Anschlag in Kundus Afghanistan - wie lange noch?


Der Bundeswehrverband will Klarheit, wie lange der Afghanistan-Einsatz noch dauern soll. Eine direkte Antwort bleib Außenminister Steinmeier, auf Kurzbesuch in Kundus, schuldig. Dafür würdigte er die Aufbauarbeit der Soldaten vor Ort.

Der stellvertretende Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, hat eine klare Perspektive für den Abzug deutscher Soldaten aus Afghanistan gefordert. "Der Einsatz dauert schon viel zu lange. Mit Soldaten gewinnt man nur Zeit, aber auf Dauer keinen Frieden", sagte Kirsch der Zeitung "Passauer Neue Presse" (Dienstagausgabe). Zwar sei ein Abzug der Streitkräfte aus Afghanistan zum jetzigen Zeitpunkt für niemanden hilfreich. "Doch die Soldaten wollen Klarheit darüber, wie lange sie noch in Afghanistan gebraucht werden. Es muss eine klare Perspektive für den Abzug geben", zitierte das Blatt Kirsch.

Indirekter Vorwurf an die Nato

Der Einsatz dauere schon viel zu lange: "Es muss eine klare Perspektive für den Abzug geben." Darüber hinaus forderte Kirsch mehr Geld und Personal für den zivilen Ausbau in Afghanistan. Das Selbstmordattentat in Kundus sei ein Anschlag auf Philosophie der Bundeswehr gewesen. Es gehe darum, Vertrauen in der Bevölkerung zu schaffen. "Amerikanische und kanadische Streitkräfte sollten ihre Taktik ändern: Neben der militärischen Komponente muss mehr für den Aufbau getan werden."

Der Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan am Wochenende hat eine Debatte über die Gesamtstrategie ausgelöst. Bei einem Selbstmordanschlag waren drei Deutsche getötet worden. Der Chef des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, stellte sich am Montag hinter das deutsche Konzept der zivil-militärischen Aufbauarbeit, forderte aber eine Überprüfung anderer Maßnahmen.

Nato fährt Militäreinsätze zurück

Gleichzeitig haben die USA und die Nato zugesichert, die Zahl ziviler Opfer bei ihren Militäreinsätzen in Afghanistan senken zu wollen. US-Präsident George W. Bush und Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer beschuldigten allerdings die radikal-muslimischen Taliban-Rebellen am Montag, Zivilisten in den Kämpfen zu missbrauchen.

"Sie haben kein Problem menschliche Schutzschilde zu benutzen, weil sie Menschenleben entwerten", sagte Bush bei einer Pressekonferenz zum Abschluss von Gesprächen mit Scheffer auf seiner Ranch in Texas. "Jeder zivile Tote ist einer zu viel", erklärte der Generalsekretär. "Aber in einem Konflikt wie diesem, ist das von Zeit zu Zeit unvermeidbar." Auf jeden Fall seien die Nato-Truppen in einer "anderen moralischen Kategorie" als die Taliban. "Wir haben immer noch sehr stark die Herzen und Köpfe des afghanischen Volks auf unserer Seite".

Viele Zivilisten nach Nato-Einsätzen getötet

Afghanistans Präsident Hamid Karsai hatte wegen der steigenden Zahl getöteter Zivilisten protestiert. Örtlichen Behörden zufolge kamen in den vergangenen Wochen dutzende bei Einsätze von Nato und USA in dem Land ums Leben. Deshalb kam es zu Protesten gegen Karsai und die ausländischen Truppen. Deutschland hat gefordert, die Vorgehensweise des Militärs zu überprüfen. Die Bundesrepublik beteiligt sich an der von der Nato angeführten ISAF-Truppe von rund 37.000 Soldaten.

Überraschend besuchte Außenminister Frank-Walter Steinmeier am Dienstagmorgen den deutschen Stützpunkt in Kundus und sprach dort mit Soldaten des deutschen Wiederaufbauteams (PRT). "Ihre Arbeit verdient unsere ganze Anerkennung. Unser Land ist stolz auf seine Aufbauhelfer und Soldaten." Er sei gekommen, um nach dem schockierenden Anschlag von Samstag ihren Einsatz zu würdigen. In Afghanistan gebe es keine sicheren Zonen. "Der Terror droht überall, und absoluten Schutz vor Terrorangriffen gibt es nicht. Das mussten wir sehr schmerzlich erfahren."

Deutschland bleibt beim Wiederaufbau

Zugleich verwies er auf die bislang erreichten Fortschritte beim Wiederaufbau des Landes seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001. Mädchen könnten wieder die Schule besuchen, Felder würden wieder bewässert und Straßen und Häuser gebaut. Das Ziel der Taliban sei es, diese Fortschritte wieder zunichte zu machen. "Das dürfen wir nicht zulassen", sagte Steinmeier. "Die Menschen in Kundus und anderswo in Afghanistan setzen darauf, dass wir an ihrer Seite stehen. Wir werden Wort halten und sie auch künftig beim Wiederaufbau ihres Landes unterstützen."

Der Minister fliegt anschließend weiter in die Hauptstadt Kabul, wo er Präsident Hamid Karsai trifft und mit der Führungsspitze der unter NATO-Befehl stehenden Internationalen Schutztruppe (ISAF) spricht. Am Mittwoch fliegt er nach Pakistan. Dort trifft er unter anderen Staatschef Pervez Musharraf. Die Reise dient auch der Vorbereitung des G8-Außenministertreffens kommende Woche in Potsdam, wo auch die Außenminister Afghanistans und Pakistans erwartet werden.

AP/DPA/Reuters AP DPA Reuters

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