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"Land unserer Väter" Welches Deutschland meint Gauland eigentlich?


"Das Land unserer Väter" hat es AfD-Vize Alexander Gauland angetan. Klingt nach guter, alter Zeit. Nur: Welches Deutschland genau meint er? Das der Nazi-Zeit? Das der Spitzeleien in Kneipen? Das der Hurrapatrioten?

AfD-Vize Alexander Gauland sagt viel in jüngster Zeit. Manchmal erinnert er sich später daran nicht mehr. Oder er hat es ganz anders gemeint. Oft scheint es, als ob Gauland selbst nicht wüsste, was seine Worte bedeuten sollen. Bei "Anne Will" in der ARD sagte er den Satz: "Ich möchte dieses Land, wie wir es von unseren Vätern ererbt haben. Und so soll es bleiben."

Doch nun fragen wir: Was hat er gemeint? Von welchem Deutschland spricht Alexander Gauland eigentlich?

Meint er ...

... das Deutschland der Demonstrationen?

Die 50er-Jahre waren, entgegen vielen Behauptungen, weder ruhig noch unpolitisch: 1952 beteiligten sich fast zwei Millionen Menschen an Demonstrationen gegen das Betriebsverfassungsgesetz. Gegen die Wiederbewaffnung (und mögliche atomare Aufrüstung) der Bundeswehr gingen ebenfalls Millionen Deutsche auf die Straße. Und am 17. Juni 1953 wurde in der DDR der Volksaufstand niedergeschlagen - mit Dutzenden Toten. Die Zeit war allein deswegen bewegt, weil ganze Generationen dabei waren, ihr Land und ihre Gesellschaft nach dem Krieg völlig neu zu definieren. Ein wenig wie heute, nur in Trümmern und unter den Argusaugen der Alliierten.

... das Deutschland der Trümmer?

Das Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs, 1945. Die Städte liegen in Trümmern, die Menschen leiden Hunger und Not. Die Väter sind im Krieg gefallen oder werden erst in etlichen Jahren traumatisiert aus der Gefangenschaft kommen. Was die Zukunft bringt ist ungewiss. So konnte es nicht bleiben.

... das Deutschland, in dem Extremisten Menschen anderen Glaubens systematisch vernichtet haben?

Auschwitz und Buchenwald wurden nicht von Islamisten errichtet. Die Nazis bekannten sich, wenn auch ohne Begeisterung, zum Christentum und waren stolz auf die "deutsche Weihnacht". Der Völkermord an den Juden wurde von radikalen Islamisten lange Zeit mit großer Anerkennung bedacht. Hätte es etwa so bleiben sollen?

... das Deutschland der Mauern, Stacheldrähte und des Schießbefehls?

Das geteilte Deutschland zwischen 1945 und 1990 - demokratisch im Westen, kommunistisch im Osten. Dazwischen der Todesstreifen, an dem Deutsche auf Deutsche geschossen haben - und nach jüngsten Erkenntnissen bis zu 1303 Menschen ihr Leben ließen. Die Zeit, als sich durch Berlin die Mauer zog. Ein Deutschland, in dem der eine Teil in Saus und Braus lebte, der andere unter Bananen-Mangel litt. Sollte es so bleiben?

... das Deutschland der Denunzianten?

Mehr als 20.000 Mitschriften von Kneipengesprächen durch die Polizei zur Kaiserzeit liegen heute noch in den Archiven. Vor allem Arbeiter im Deutschen Reich waren beim Feierabendbier Ziel der Spitzel. Bis in die 1950er- und 1960er-Jahre wurden Telefonate überwacht und mitgelesen, Auslandsanrufe waren nur über die Vermittlung vom Amt möglich. Und die Neugierde von "Horch und Guck", der Staatssicherheit in der DDR, war sprichwörtlich. Ist das das Erbe unserer Väter?

... das Deutschland der RAF?

Ist es dieses Erbe, das wir übernehmen und bewahren wollen? Das Land, in dem Kinder des Bürgertums über Jahre hinweg die Revolution proben und mit Gewalt durchzusetzen versuchen? Ranghohe Politiker und Wirtschaftsbosse fallen Attentaten zum Opfer - 34 Menschen sind es zwischen Oktober 1971 und Juni 1993. Hinzu kommen 24 RAF-Mitglieder und -Sympathisanten, die erschossen werden oder bei Hungerstreiks und durch Selbstmord ums Leben kommen.

... das Deutschland der Hurrapatrioten? 

Sommer 1914: Unter Jubel und Fahnenschwenken ziehen unzählige Deutsche in die Schlacht. Es folgt ein Stellungskrieg nie gekannten Ausmaßes, es folgen Giftgaseinsätze, zehn Millionen Tote und eine Generation von Männern, Frauen und Kindern, die bis ans Ende ihres Lebens mit den Folgen einer gedankenlosen Kriegstreiber-Politik zu leben hatten. 

... das Deutschland der Gastarbeiter?

Arbeitskräfte wurden gerufen, doch Menschen sind gekommen, hieß es später. Im Deutschland des Wirtschaftswunders gab es so viel Arbeit, dass Facharbeiter aus dem Ausland angeworben wurden, letztlich der Beginn von Multikulti. Ein Erbe dieses Deutschlands sind Fußball-Nationalspieler wie Mesut Özil. Auch das ein Deutschland, das wir von unseren Vätern geerbt haben. Es ist aber offenkundig nicht das Land, von dem Alexander Gauland spricht.

Bleibt am Ende die Frage: Wo liegt eigentlich dieses Gauland? 

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