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Andrea Nahles: Der letzte Mann der SPD

Sie weiß, wie die Partei tickt. Sie hat Genossen zur Macht verholfen - und Parteichefs gestürzt. Jetzt soll Andrea Nahles stellvertretende SPD-Vorsitzende werden. Unterwegs mit der jungen Wilden aus der Eifel.

Von Ulrike Posche

Roulade vom Eifelrind mit Kartoffelstampf und Rotkohl in der Säulenhalle. Dazu 2006er Bad Neuenahrer Kirchtürmchen, Domina Trocken in schön geschliffenen Gläsern und die Mainzer Hofsänger im Felsenkeller. Bis zur Moselrieslingcreme am Ende des Menüs hatte die SPD-Politikerin Andrea Nahles jenen Sonntag vor dem großen SPD-Knall blendend abgespult. Erst moderierte sie flott eine Dichterlesung, dann eine Scheckübergabe, schließlich meisterte sie die steilen Treppen der Burg Eltz, die ihrer Hüfte sichtlich Mühe machten. Und immer strahlte sie dabei wie eine Braut, die gleich den Strauß wirft. Sie wusste ja noch nicht, dass ein zürnender Kurt Beck, der Vorsitzende aller Sozialdemokraten, sich gerade warm lief und allen am nächsten Tag zeigen würde, wo der Hammer hinge.

Immer wieder war das Gute-Laune-Politiker- Lachen der Nahles aus den Runden älterer Herren, die sie umstellten, aufgetost. Dann, wenn der Mainzer Lottomann beispielsweise erklärte, die Frau Nahles, die habe einen "Eifel-gestählten Charme, mit dem sie einfach alles durchsetzen" könne. Und wenn der mal nicht greife, der Charme, dann verfüge sie "über eine große Zahl anderer Instrumente". Darauf lachte Andrea Nahles so sehr, dass ihr die roten Blutkörperchen ins Gesicht schossen und die fein gezackte Harry-Potter-Narbe auf ihrer Stirn, die sie seit einer zu rasanten Autofahrt in Schweden zeichnet, noch weißer als sonst hervortrat. Man kann sich gut vorstellen, wie dieses ungestüme Mädchen mit den wilden Locken schon früher die ältesten Genossen begeisterte. Wie sie die für sich einnahm, selbst als sie noch eine ziemlich vorlaute Sozialdemokratin war - Juso-Vorsitzende, Demokratischer Sozialismus, für Oskar Lafontaine ein "Gottesgeschenk" und so weiter. Sie hatte einen Bruder und vier Cousinen am Mittagstisch, da durfte man sich die Butter vom Brot nicht nehmen lassen. Das prägt. Nahles war immer das schnelle Mädchen, das sich alles traute.

"Sie findet Widerspruch und Akzeptanz zugleich"

Mit 18 gründet sie einen SPD-Ortsverein in ihrem katholischen Heimatdorf. Sieben Mitglieder bei 340 Einwohnern. Die Mutter fürchtet, das könne Unruhe ins Dorf bringen. Aber das schreckt die Tochter nicht. Eine wie Andrea Nahles denkt nicht ans Risiko, die wird nicht Vegetarierin, wenn sie "Gammelfleisch" hört. So eine isst die Bockwurst aus der Hand und brettert im schwarzen Golf durch die Kurven wie die Jungs aus Küttig und Lonnig, wenn sie das Leben spüren wollen. Heute übrigens ist Mutter Gertrud selbst SPD-Ratsmitglied im Ort, und sie würde ihre Tochter wohl heute auch nicht mehr vom Gymnasium fernhalten. "Realschule reicht", hieß es damals, dann eine Lehre in der Volksbank, erst später Abitur. Im Nachhinein profitiert die Politikerin von dieser Biografie, wenn sie über Schule und Chancen referiert: "Kinder müssen unterschiedlich gefördert werden", erklärte sie neulich in Leipzig. "Ey, liebe Leute, ich weiß, wovon ich rede..." Andrea Nahles soll im Oktober zur stellvertretenden SPD-Vorsitzenden gewählt werden. So will es Kurt Beck. In ihr, so der Gedanke, bündelten sich dann alle linken Sehnsüchte und Kräfte der Partei.

Nahles ist der Außenposten, der Checkpoint, dahinter beginnt das Grenzgebiet zur Linken, dann kommt Lafontaine. Man kann ziemlich sicher sein, dass Andrea Nahles nie mit Lafontaines neuer Partei liebäugeln würde und schon gar nicht mit ihm koalieren. Denn zu tief hockt in ihr die menschliche Enttäuschung über den, dem sie einst zur Macht verhalf. "Nein", sagt sie ernst, "diesem Mann würde ich nie mehr in meinem Leben folgen." Stattdessen folgt sie Kurt Beck. Sie kennt sich aus mit diesem überschaubaren Typus. Das Vaterkind Nahles war schon als 18- Jährige so was wie die Räubertochter der Pfälzer "Messdiener-Fraktion", jener katholischen SPD-Männer, die selten einer Meinung mit ihr waren und sie dennoch irgendwann auf den Schild hoben. "Sie hatte von jeher Steherqualitäten. Sie findet Widerspruch und Akzeptanz zugleich", sagt Nahles-Entdecker Hans-Dieter Gassen, 64, "und so viele gibt es ja von dieser Sorte nicht."

"Meine Fresse noch mal!"

Ihr früherer SPD-Kreisvorsitzende ist heute Direktionspräsident der Landesregierung, und wenn Nahles seinen Rat sucht, dann ist er zur Stelle. Als sie vor zwei Jahren mit ihrer Kandidatur zur SPD-Generalsekretärin den Rücktritt ihres damaligen Parteivorsitzenden Franz Müntefering herbeiführte, warfen viele aus Gassens Umgebung der Politikerin ihre "unbesonnene Art" und Schlimmeres vor. Gassen korrigierte die Kritiker. Für ihn war es Nahles' "unverdorbene Art". Und die habe in der Partei einen Prozess in Gang gebracht, der "noch lange nicht zu Ende ist". Auch jetzt gärt er wieder, brodelt und knallgast an allen Ecken. Und das wilde Mädchen, inzwischen 37 Jahre alt, schüttelt sein Haar und reagiert. "Verdammte Kacke", schimpft Frau Nahles kurz nach der Rieslingweincreme, "das hat uns gerade noch gefehlt: Ratschläge aus dem Off von Leuten, die die Partei führen wollen, meine Fresse noch mal!" Sie sagt oft "meine Fresse noch mal", wenn sie sich über die Ihren ärgert.

Oder "verdammte Kacke", wenn gerade von Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier die Rede ist. Von den "Stones", wie sie die beiden anderen Kandidaten- Brocken für die SPD-Vize- Posten betriebsintern nennen. Gerade regt sie sich über deren jüngst erschienenes Buch "Auf der Höhe der Zeit" auf, das sie und ihr Kreis als einzige Provokation empfinden. Schon vor Wochen lag Andrea Nahles mit ihren Anhängern im Clinch, weil die sich von Peer Steinbrück nicht als "Heulsusen" hatten beschimpfen lassen wollen. "Ruhig, Leute", hat sie damals noch gedämpft, man kenne den doch. "Macht das Kreuzchen trotzdem beim Peer", riet sie sanft, denn sonst ließen dessen rechte Truppen sie im Gegenzug auch "durchseiern". Dann war sie mit "dem Horst", ihrem Lebensgefährten, an den Bodensee gefahren. Urlaub hieß das offiziell. Inoffiziell saß sie dort von neun bis eins am Schreibtisch und beackerte auftragsgemäß das neue Programm, das auf dem Hamburger Parteitag verabschiedet werden soll.

"Was schafft die eigentlich?"

Es ist nämlich so: Immer wenn sich Steinbrück, Steinmeier, Wolfgang Thierse, Beck und "Hubi" Heil, der Generalsekretär, zum Planen des Parteitages trafen, war die Andrea plötzlich Expertin: die Einzige, die wusste, wie man das überhaupt macht. "Schreib doch mal einen Vermerk", brummelte Beck väterlich, wenn die wieder nicht wussten, ob und wie hoch die Frauenquote von irgendwas sein musste. Die anderen waren zuvor oft nur Gäste bei Parteitagen. Sie aber hatte vor zehn Jahren schon Mehrheiten organisiert. "Tja, das ist eben der feine Unterschied", spöttelt sie. Die andern mögen tolle Minister sein, aber sie kennt die Hälfte aller Delegierten namentlich. Deshalb ist sie sich auch so sicher, dass das, was die "Stones" jetzt mit der SPD vorhaben, niemals eine Mehrheit finden kann. "Vorsorgender Sozialstaat" heiße bei denen ja, jeder bekomme bloß ein kleines Gepäckstück mit auf den Lebensweg und müsse dann wie Hans im Glück gucken, wie er damit klarkomme. "Nee, nee, Leute, so geht das nitt, mir wollen doch bitte schön die Waffengleichheit von Kapital und Arbeit wiederherstellen", donnert sie. Tolle Sätze sind das. Ist man 40, fühlt man sich automatisch wieder jung und kämpferisch, wenn man das hört.

Leider sind die Männer und Frauen aber, mit denen die Genossin es in ihrer Fraktion zu tun hat, oft schon um die 50. Und in diesem Alter ist man eher genervt von ihrem Parteisprech, dem Taktieren, dem linken Dogma- Gehabe und ihrem burschikosen Jargon. Vielen jedenfalls geht die mit allen Wassern der Vulkaneifel gewaschene Parteisoldatin schwer auf den Senkel. Sie operiere stets hintenrum, heißt es. Sie stichle und intrigiere, sie sei machtversessen. Außerdem fliege sie gedanklich doch eher flach. Was man eben so sagt, wenn man Frauen, die nach oben wollen, stoppen will. Das Komische ist, dass Andrea Nahles genau so funktioniert wie der, den sie selbst einst am heftigsten bekämpfte: wie Gerhard Schröder. Es ist die gleiche Unerschrockenheit in Auseinandersetzungen, das gleiche grimmige Beharrungsvermögen in der Sache und das gleiche Talent, mit den "kleinen Leuten" lachen zu können. Die umtriebige SPD-Kämpferin ist so gesehen die vielleicht beherzteste Schröder-Enkelin, die es bei den Sozen überhaupt noch gibt. Nur ein Handikap hat sie: "Was schafft die eigentlich?", fragen sich die Menschen, wenn sie sie im TV sehen. Andrea Nahles spielt Akkordeon, singt katholische Schlager, hat ein Germanistikexamen, aber keinen wirklichen Beruf. Sie ist Politikgeneralistin - doch diesen Job hat sie von der Pieke auf gelernt.

"Ist die eigentlich noch ganz knusper?"

Nicht nur zwischen Rhein und Ahr, wo die Welt allein aus Gegend und Funklöchern zu bestehen scheint, ist das manchmal schwer zu vermitteln. In ihrem viel zu schweren Rucksack trägt Andrea Nahles ihre Überzeugungsinstrumente quer durch Deutschland, von Rednereinsatz zu Rednereinsatz. Es sind dicke Programme, Konvolute, Vorlagen mit SPD-Logo. Und ihr Blackberry natürlich, auf den sie im Minutentakt guckt, um keine Meldung, keine Mail, keine SMS "vom Horst" zu verpassen. Manchmal sitzt Andrea Nahles noch um Mitternacht auf einem Bahnhof herum, unterzuckert, müde, fertig. Ausgepowert vom Genossengerangel, von Diskussionen nach ihrer "Tour d’Horizon". Saal oder Hinterzimmer, sie spricht vor 50 Zuhörern mit demselben Kawumm wie vor 500. Sie beklagt das "erodierende System" der Lehrlingsausbildung mit dem gleichen Furor, mit dem sie den Nutzen von Ein-Euro-Jobs bezweifelt. Sie spricht immer heiserer und lauter werdend davon, was alles "total feige" ist am Denken der CDU-Vorderen. Und am Ende landet sie im sich überschlagenden Petra-Kelly-Ton beim Internationalen: "Ey, Leute, jetzt überlegt doch mal, was passiert, wenn die da in Pakistan keine stabile Regierung haben - die haben Atomwaffen, weiß der Geier wofür.

Wir haben Ja gesagt zu Afghanistan, wir haben auch Nein gesagt zum Irak. Aber wir haben nie gesagt, nach welchen Kriterien wir Ja und Nein sagen, und jetzt regen sich manche bei uns auf, weil wir diesen Pakistan- Passus im Entwurf haben - jaaa, meine Fresse, Leute, überlegt doch mal!" Hans-Dieter Gassen sagt, dass Andrea Nahles Kanzler Schröder einen Bärendienst erwiesen habe, als sie mit genau dieser furiosen Art die zögernden Abgeordneten zum Ja für den ersten Afghanistan-Einsatz trieb. Sie ist eigentlich Pazifistin, klar. Manchmal, wenn sie sich selbst so wild reden höre, denke sie deshalb: "Ist die eigentlich noch ganz knusper?" Im Mai 1986 bringt Andrea Nahles einer Kirchengemeinde in der DDR Geld für neue Dachschindeln, das sie zu Hause gesammelt hatten. An jenem Wochenende explodiert in Tschernobyl der Reaktor, und ihr reißen im Ostseebad Prerow die beiden Sehnen an der Hüfte. Eine wird erfolgreich operiert, die andere zum Kunstfehler. Seither bereiten ihr Abstiege Schmerzen. Und das ist nicht bildlich gemeint oder auf die Abstürze in der Politik bezogen, die Andrea Nahles ja durchaus auch schon erlitten hat.

Lieber mit Schmackes scheitern

Die ehemalige Juso-Vorsitzende ist seither zu 50 Prozent schwerbeschädigt. Auf den Rat eines Orthopäden hin hat sie vor Jahren mit dem Reiten begonnen. Sie will dabei aber nicht fotografiert werden, fürchtet, man könne sie sonst für einen weintrinkenden Snob halten, der anderen Wasser predigt. Sie weiß, wie ihre Wähler ticken. Die Tochter eines Maurers denkt in sozialpolitischen Fragen menschlich und links. Das erste aus dem Herzen, das zweite aus der Position als Spielmacherin heraus und aus Kalkül. Sie will Mindestlöhne, sie will die "absurde Fallhöhe von Arbeit zu Arbeitslosigkeit" verringern. Sie will die "Unternehmensbesteuerung europäisch regeln und nicht national als Dumping", sie will nicht länger hinnehmen, wie sich "Finanzmärkte von der Realität abkoppeln" und Familien von "Verfügbarkeitserwartungen unter Druck gesetzt werden". Nahles wolle immer alles, sagen ihre Parteifreunde. Und wenn das nicht gehe, lieber mit Schmackes scheitern als klein beigeben. Der Sommer und die Arbeit am Bodensee, sagt sie selbst, hätten sie politisch "enorm weiter gebracht".

Während Frank Steinmeier also durch seinen neuen Wahlkreis in Brandenburg radelte, während Peer Steinbrück Klugscheißer- Interviews gab, währenddessen verarbeitete Andrea Nahles, was ihr Bürgermeister, Betroffene und Arbeitsvermittler darüber erzählt hatten, wie es ist, wenn der "Hans im Glück"-Plan nicht aufgeht. Wie Lohndumping, Hartz IV, wie die "Transformationsprozesse und die globale Konkurrenz um Arbeit" das tägliche Leben der Menschen verändert haben. Wenn sie zwischendurch die müden Umfragewerte ihres Parteichefs sah, dachte Becks Mädchen: Der wird das überstehen, wie Angela Merkel die Diskussion um ihre Frisur überstanden hat. Dachte sie. Dann kam der Sonntag, an dem sich das programmatische Buch der beiden anderen aus der künftigen SPD-Vize-Troika ankündigte. Und sie saß auf der Burg Eltz mit einer ostfriesischen Romanautorin fest.

Das Herz ist der Platz der Andrea Nahles

Falscher Ort, falsche Zeit. Nahles ließ sich nichts anmerken. Bis zum Wutausbruch nach der Weincreme. Gertrud und Alfred Nahles, die Eltern, hatten bis dahin ein bisschen abseits gestanden, mit Stolz auf ihre Tochter geschaut, wie die mit dem Chef der Prinzenrollen- Keksfabrik sprach, mit dem Grafen. Doch jetzt war es spät, und die Eltern wollten, dass die Tochter endlich nach Hause fährt. Schließlich würde sie am nächsten Morgen um fünf allein mit dem Golf zum Flughafen brettern müssen, um rechtzeitig in Berlin zu sein und vor den Kameras des Frühstücksfernsehens. "Der Horst" hatte sich bereits vor der Roulade von ihr nach Wolfsburg verabschiedet. Seit neun Jahren sind Andrea Nahles und Horst Neumann, 58, ein Paar. Er, der stille Personalvorstand der Volkswagen AG, und sie, die Geräuschvolle. Seit Langem leben sie in einer Fernbeziehung und an den Wochenenden im umgebauten Hof ihrer Urgroßeltern, nur ein paar Katzensprünge neben dem Haus ihrer Eltern.

Dort blicken Nahles und "Hartz Fünf ", wie sie den Nachfolger des Peter Hartz lustig nennt, auf die Kurvenschönheit Eifel und essen Johannisbeer- Pfannkuchen, die sie gebacken hat. Altkanzler Helmut Schmidt hat sich seine Partei angeblich als Möwe figuriert - ein Flügel links, einer rechts, dann fliegen. Doch die gemütlichen La-Paloma-Zeiten der SPD sind längst vorbei. Man muss sie heute eher wie ein Plastinat Gunther von Hagens betrachten. Dann würde man in den beiden vorderen Hirnlappen wohl die "Stones" erkennen: Peer und Frank, zuständig fürs Vorwärtskommen der Sozialdemokratie. Kurt Beck, der Pfälzer, wäre natürlich der Bauch der Volkspartei. Das Herz aber, dieser blutvoll zuckende Muskel links in der Körpermitte, bliebe für sie übrig. Denn das Herz ist der Platz der Andrea Nahles.

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