgen für mich bedeuten könnten.

Als ich mich auf den Rückweg mache, hat es aufgehört zu regnen. Also fahre ich noch beim Elektrohandel vorbei und besorge uns einige Energiesparlampen. Für die Rechnung muss ich fast einen Kredit aufnehmen. Eine Lampe kostet zwischen sechs und neun Euro! Das ist viel. Besonders, weil meinem Sohn gleich eine aus der Hand rutscht, als er sie aus der Packung nehmen darf. Diese Glühbirnen sehen aber auch wirklich merkwürdig aus. Dafür machen sie hervorragendes Licht, sparen im Vergleich zur normalen Glühbirne bis zu 80 Prozent Strom ein und halten 20-mal länger. Als ich in allen Räumen die Lampen eingedreht habe, merke ich richtig, wie gut mir das tut. Und der Umwelt erst recht.

Finger weg von Tetrapacks

Aber auch meiner Arm- und Rückenmuskulatur kommt der Einkauf zugute. Zwar habe ich keine Bananen oder anderes schweres Obst gekauft, dafür aber Milch und Saft in Flaschen. Die sorgen für einiges Gewicht in meiner Fahrradtasche. Denn: Jörg Feddern hat mir dringend geraten, keine Tetrapaks mehr zu kaufen. Auch wenn wir die hier in Hannover im gelben Sack vor die Tür stellen können, erzeugen wir damit Müll. Überhaupt ist es wichtig, möglichst auf abgepackte Ware zu verzichten. Leider vergesse ich noch einige Male, meine Fahrradtasche zum Einkaufen mitzunehmen, weswegen ich auf die Papiertüten im Bioladen zurückgreifen muss. Das ist in zweierlei Hinsicht dumm: Der hannoversche Regen durchweicht die Taschen, und zu Hause weiß ich nicht, wohin mit den klumpigen Dingern.

Seit Jörg Feddern bei uns zu Gast war, verwenden wir Ökowaschmittel. Zuerst war mein Mann dagegen, weil er vor zehn Jahren schon einmal Erfahrung mit "diesem Zeug" gemacht hat. Er sagte: "Danach riecht die Kleidung wie nasses Papier." Inzwischen wurde offenbar an der Rezeptur gefeilt. Ich halte ihm die frisch gewaschene Wäsche unter die Nase, und er stellt fest: "Ah, der Geruch erinnert mich an irgendwas." Genau. An seinen geliebten schwarzen Tee aus China - den er jetzt nicht mehr trinkt. Dazu kommt noch ein Hauch Zitrone. In jedem Fall ist der Geruch alles andere als unangenehm. Und sauber ist die Wäsche außerdem. Für sparsame Konsumenten könnte noch interessant sein, dass Ökowaschmittel und Ökoputzmittel wesentlich günstiger sind als herkömmliche Markenprodukte. Jörg Feddern hat mir geraten, die Wäsche immer auf höchster Stufe zu schleudern, bevor ich sie in den Trockner tue. So wird beim Trocknen weniger Energie verbraucht.

Der Geschirrspüler darf bleiben

Auch gegen unsere Geschirrspülmaschine hat unser Berater nichts einzuwenden, solange sie nur angestellt wird, wenn sie voll beladen ist. Dann kann sie sogar wasser- und stromsparender sein, als wenn wir alles mit der Hand abwaschen würden. Was ich nicht wusste, ist, dass mein Handy durch das Aufladekabel weiter Strom aus der Steckdose zieht, obwohl es bereits voll aufgeladen ist. Dafür können wir unsere Espressomaschine getrost auf Stand-by geschaltet lassen, wie Jörg Feddern mit seinem Strommessgerät erfreut festgestellt hat. Die geht nur auf 800 Watt hoch, wenn wir tatsächlich Kaffee zapfen.

Überhaupt war Jörg Feddern richtig begeistert, als er feststellte, dass wir im Haus alle elektrischen Geräte - außer der Espressomaschine - ausschalten, wenn wir sie nicht benutzen. Das habe ich von meinen Eltern gelernt, mit denen ich ja vor 30 Jahren schon die Anti-Atomkraft-Demonstration besuchte. Sowieso wechsle ich gerade zu einem Ökostromanbieter. Das geht ganz leicht. Im Internet einfach die entsprechende Seite aufrufen, zum Beispiel: www.lichtblick.de, und den Stromzählerstand und die Kontoverbindung angeben. Alles andere erledigt mein neuer Stromversorger für mich.

Das Besserwisser-Problem

Weniger leicht fällt es mir, nicht sämtliche Leute in meinem Umkreis bekehren zu wollen. Besonders, wenn sie anfangen, von ihren geplanten Urlauben nach Rio de Janeiro zu erzählen. Ich könnte sagen: "Weißt du, wie viel CO2 du allein auf dem Hin- und Rückweg in die Luft pustest? Sieben Tonnen!" Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wer trotzdem nicht aufs Fliegen verzichten will oder aus beruflichen Gründen nicht kann, hat die Möglichkeit, für die von ihm verursachten Klimagase an die Organisation Atmosfair zu zahlen. Das Geld wird dann in Solar-, Wasserkraft-, Biomasse- oder Energiesparprojekte investiert. Eigentlich ist das alles gar nicht so kompliziert. Wer nicht weiß, wo er anfangen soll: auf Alufolie verzichten. Duschen statt Baden. Oder: Im Garten eine Regentonne aufstellen. Das machen wir heute. Wie gesagt: In Hannover regnet es besonders oft.

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