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Antibiotika in der Tiermast Eine Frage der Dosis

Die Regierung will den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast reduzieren. Doch was bringt die geplante Datenbank zur Kontrolle der Anwendungen? Die Grünen sehen darin nur eine Beruhigungspille.

Gerade einmal 35 Tage für ein Leben sind ganz schön kurz. Dann ereilt viele Masthühner in Deutschland der Tod. Das rasche Wachstum wird nicht selten gepäppelt mit Antibiotikamitteln, damit bei der industriellen Fleischproduktion nichts schief läuft. Zum Vergleich: Ein Haushuhn im "normalen Leben" kann über acht Jahre alt werden.

Das Bundeskabinett hat nun beschlossen, dass dank einer Änderung des Arzneimittelgesetzes ab Frühjahr 2013 eine Antibiotika-Datenbank aufgebaut wird. Damit soll den zuständigen Ländern erstmals eine umfassende "Einsichtnahme in die Daten über den Antibiotika-Einsatz bei landwirtschaftlichen Nutztieren ermöglicht" werden. Schon jetzt dürfen laut Arzneimittelgesetz Antibiotika nur zur Behandlung kranker Tiere eingesetzt werden - doch die Realität sieht anders aus.

Die Gesetzesänderung ins Rollen brachte vergangenes Jahr eine Studie in Nordrhein-Westfalen, bei der laut Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) 15,2 Millionen von insgesamt 19 Millionen Hähnchen in fast 1000 Ställen erfasst wurden. Das Ergebnis: Bei mehr als 96 Prozent der Tiere werden Antibiotika verabreicht.

Kritik aus den Ländern

Tierärzte werden nun verpflichtet, die verabreichten Medikamente an die Datenbank zu übermitteln. Auch Landwirte müssen die Häufigkeit der Anwendungen genau dokumentieren. Zudem wird Tierärzten verboten, mehr Antibiotika zu verabreichen als in der Packungsbeilage vorgeschrieben.

Doch was bringt das Projekt von Agrarministerin Ilse Aigner (CSU)? Aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg kommt Kritik. Eine Zustimmung im Bundesrat ist daher noch nicht sicher. NRW-Minister Remmel sieht eine Mogelpackung: "Aigner erteilt einen Freibrief für den massiven Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung", sagt er.

Für viele Kritiker liegt das Problem darin, dass keine konkrete Mengenreduzierung verfügt wird. Und ein Verbot von Antibiotika, die auch für Menschen wichtig sind und bei denen der Fleischkonsum daher die Resistenzbildung verschärfen kann, soll zunächst nur geprüft werden. Die Folge: Bestimmte Behandlungen schlagen nicht mehr an. Zudem wird kritisiert, dass die Länder zunächst über ein Jahr lang den Antibiotika-Einsatz erfassen müssen, um dann zu sehen, wo und ob dieser zu hoch ist. Somit könnte frühestens 2014 mit einer konkreten Reduzierung begonnen werden.

Zu wenig Strafen

Zudem fehle weiterhin eine lückenlose Dokumentation für alle Masttiere von der Geburt bis zur Schlachtbank, monieren die Grünen. Und es gebe kaum Sanktionsmöglichkeiten, wenn der Einsatz nicht zurückgefahren wird. Fraktionsvize Bärbel Höhn sagt: "Was Ministerin Aigner als Reduktionsstrategie verkaufen will, ist nichts anderes als eine Zementierung des Status Quo." Nur die Landwirte, die wiederholt weit über den Durchschnittsmengen liegen, müssten Maßnahmen zur Minderung ihres Antibiotikaverbrauchs ergreifen. Astrid Goltz vom Netzwerk Campact hält den Entwurf für zahnlos. "Durch die massenhafte Verabreichung von Antibiotika werden Megaställe zu Brutstätten für multiresistente Keime, die auf den Tellern von uns allen landen."

Die Opposition kritisiert Aigner als zu weich im Umgang mit der Fleischlobby, die zu strenge Auflagen als Gefahr für florierende Geschäfte sieht. Wegen des weltweit wachsenden Fleischkonsums steigen die Exporte stark an. Betrugen sie 2001 noch 1,5 Millionen Tonnen, hat sich die Ausfuhr von Schweine-, Rind- und Hühnerfleisch mehr als verdoppelt. Aigner selbst betont: "Wir können den Einsatz von Antibiotika in Deutschland innerhalb weniger Jahre deutlich senken, wenn die Länder und der Bund an einem Strang ziehen."

Sie appelliert an die Verbraucher, sich bewusst zu ernähren und verstärkt Produkte aus artgerechter Tierhaltung zu kaufen. So könnten sie einen Beitrag dazu leisten, dass weniger Antibiotika eingesetzt werden. Doch viele Bürger können sich das nicht leisten und greifen beim Discounter zur Billig-Pute. So ist das Problem auch eine Frage des Geldbeutels. Es sei denn, man ist oder wird Vegetarier.

Mehr Antibiotika als in Krankenhäusern

Aigners Ministerium war selbst überrascht, als vor einigen Tagen rauskam, wie hoch die Antibiotika-Menge ist. "2011 sind rund 1734 Tonnen Antibiotika von Pharmazeutischen Unternehmen und Großhändlern an Tierärzte in Deutschland abgegeben worden", betont das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Davon entfielen auf sogenannte Tetrazycline rund 576 Tonnen und auf Aminopenicilline 505 Tonnen. Aigners Haus betont: "Die reine Tonnage ist aber nicht aussagekräftig". Es käme darauf an, welchen Dosen verabreicht werden.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Deutschland betont, in der Intensivtierhaltung komme über 40 Mal mehr Antibiotika zum Einsatz als in deutschen Krankenhäusern. Gerade in strukturschwachen Regionen breiten sich Tierfabriken aus - mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin hat gerade sein Amt als Umweltbotschafter des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen niedergelegt. Der Grund: Werder mache seit Saisonbeginn Werbung für den "Marktführer der industriellen Billig-Fleischproduktion".

Georg Ismar und Günther Voss, DPA DPA

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