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Angela Merkel: Die einsame Frau Merkel

Sie hatte alles kalkuliert, jeden vermessen. Und doch wurde niemand von dem Debakel der Union so überrascht wie Angela Merkel selbst. Was ist da passiert?

Jeden Tag, wenn sich Angela Merkel über ihre Akten beugt, sieht sie das silbern gerahmte Bild auf ihrem Schreibtisch. Es zeigt Katharina die Große, die russische Zarin, die vor über zwei Jahrhunderten ihren Mann von russischen Gardeoffizieren stürzen ließ. Weil sie sich so sehr nach der Macht sehnte. Weil sie das Land im Geiste der Aufklärung reformieren wollte. "Sie zeigt, dass schon andere Frauen in der Geschichte eine Rolle gespielt haben", hat Angela Merkel einmal gesagt und bescheiden gelächelt. Auch sie ist angetreten, um ihren Fingerabdruck in der Geschichte zu hinterlassen. Möglichst tief. Sie ist nicht gewohnt, Mittelmaß zu sein - geschweige denn zu scheitern.

Diese Frau. Diese Ostlerin. Diese Physikerin der Politik. Diese für immer Fremde, die von ihrer Partei als "ihrer Truppe" sprach und eigentlich doch nie in deren Mitte stand. Diese kühle Jägerin, die stets geduldig lauerte auf das nächste Ziel in ihrem Visier. So viele hat sie in den vergangenen Jahren erledigt, Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Friedrich Merz und andere mehr. Jetzt aber, am frühen Nachmittag des vergangenen Sonntags, ahnt sie: Sie hat das größte Tier ihrer Laufbahn verfehlt. Sie ist an Gerhard Schröder gescheitert, und der steht da und lacht sie aus. Selbst wenn sie am Ende noch ins Kanzleramt einziehen könnte - sie trägt den Makel der Verwundung. Für immer.

Man kann sich Niederlagen schönrechnen.

Im Fall von Angela Merkel geht das so: 450 000 Stimmen Vorsprung vor der SPD, zusammen mit der FDP 1,2 Millionen Stimmen mehr als Rot-Grün. Es lässt sich allerdings auch sagen: Das Merkel-Ergebnis (35,2 Prozent) war das drittschlechteste in der Geschichte der Union, nur minimal besser als die 35,1 Prozent, mit denen Helmut Kohl 1998 in Pension geschickt wurde und 3,3 Prozentpunkte schlechter als Edmund Stoiber vor drei Jahren. Das ist kein Mandat für Reform und Veränderung, sondern allenfalls ein matter Sieg mit dem strengen Geruch der Niederlage. Ihr Traum von der Koalition mit der FDP ist Geschichte. Angela Merkel hat einen sicher geglaubten Wahlsieg dramatisch vergeigt.

Nur eine glanzvolle Kanzlerschaft könnte dieses Desaster vergessen machen. Wie aber soll das glücken in einer großen Koalition? Oder im Bündnis mit FDP und Grünen, wo der Kanzler vor allem Moderator sein muss? Schon ist in der Union von der "monumentalen Einsamkeit" der Vorsitzenden die Rede.

Es ist noch nicht lange her,

es war drei Wochen vor der Wahl, da saß diese Vorsitzende auf der Plüschbank im Wahlkampfbus und wurde gefragt, ob sie sich großartig fühle, wenn sie im Flugzeug durchs Land schwebe und daran denke, dass sie bald Kanzlerin wird. "Nee", hat sie gesagt, "nee, übers Land schweben, das klingt mir zu sehr nach Großfürst. Kanzler ist was anderes als Großfürst. Ich denke höchstens mal, wie schön das Land ist."

Zu diesem Zeitpunkt rufen die Fotografen schon seit Wochen "Frau Bundeskanzlerin" hinter ihr her, damit sie sich mit ihrem neuen Lächeln zu ihnen dreht. Und seit Monaten schon lächeln die Journalisten nachsichtig, wenn sie wieder einmal sagt: "Wir müssen vorsichtig sein. Die Wahl ist noch nicht entschieden."

Solche Sätze klingen lachhaft in diesem prächtigen Sommer der blühenden Hoffnung. Angela Merkel ist in den Kampf gezogen mit dem Schutzschild einer absoluten Mehrheit der Union. Jetzt kehrt sie aus der Schlacht zurück und ist vernichtend geschlagen. In drei Monaten 14 Prozent verloren. Kaputt.

Am Abend ihrer Niederlage steht Angela Merkel im schwarzen Anzug auf der Bühne. Rechts keilt sie Herr Stoiber ein. Der bayerische Ministerpräsident zieht seinen klingenschärfsten Mund. Links steht ihr Generalsekretär Volker Kauder und ist einfach stumm. Er kann ihr nicht mehr helfen. Er kann nur mit den Armen baumeln. Unten ruft die Menge "Angie, Angie". Was sollen sie auch rufen? Es ist doch nichts geblieben - nichts als dieser dumme, kleine Kosename und viele böse Vermutungen, die in den heißen Partyzelten wuchern und riesig werden, übermächtig.

"Wir wussten doch alle, dass die Kandidatin Probleme hat, die Menschen zu erreichen", wispert die Menge. Kandidatin. Probleme. "Ein Esel wird auch in Paris nicht zum Pferd", raunt die Menge. Esel. Nicht zum Pferd. Und Angela Merkel steht auf der Bühne und lächelt verzagt und sagt "Danke schön" und "Rot-Grün ist Geschichte". Sie winkt noch mal. Sie krampft die Hände. Sie muss hier weg. Sie kann das Mitleid nicht ertragen. Sie weiß, dass ihre Gegner sie schon immer für einen emotionalen Irrtum der Partei gehalten haben. Dass so viele der Angie-Rufer heucheln.

An diesem Abend in der CDU-Zentrale kommt es vielen so vor, als seien die Wähler Amok gelaufen gegen diese Frau. Doch die Wähler sind nicht Amok gelaufen. Sie haben reagiert auf die Verkettung von Unsicherheiten. Sie haben der Kandidatin nicht geglaubt. Sie haben ihr einfach nicht vertraut. Sie haben sie nicht akzeptiert. Selbst Joachim Sauer, ihr Ehemann, klatscht nur matt in die Hände, als sie sagt: "Ich werde den Regierungsauftrag mit aller Macht annehmen." Ihre Augen liegen tief. Herr Stoiber ergänzt: "Wir werden sehen, ob wir eine stabile Mehrheit unter Frau Merkel zustande bringen." Sie weiß, was das heißt. Man kann es ja mal versuchen. Sie weiß, dass es weitergeht mit einem "Wenn nicht, dann...". Ihre Augen liegen tiefer.

Dabei hat sie sich in den vergangenen Wochen so viel Mühe gegeben mit diesen ängstlichen Menschen, die sie auf all den Marktplätzen traf. "Ich bin gekommen, um Ihre Fragen zu beantworten", hat sie mit milder Stimme gesagt. Oder: "Ich will heute mit Ihnen über meine Ideen reden." Dazu hat sie immer gelächelt, und die Menschen haben freudig genickt. Ja, sie hatten viele Fragen. Ja, sie wollten auch gerne darüber reden. Doch dann hat Angela Merkel ihre Uhr auf das Pult gelegt und begonnen - und die Menschen haben sich so fremd gefühlt.

Weil es nicht stimmte, dass Frau Merkel nur mal reden wollte. Weil sie immer einen Vortrag hielt. Weil sie die Probleme dieses Landes so merkwürdig kalt sezierte in ihrer streng physikalischen Art. Sie hat so viele Zahlen genannt. Hat vorgerechnet, dass es der Krankenschwester besser geht, wenn die Lohnnebenkosten sinken. Hat erklärt, dass die höhere Mehrwertsteuer die Rentner nicht viel kosten wird. Sie hat immer nur die vielen Zahlen doziert.

Doch Zahlen machen Menschen keinen Mut. Zahlen machen Angst. Und so haben sie still dagesessen und ein bisschen geklatscht und waren sehr erleichtert, wenn ihre Kandidatin endlich gegen islamistische Hassprediger polterte und irgendwann rief: "Wenn es nach mir geht, soll kein Kind in die Schule gehen, das kein Deutsch versteht!" Nur in diesen wenigen Momenten hat sich die CDU-Seele gestreichelt gefühlt - doch diese Momente waren zu flüchtig bei dieser kühlen, fremden Frau.

Einer der ersten der mächtigen CDU-Männer, die sich an dem Albtraum-Abend der Wahl öffentlich zu möglichen Konsequenzen äußern müssen, ist Dieter Althaus, der schmächtige Ministerpräsident von Thüringen. "Ist es denkbar, dass die Union einen anderen Kandidaten braucht?", fragt der Reporter, und Herr Althaus, immerhin ein Freund Merkels, guckt ein bisschen gequält und kämpft sich hilflos durch das Dickicht der vielen Gedanken. Schließlich sagt er leise: "Es ist noch zu früh, das zu diskutieren."

Zu früh. Noch. In der dramatischen Nacht der Wahl hat sich keiner der mächtigen Unionsmänner zum Mord an der Königin entschlossen. All die Kochs und Wulffs und Stoibers - sie müssen nicht. Sie haben jetzt erst einmal Zeit. "Wir sind noch mitten im Spiel, das ist der falsche Augenblick für Manöverkritik", versprachen sie sich in den Unionsgremien. Noch könne sie ja Kanzlerin werden. Wenn aber nicht, na dann!

Der Treueschwur,

mit dem die elf Ministerpräsidenten der Union vor dem Wahlsonntag ihrer Kandidatin die politische Unterstützung zugesagt hatten, zählt wenig. Nächstenliebe ist in der Union seit jeher keine Wertekategorie des Führungspersonals. Schon gar nicht bei einer Frau, die ihnen einmal gesagt hat: "Ich bin nicht willens, so zu werden, dass ich den Leuten nicht mehr sage, was falsch läuft und was gut. Dafür bin ich nicht angetreten. Ich werde Ich bleiben."

Gerade einmal 15 Jahre ist es her, dass Angela Merkel, die geschiedene Pfarrerstochter aus der DDR, wie die Märchen-Gretel ins Bonner Regierungsviertel spaziert kam und als liebes, kleines Mädchen am großen Kohlschen Kabinettstisch Platz nahm. Da hat sie dann jahrelang sehr brav gesessen und sich zurückgehalten und scharf konzentriert. "Damals hat sie mit aller Macht gelernt", sagt Cornelia Yzer, die als Staatssekretärin für sie gearbeitet hat.

Mit aller Macht gelernt. Die Machttechnik des Ziehvaters imitiert. Den eigenen Erfolg unnachgiebig verfolgt. Ohne Vertrauen. Mit viel Kontrolle. Seit fünf Jahren hat sich Merkel auf diese Weise an der Spitze der CDU gegen alle Gegner behauptet. Sie hat zusammen mit ihrer Büroleiterin Beate Baumann und ihrer Pressesprecherin Eva Christiansen einen Kokon der Macht gebildet. Sie hat ein engmaschiges Netz aus Verbindungen gewoben bis in die hintersten Winkel der Partei. Doch all diese Vorsichtsmaßnahmen haben bei dieser Wahl nicht geholfen. Im Gegenteil, manches, was gestern noch nach genialer Machttechnik aussah, macht sie heute verletzlich. Angela Merkel sitzt jetzt sehr allein in diesem Kokon.

Vielleicht hat sie sich am Anfang des Wahlkampfs zu viel Zeit genommen, als sie in Urlaub fuhr und Edmund Stoiber in aller Ruhe die Ossis beschimpfen ließ. Hat mittendrin zu viel doziert und gerechnet, als sie auf den Marktplätzen stand und die Stimmung zum Wechsel verpuffte. Hat nicht zugespitzt und nicht attackiert. Sie hat einfach zu lange gewartet. So, wie sie schon häufig zu lange gewartet hat. "Ich brauche meine Zeit, um mir sicher zu werden", erklärte Angela Merkel oft.

Sie hat eben immer nur ihr Ziel im Visier. Der Weg dorthin aber dauert manchmal zu lang. Wenn sie darüber nachdenkt, welchen Weg sie einschlagen könnte, so kommt ihr zwar irgendwann ein Plan in den Sinn. Doch dann wendet sie ihn hin. Dann wendet sie ihn her. Dann kaut sie auf ihm herum. Dann überlegt sie, was der Gegner kritisieren könnte, wie er, was er, ob er... und erst eine ganze Weile später, wenn die anderen schon drängeln - dann äußert sie sich. Weil sie sich dann erst sicher fühlt. Weil sie glaubt, dass sie so das Risiko minimiert. Das Risiko Mensch lässt sich aber nicht mit Garantiesiegel minimieren. Das erfährt sie immer wieder - genau wie im Falle ihres Finanzexperten Paul Kirchhof.

Sie ist stolz gewesen

auf die Idee, den Heidelberger Professor als ihren Joker zu präsentieren. Sie hat in der Parteizentrale auf der Bühne gestanden und ihr Kinn hochgereckt. Das macht sie immer, wenn sie sich gut gefällt. Alle haben von "Coup" gesprochen, von ihrem ungeheuren Geschick. Sie, die brillante Führerin, die geniale Ingenieurin der Macht. Dieses Bild lässt Angela Merkel gern von sich malen. Sie liebt die kühlen Farben der Strategie. Doch dann, als wenige Tage später das Sperrfeuer beginnt, erschrickt sie.

Was nun? Sie wartet ab. Hat ja alles so schön durchdacht. Hat doch längst ihr nächstes Ziel im Visier. Und so lässt sie es erst mal laufen. Will nicht wahrhaben, dass ihr Experiment fehlschlagen könnte. Dass die Wirklichkeit zurückschlägt. Sie will standhaft sein wie ein echter Kanzler. Doch sie wirkt plötzlich nur schwach.

"Der Fall Kirchhof ist typisch für sie. Sie schickt jemanden ins Schussfeld, während sie sich in den Graben duckt", sagen heute die, die ihr misstrauen. Die Freunde von Friedrich Merz. Die Männer, die genau wussten, dass sie sich mit dem Mann mitnichten auszusöhnen bereit war. Dass ganz allein die Not sie zwang, erstmals seit Jahren anerkennende Worte für ihn zu finden. Alles nur Kalkül des Augenblicks. Berechnung einer Frau, die Politik nicht als Männerbündelei betreibt, sondern als Schachspiel.

Merkels Führungsanspruch in der Union ist nicht akzeptiert, heute weniger denn je, allen Loyalitätsschwüren zum Trotz. Die mächtigen Männer der Union zweifeln nicht, dass jeder Einzelne von ihnen, den Andenpakt-Brüdern, das bessere Zeug zum Kanzler hätte. Sie haben niemals ihren Frieden gemacht mit dieser Frau aus dem Osten. Jetzt, da Merkel sich zum ersten Mal verzockt hat, lassen sie das Ost-Mädchen strampeln. Mal sehen, ob sie wieder Halt findet. Das ist die Revanche für vergangene Demütigungen.

Wie hat sie damals,

im Jahr 2000, als die CDU im Sumpf der Spenden versank, die beiden großen Alten Kohl und Schäuble mit einem einzigen, messerscharfen Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen" versenkt. Wie hat sie Roland Koch in der Affäre um den CDU-Parlamentarier Hohmann düpiert, als sie ihn den Rechtsausleger noch öffentlich verteidigen ließ und doch schon längst den Parteiausschluss beschlossen hatte. Wie hat sie sich der Talente des Friedrich Merz bedient, bis sie stark genug war, um ihn als Fraktionsvorsitzenden abzuservieren. Wie hat sie Horst Seehofer als Sozialpolitiker gedemütigt! Und wie hat sie Stoiber und Schäuble bei der Wahl des Bundespräsidenten über den Tisch gezogen! Wie hat sie all das getan?

Mit Geduld. Mit Härte. Mit schneidender Intelligenz. Sie wird nicht auf Loyalität dieser Gedemütigten hoffen. Sie weiß, dass sie es ganz allein packen muss.

Es gibt so viele Unwägbarkeiten in der neuen Partie um die Macht. Wie wird dieser Stoiber reagieren? Wird er akzeptieren, dass der "Leichtmatrose" Westerwelle ein glänzendes Wahlergebnis geholt hat, während er selbst rund zehn Prozentpunkte in Bayern verloren hat und seine CSU als kleinste Partei in den Bundestag zurückkehrt? Wird er ertragen, dass sie mit einem viel schlechteren Ergebnis doch noch Kanzlerin werden könnte? Wird er der Versuchung widerstehen, seine Christ-"Sozialen" gegen die "Neoliberalen" um Merkel in Stellung zu bringen und so zum unendlichen Störfaktor zu werden?

Es klang beinahe drohend, dass er noch in der Wahlnacht ankündigte, nun vielleicht doch nach Berlin zu kommen. Angela Merkel weiß: Ihre letzten Spielzüge sind schief gelaufen. Doch Herr Stoiber und die anderen mächtigen Ministerpräsidenten ahnen: Diese Frau ist noch lange nicht schachmatt. Und so bleiben sie lieber in Deckung und warten dort, tief im Schatten verborgen, die nächsten Schritte ihrer Vorsitzenden ab.

Es müssen große Schritte sein, die sie jetzt macht, riesige und überraschende Sprünge. In den vergangenen Jahren hat sie mehrfach bewiesen, dass sie nicht schlecht ist im Weitsprung der Politik - vom Mädchen zur Vorsitzenden zur Radikalreformerin und fast bis hinein ins mächtigste Amt. Angela Merkel weiß, dass erst der Zusammenbruch manchmal zum Sieg führen kann. Sie hat keinen Respekt vor der Vergangenheit. Die Altvorderen, das Althergebrachte, sie sind ihr ziemlich egal.

"Wenn sie einen Willen hat, setzt sie ihn mit aller Kraft durch", hat Roland Koch vor der Wahl gesagt. Wer sich nicht unterordnet, wird kaltgestellt. Wer sich aufmüpfig verhält, wird ausgeschieden - so hat sie es in den vergangenen Jahren immer gehalten. Das ist ihr Spiel. Sie bestimmt die Regeln: Gewohnheiten sind dazu da, durchbrochen zu werden. Traditionen benutzt sie, um die Kälte der Brüche zu kaschieren. Wenn sie vom Abbau des Kündigungsschutzes spricht, so schickt sie immer warme Worte über Solidarität hinterher. Wenn sie die Vorzüge ihrer Gesundheitsprämie erklärt, so erinnert sie stets an die goldenen Gründerjahre und verheißt eine neue Ära des Wachstums. Mit diesen Deckmäntelchen hat sie die Partei auf ihren liberalen Kurs gebracht.

Ja, sie haben alle applaudiert.

Ja, sie haben "Angie, Angie" gerufen und sind ihr in den letzten Jahren brav gefolgt - durch die Höhen der radikalen Beschlüsse des Leipziger Parteitags von 2003, durch die Tiefen des Streits mit der CSU im vergangenen Jahr, durch die Höhen und Tiefen dieses perfekt inszenierten Wahlkampfs. Auch jetzt trauen sich wieder nur die hervor, die sich auch früher schon gewehrt haben. Horst Seehofer. Friedrich Merz. Sie sind die Ersten, die ihre Kritik laut vorgetragen haben. Sie haben begonnen mit ihrem Kampf gegen diese fremde Frau.

Doch seit Sonntagnacht wächst stündlich die Zahl derer, die sich in ihrem alten Urteil bestätigt fühlen. Diese Frau kann es nicht. Sie ist noch immer zu fremd, zu kühl, zu zögerlich. "Früher wollte ich Eiskunstläuferin werden. Das lag mir nun besonders wenig," hat Angela Merkel vergangenes Jahr im stern-Interview gesagt. "Früher wollte ich immer Dinge tun, die ich nicht konnte. Das ist heute sicher anders."

Franziska Reich, Hans Peter Schütz

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