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Angebliche Hetz-Mail: Alice Weidel: "Springe nicht über jedes absurde Stöckchen, das man mir hinhält"

Hat AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel eine rassistische E-Mail aus dem Jahr 2013 wirklich geschrieben? Sie bestreitet das, will sich aber nicht weiter äußern. Politiker anderer Parteien fordern Ermittlungen.

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel am Rednerpult - Sie will nicht mehr über E-Mail-Skandal sprechen

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel bei einem Wahlkampfauftritt in Pforzheim. Sie will die Debatte um eine angeblich von ihr verfasste rassistische E-Mail "nicht auch noch befeuern".

"Ein Schelm, der Böses dabei denkt." AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel hat den Zeitpunkt für die Veröffentlichung einer angeblich von ihr stammenden E-Mail mit rassistischen Äußerungen als entlarvend dafür hingestellt, dass es sich um eine "erbärmliche Kampagne" gegen sie handele. "Zwei Wochen vor der Bundestagswahl werde ich wirklich nicht über jedes absurde Stöckchen springen, das man mir hinhält und diese plumpe Kampagne auch noch selbst befeuern", sagte Weidel in einem Wahlchat auf "welt.de". Es sei ja gerade Sinn und Zweck der angeblichen Kampagne, die Partei so kurz vor der Bundestagswahl am 24. September in einen Rechtsstreit zu verwickeln.

Weidel, die vor einigen Tagen eine ZDF-Wahlsendung mit einem Hinweis auf eine angeblich tendenziöse Moderation vorzeitig verlassen hatte, stellte sich dem Chat, obwohl es die "Welt am Sonntag" ("WamS") war, die die angebliche, aus dem Jahr 2013 stammende E-Mail mit brisantem Inhalt veröffentlicht hatte. In dem von dem Blatt zitierten Schreiben werden Araber, Sinti und Roma als "kulturfremde Völker" bezeichnet, von denen "wir" "überschwemmt" werden. Außerdem werden deutsche Spitzenpolitiker als "Schweine" bezeichnet, die "Marionetten der Siegermächte" des Zweiten Weltkriegs seien. Die Bundesrepublik sei nicht souverän, die deutsche Justiz bis in höchste Gremien korrupt.

"Das werden Sie sehen, was wir tun werden"

Auf die Frage eines Chat-Teilnehmers, ob sie eine eidesstattliche Versicherung abgeben würde, dass die E-Mail nicht von ihr stamme, antwortete Weidel eher ausweichend: "Das werden Sie sehen, was wir tun werden." Ihre Anwälte seien mit der Sache befasst, sie selbst werde sich "daran nicht beteiligen". Offenbar will die AfD die Angelegenheit bis nach der Wahl hinauszögern, um das Wahlkampf-Finale der Partei nicht damit zu belasten. Über die Stellungnahme ihres Sprechers hinaus werde sie sich nicht weiter dazu äußern, kündigte Weidel an. AfD-Sprecher Christian Lüth bestätigte dem stern am Montag, dass es "vorerst" keine Stellungnahme mehr geben werde. Lüth hatte die Mail auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (DPA) am Sonntag als "Fälschung" bezeichnet, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP sagte Lüth ebenfalls bereits am Sonntag, Weidel habe ihm gegenüber versichert, dass die E-Mail nicht von ihr stamme.

Die "WamS" bleibt dagegen bisher bei ihrer Darstellung. Der Zeitung liegen nach eigenen Angaben eine eidesstattliche Versicherung und weitere Aussagen vor, aus denen hervorgehe, dass Weidel den Text verfasst habe. Sie stammten "aus dem ehemaligen Bekanntenkreis von in Frankfurt am Main", dem Banker, Kaufleute und Unternehmensberater angehörten.

Meuthen: Kein Grund, Alice Weidel infrage zu stellen

Trotz der brisanten Vorwürfe gegen sie gab sich die 38-jährige AfD-Politikerin zu Beginn des Chats am Rande einer Wahlveranstaltung in Donauwörth zunächst gelöst. Auf die E-Mail angesprochen, wurde sie dann ernster, berichtete, dass sie am Samstagabend ihre Kinder zu Bett gebracht habe, die sie wegen des Wahlkampfs wochenlang nicht gesehen hatte, und schloss dann an: "Ich finde das einfach nur unfassbar." Der Co-Spitzenkandidat der AfD, Alexander Gauland, nannte die Vorwürfe gegen Weidel unhaltbar. "Diese E-Mail ist nicht ihre Sprache, passt gar nicht zu ihr", erklärte er auf Anfrage. "Es ist der üble Versuch, die AfD um jeden Preis aus dem Bundestag zu halten."

In einem Talk mit der "Bild"-Zeitung wies AfD-Chef Jörg Meuthen jede Spekulation zurück, Weidel könne als Spitzenkandidatin wackeln. "Diese Frage stellt sich überhaupt nicht", betonte Meuthen. Weidel habe "sehr glaubhaft" versichert, die Mail nicht geschrieben zu haben. Meuthen sprach von "üblichen Spielchen vor Wahlen". Er habe nicht den geringsten Anlass, daran zu zweifeln, dass Weidel nicht die Autorin der Mail sei.

Kubicki fordert Ermittlungsverfahren

Zweifel an der Echtheit der E-Mail gibt es durchaus. Dabei wird auf die ungewöhnlich direkte und ungeschminkte Wortwahl verwiesen, die bei Alice Weidel in der Öffentlichkeit bisher nicht festgestellt werden konnte. Fragen werfen unter anderem auch die nicht verwendeten Umlaute und die Thematisierung einer "Überschwemmung" Deutschlands durch Araber, Sinti und Roma auf, obwohl im Jahr 2013 die Flüchtlingskrise in der heutigen Form noch gar kein Thema sein konnte.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich in den nächsten 14 Tagen nicht herausfinden lässt, ob die Mail von ihr ist oder nicht von ihr ist", zitiert die "Bild"-Zeitung den FDP-Vize Wolfgang Kubicki. Er forderte dementsprechend ein Ermittlungsverfahren gegen die AfD-Spitzenkandidatin. "Sollte die Mail von ihr sein, dann wird sie nach ihrer falschen Erklärung nicht mehr als Spitzenkandidatin zu halten sein", sagte Kubicki. Ähnlich äußerte sich die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), an gleicher Stelle.


dho mit/AFP/DPA

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