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Bundestagswahl: Die AfD und ihre lesbische Spitzenkandidatin Alice Weidel: Wie passt das?

Alice Weidel, frisch gewählte AfD-Spitzenkandidatin, soll ihre Partei mit Tandempartner Alexander Gauland in den Bundestag führen. Sie trägt den Rechtsruck der AfD mit, obwohl sie so überhaupt nicht zu ihrer Partei zu passen scheint - zumindest auf den ersten Blick.

8 Fakten über die Spitzenkandidatin: Alice Weidel: Ihr Privatleben passt nicht zum Bild der konservativen AfD

Nach ihrer Wahl zur Spitzenkandidatin der AfD auf dem Bundesparteitag in Köln gab es Standing Ovations für sie: In ihrem dunklen Hosenanzug ließ sie sich auf der Bühne im großen Saal des Maritim-Hotels feiern (die Analyse zum Bundesparteitag lesen Sie hier im stern). Gemeinsam mit ihrem Parteikollegen Alexander Gauland will Alice Weidel die AfD im September in den Bundestag führen.

Alice Weidel studierte Volkswirtschaft und BWL in Bayreuth, als "Jahrgangsbeste", wie sie betont. 2011 veröffentlicht sie ihre Doktorarbeit mit dem Titel "Das Rentensystem der Volksrepublik China: Reformoptionen aus ordnungstheoretischer Sicht zur Erhöhung der Risikoresistenz", gefördert durch die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung. Später arbeitete sie bei diversen Unternehmen aus dem Finanzsektor, auch im Ausland. Inzwischen ist Weidel in der Start-up-Förderung beruflich zuhause.

Alice Weidel begann als Euro-Kritikerin

Auf den ersten Blick scheint die 38-Jährige so überhaupt nicht zur AfD zu passen. Sie wirkt modern und emanzipiert, sie gibt sich liberal und kosmopolitisch. 2013 begann ihre Parteikarriere, die politische Heimat wurde die AfD. Das war insofern überraschend, als dass Weidel mit ihrer Lebensgefährtin verpartnert ist und mit ihr zusammen am Bodensee zwei Kinder großzieht. Das ist zwar Privatsache, aber dennoch bemerkenswert: In ihrem Grundsatzprogramm erhebt die Partei das traditionelle Familienmodell aus Vater, Mutter, Kindern zum Ideal, immer wieder sorgen Parteimitglieder mit homophoben Äußerungen für Schlagzeilen - das Lebensmodell Weidels scheint also nicht so wirklich zur AfD zu passen.

Aber es ist auch nicht die Familienpolitik, die Alice Weidel in die Partei trieb. In ihrem Eintrittsjahr 2013 steckte die AfD noch in den Kinderschuhen, der Mann an der Spitze hieß Bernd Lucke und die Partei kannte vor allem ein Thema: den Euro und seine Abschaffung in Deutschland. Das passte ins Konzept der Ökonomin Weidel: Noch heute nennt sie sich selbst "profunde Euro-Kritikerin" und leitet den Bundesfachausschuss "Euro und Währung" der AfD. Wer sich durch ihre Positionen arbeitet, merkt, dass sie sich vor allem wirtschaftspolitisch profilieren wollte.

Die AfD 2017 ist aber nicht mehr die AfD 2013: Die Euro-Skepsis ist zugunsten eines anderen Themas nach hinten gerückt. Die Zuwanderung von Hunderttausenden Menschen nach Deutschland innerhalb der letzten beiden Jahre hat die Partei zu einem Sammelbecken des Protests gemacht: von besorgten Bürgern bis hin zum völkisch-nationalen Flügel eines Björn Höcke. Der Mann an der Spitze ist nicht mehr Wirtschaftswissenschaftler Bernd Lucke, sondern Rechtsausleger Alexander Gauland. 

Passt die Spitzenkandidatin zur Partei?

In diesem parteiinternen Koordinatensystem verortet sich Weidel selbst als "konservativ-liberal". Das klingt nett, dass klingt ein bisschen nach CDU und das klingt ein bisschen nach FDP - verkörpert von einer intelligenten, charmant wirkenden Geschäftsfrau. Und vor allem klingt es auch schon wieder gar nicht so sehr nach AfD 2017.

Aber auch Weidel klingt inzwischen nicht mehr nur nach Euro-Kritikerin, ihr Ton wird zunehmend rauer, längst hat sie ihr Themenspektrum erweitert - auf das Lieblingsthema der Partei, die Zuwanderungspolitik.

Geschickt verbindet sie ihre wirtschaftlichen Analysen mit flüchtlingsfeindlichen Aussagen: Die bei der Altersvorsorge benachteiligten Arbeitnehmer müssten "mit ihren Steuergeldern einem Millionenheer von ungebildeten Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika eine Rundumsorglos-Versorgung finanzieren", sagte sie im vergangenen Jahr - das klingt dann gar nicht mehr so liberal, geschweige denn nett.

Auf ihrer Facebook-Seite wettert die frischgebackene Spitzenkandidatin gegen Krankenversicherungen für Flüchtlinge, sie spielt mit Verallgemeinerungen. Deutsch-Türken, die für Erdogans Verfassungsreform gestimmt haben, will sie die deutsche Staatsbürgerschaft entziehen - das dürfte in den meisten Fällen grundgesetzwidrig sein. Sie wirft den Islam mit dem Islamismus in einen Topf, sie verbreitet bevorzugt Meldungen über Straftaten von Zuwanderern. So gibt sie dem rechten Flügel ihrer Partei Zucker, das ist Populismus par excellence. 

"Wir haben es allen gezeigt!"

Lieblingsfeindin der AfD und auch von Weidel ist Bundeskanzlerin Angela Merkel: Im TV-Talk "Maischberger" machte sie die Kanzlerin für den Mord an einer Freiburger Studentin mitverantwortlich, nachdem ein 17-jähriger geflüchteter Afghane als Tatverdächtiger festgenommen wurde. Im AfD-Duktus bezeichnet sie Merkel als "Schleuserin", regelmäßig fordert sie den Rücktritt der Kanzlerin, weil Deutschland bei der derzeitigen Zuwanderungspolitik keine Zukunft habe. So etwas hört die Parteibasis gerne.

In ihren Reden wirkt Weidel bedächtig, bisweilen hölzern. Aber sie kann auch anders, sie beherrscht die Parteitagsrhetorik, auch ihre Äußerungen haben die Schärfe, die von anderen AfD-Mitglieder bekannt ist: Wenn sie Fahrt aufnimmt, sagt sie Sätze wie "Für unser Deutschland werde ich kämpfen, so wahr mit Gott helfe.", die AfD werde "Deutschland rocken", "Wir haben es allen gezeigt: den Medien, den Altparteien, der Antifa" - die Delegierten in Köln waren begeistert von soviel Patriotismus, sie stimmten "A-F-D"-Sprechchöre an.

Die AfD ist weiter nach rechts gerückt

Von Weidel stammt auch der Satz, der nicht nur in den sozialen Netzwerken heftig diskutiert wurde: "Wir werden uns als Demokraten und Patrioten (...) nicht den Mund verbieten lassen. Denn die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte." Ein Satz, der zumindest viel Interpretationsspielraum lässt. Wer radikal ist, kann ihn auch als Legitimation für Hetze begreifen.

In der Debatte um den Parteiausschluss von Björn Höcke, Gallionsfigur des völkisch-nationalen Flügels, vermied es Weidel, klar Stellung zu beziehen. Stattdessen sagte sie, man werde bis zu einer Entscheidung des Schiedsgerichtes "gemeinsam Wahlkampf machen", sie und Höcke seien "zwei Teile einer Partei." Weidel hat es versäumt, sich eindeutig von antisemitischen oder rassistischen Ideologien in der Partei zu distanzieren, stattdessen scheint die AfD nach dem Sturz von Frauke Petry weiter nach rechts gerückt zu sein, als je zuvor - Alice Weidel nimmt das in Kauf. Sie ist jetzt Frontfrau dieser AfD 2017. Das passt letztendlich doch ganz gut zusammen.