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Anne Will: Merkels Klassenkampf

Zwei Mal bezeichnete sich Kanzlerin Angela Merkel bei Anne Will als "Staatsoberhaupt", ein Titel, der einzig dem Bundespräsidenten zusteht. Ein Versehen? Ja. Und ein Hinweis. Auf Merkels Strategie, Kritiker wie Schuljungen aussehen zu lassen.

Von Lutz Kinkel

Natürlich versucht Anne Will, Angela Merkel einzuheizen. Mit Fragen und Einspielfilmen und Fragen und Einspielfilmen. Sind Sie die richtige Kanzlerin in der Krise? Ist die Koalition noch arbeitsfähig? Zeigen Sie als Parteivorsitzende genügend konservatives Profil? War Ihre Kritik am Papst zu hart? Es sind die richtigen Fragen. Sie führen zur Krise in der Krise, zur Krise der Union und ihrer Kanzlerin. Um diese abzuwenden, sitzt Merkel im TV-Studio. Vor zwei Wochen sprach sie mit der "Bild", vor einer Woche mit dem Deutschlandfunk, jetzt mit Anne Will. Für Merkels Verhältnisse ist das ein richtiger Medienfeldzug - in einer Talkshow war sie das letzte Mal vor zwei Jahren.

Die Kanzlerin hat aus ihrer scheinbar kilometerlangen Sammlung verschiedenfarbiger Blazer den weißen ausgewählt, dazu trägt sie schwarze Hosen und schwarze Schuhe, die Beine schlägt sie übereinander. Während des gesamten einstündigen Gesprächs mit Will wird Merkel ihre Sitzposition nicht verändern - sie bewegt sich nicht, auch im übertragenen Sinne. Stattdessen kanzlert sie routiniert ihre Kritiker ab. Frank Walter Steinmeier solle "nicht so viel rummosern". Dass die FDP das Gesetz zur Enteignung blockieren wolle, sei absurd. Die Liberalen hätten keine Antwort auf das Problem mit der Hypo Real Estate. Mit CSU-Chef Horst Seehofer habe sie gelegentlich unterschiedliche Meinungen. Mehr nicht. Fehlendes Profil? "Ich hab' eine klare Vorstellung davon, wohin dieses Land gehen muss." Die Koalition werde halten, sagt Merkel. "Ich bin die Bundeskanzlerin".

Fühlen Sie sich von Angela Merkel angesprochen?

Im Status der Unschuld

Zwei Mal nennt sie sich versehentlich "Staatsoberhaupt". Dieser Titel steht ihr nicht zu, den darf nur Bundespräsident Horst Köhler tragen. Merkel registriert ihren Faux Pas, korrigiert sich auch, korrigiert aber nicht den Eindruck, den sie mit dieser Vokabel vermittelt: Ich bin der Hort der Solidität, der Vernunft, die über allem schwebende Merkel. Und alle anderen, insbesondere die Kritiker, sind Schuljungen, die manchmal über die Stränge schlagen. Zum Beispiel SPD-Chef Franz Müntefering. Er hatte Merkel an diesem Wochenende zum wiederholten Mal vorgeworfen, ihre Partei nicht im Griff zu haben. Von ihm möchte sie nun wissen, "ob er noch etwas Konstruktives in petto hat". Das ist kein Konter, das ist eine Form der Herablassung. Politischer Klassenkampf à la Merkel.

Anne Will hätte die Kanzlerin natürlich gerne emotionaler gesehen, also fragt sie direkt nach, ob und wann die Kanzlerin endlich laut gegen ihre Kritiker vorgehen wolle. "Ich schlage auf meine Art zurück", sagt Merkel und lächelt fein. Schweigen sei da eine Möglichkeit. Über die anderen Möglichkeiten sagt sie nichts. Ein staatsoberhäuptisches Wesen muss sich schließlich im Status moralischer Unschuld präsentieren.

Personality-Check bei Opel

Auf dem weißen "Betroffenensofa" hat Will diesmal eine Familie versammelt, die in dritter Generation bei Opel in Rüsselsheim arbeitet und nun von Existenzängsten gequält wird. Die SPD fordert immer vehementer eine Staatsbeteiligung ein, um Opel zu retten. So machen sich die Sozialdemokraten bei den Arbeitern lieb Kind - wohlwissend, dass die Union eine Staatsbeteiligung vermutlich blockieren wird, weil sonst jeder Industriebetrieb in ähnlicher Lage das einfordern könnte. Merkel bleibt die unbequeme Aufgabe, die Heilserwartungen der Opelaner abzuschwächen und auf Zeit zu spielen. Sie tut dies mit üblichen Sätzen. "Der Staat wird auf Dauer nicht der bessere Unternehmer sein", sagt sie. Und: Um sie von GM abzuspalten, brauche Opel erstmal seine Patente zurück. Und eine eigenständige Finanzierung. "Es hat keinen Sinn, zu viele Spekulationen anzustellen." "Wir sind in einer schwierigen Situation."

Das ist zweifellos wahr. Und das ist zweifellos seriös. Den Gesichtern der Opelaner allerdings war anzusehen, dass das nicht reicht. Um die Menschen für sich einzunehmen, müsste sich Merkel aus dem Schutzanzug ihres Amtes herausbegeben und selber Mensch werden. Mit Biografie, Emotionen und Anekdoten. Das aber will oder kann sie nicht. Vielleicht muss sie es auch nicht. Denn der Chefdiplomat Frank-Walter Steinmeier kann es auch nicht. Von seinem Auftritt bei "Beckmann" vor einer Woche ist genauso wenig in Erinnerung geblieben, wie es von Merkels Auftritt bei Will bleiben wird.