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Berlin³: Der Rückzug von AKK – ein Stoff, aus dem politische Tragödien gemacht sind

Annegret Kramp-Karrenbauer stemmte sich gegen Mechanismen, die sie nicht beeinflussen konnte. Ihr tiefer Fall zeigt, wie fundamental sich unser Land verändert hat, meint stern-Hauptstadtreporter Tilman Gerwien.

CDU-Chefin: Kramp-Karrenbauer verzichtet auf Kanzlerkandidatur

"Thüringen, Thüringen, Thüringen", sang vor Jahren der Kabarettist Rainald Grebe, "ist eines von den schwierigen Bundesländern". Und weiter: "Thüringen - David Bowie ist auch schon einmal drüber geflogen."

Dass ein nicht übermäßig bedeutendes Bundesland von gerade mal gut zwei Millionen Einwohnern für ein politisches Erdbeben sorgen kann, das nun auch die CDU-Vorsitzende und Möchtegern-Kanzlerkandidatin unter sich begraben hat, mutet absurd an – aber nur auf den ersten Blick. Der tiefe Fall der Annegret Kramp-Karrenbauer zeigt, wie fundamental sich unser Land und sein Parteiensystem verändert haben. "AKK" ist ja nicht in erster Linie an Ungeschicklichkeiten und handwerklichen Fehlern gescheitert, auch wenn sie es in dieser Hinsicht in ihrer gut einjährigen Amtszeit auf eine beeindruckende Serie gebracht hat. "AKK" ist vielmehr daran gescheitert, die politische Mitte in Deutschland zu besetzen, ja überhaupt als politischen Ort zu definieren und für die alte Volkspartei CDU zu reklamieren.

CDU, CSU und SPD zerreißt es beim Versuch, Milieus zusammenzubinden, die längst auseinander streben: Facharbeiter, Aldi-Kassiererinnen, Landwirte, Diesel-Fahrer, Migrationsskeptiker und die längst zur soziologischen Kategorie gewordenen "Nackensteak-Esser" einerseits - und grün angehauchte Architekten-Gattinnen, urbane Gutverdiener, Klimaschutzbewegte und Flüchtlingsfreunde anderseits. Diese beiden Milieugruppen, der Soziologe Andreas Reckwitz nennt sie in seinen scharfsinnigen Analysen "alte Mittelklasse" und "neue Mittelklasse", verbindet so gut wie nichts mehr. Zwischen ihnen liegt der tiefe Graben, der unser Land teilt, und jeder politische Versuch, diese Milieus zusammenzubinden, muss zur innerparteilichen Zerreißprobe führen: Man holt sich sozusagen die gesellschaftliche Spaltung in die eigene Partei hinein, was über kurz oder lang die Autorität des oder der Parteivorsitzenden kaputt macht.

Innerparteiliche Zerreißprobe

Exakt daran ist "AKK" gescheitert". Die Thüringer Option, sich mit der völkisch-nationalistischen AfD einzulassen, wird zumindest von Teilen der "alten Mittelklasse" präferiert, die von einer konservativ-patriotischen CDU träumen. Die Option, mit Bodo Ramelow einen linken Post-Kommunisten aus einer politischen Zwangslage zu befreien (nämlich der, dass eine Mehrheit der Thüringer Wähler ihn bei der letzten Wahl in die Opposition schicken wollte) steht für eine CDU, die weit ins links-grüne Milieu ausgreift, auf der Suche nach den (erhofften) Mehrheiten von morgen. Egal, für welchen Weg man sich entscheidet, beides muss unweigerlich zur Spaltung der CDU führen, die, neben der CSU, als letzte Partei in Deutschland noch den Anspruch erheben kann, so etwas wie "Volkspartei" zu sein. "

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AKK" wollte weder das eine, noch das andere, sondern in der imaginierten "Mitte" bleiben. Aber keiner weiß mehr, was das eigentlich genau ist, die "Mitte". Der Ort, an dem früher nach landläufiger Meinung Wahlen entschieden wurden, ist zur Hochrisikozone für Spitzenpolitiker geworden. Man sieht es an dem beträchtlichen Figurenverschleiß der letzten Jahre: Sigmar Gabriel, Martin, Schulz, Andrea Nahles, Horst Seehofer, jetzt Annegret Kramp-Karrenbauer – sie alle sind gescheitert bei dem Versuch, ihre Parteien in der Mitte zu halten, sie alle glaubten noch an das alte Konzept der Volkpartei und mussten erleben, wie der Riss, der ihre Parteien teilt, irgendwann auch sie selbst zerrissen hat.

AKK kämpfte einen Kampf, den sie nicht gewinnen konnte

Annegret Kramp-Karrenbauer ist tief gefallen. Sie stemmte sich gegen anonyme Mechanismen, die sie nicht beeinflussen konnte. Sie kämpfte einen Kampf, den sie nicht gewinnen konnte. Das ist der Stoff, aus dem politische Tragödien gemacht sind.