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Demos und Attacken auf Synagogen "Beängstigend" und "erschreckend" – große Sorge nach antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland

Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Zwei Polizistinnen stehen vor der Neuen Synagoge
Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Zwei Polizistinnen stehen vor der Neuen Synagoge. Vor zwei Synagogen in Nordrhein-Westfalen sind am Dienstag israelische Flaggen angezündet worden.
© Rolf Vennenbernd / DPA
In den vergangenen Tagen ist es in Deutschland zu antisemitischen Ausschreitungen und Angriffen auf Synagogen gekommen. Nicht nur Vertreter jüdischer Gemeinden sind nach den Vorfällen besorgt.

Die antisemitischen Ausschreitungen der vergangenen Tage sind nach Erkenntnissen des nordrhein-westfälischen Innenministeriums einem gemischten Täterspektrum zuzuschreiben. "Das sind nicht nur palästinensische Gruppen", sagte Innenminister Herbert Reul (CDU) am Freitag im "Morgenecho" von WDR 5. Zwar seien die Fälle noch nicht zu 100 Prozent ermittelt, es gehe aber insgesamt um Menschen aus dem arabischen Raum, aus Syrien etwa und im Fall eines Verdächtigen aus Gelsenkirchen um einen Deutsch-Libanesen. "Da mischt sich unheimlich viel zusammen."

Der 26-Jährige war nach antisemitischen Sprechchören nahe der Synagoge in Gelsenkirchen am Donnerstag als erster Tatverdächtiger identifiziert worden, nachdem eine Polizeikette am Mittwochabend einen antisemitischen Demonstrationszug an der Synagoge gestoppt hatte.

Die Polizei sprach von etwa 180 Menschen, die sich unangemeldet versammelt hatten. In einem per Twitter verbreiteten Video des Zentralrats der Juden sind Sprechchöre mit antisemitischen Inhalten zu hören. Zu sehen sind Menschen unter anderem mit palästinensischer, türkischer und tunesischer Flagge.

Vertreter jüdischer Gemeinden in Deutschland haben sich alarmiert gezeigt. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Judith Neuwald-Tasbach, sagte der Zeitung "Die Welt" (Freitagsausgabe), "als Tochter von Holocaust-Überlebenden verstehe ich überhaupt nicht, wie so etwas wieder passieren kann." Für die Mitglieder ihrer Gemeinde seien die Vorfälle von Mittwochabend in Gelsenkirchen "beängstigend und emotional schwer zu verkraften".

"Die Menschen kennen keine Juden und hassen sie trotzdem"

Zudem waren in der Nacht zum Mittwoch vor Synagogen in Münster und Bonn israelische Flaggen angezündet worden. In Solingen verbrannten Unbekannte in der Nacht zum Donnerstag eine vor dem Rathaus gehisste israelische Flagge. Zuvor war der Gaza-Konflikt zwischen militanten Palästinensern und Israel wieder eskaliert.

Die Vorsitzende der Synagogengemeinde Bonn, Margaret Traub, sagte der "Welt", "es ist mir egal, woran die Leute glauben. Aber leider sind es immer wieder junge islamistische Männer, die uns Juden angreifen." Der Antisemitismus komme jedoch von allen Seiten, auch von Rechten, Linken und aus der Mitte der Gesellschaft. "Die Menschen kennen keine Juden und hassen sie trotzdem."

Sharon Fehr, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Münster, berichtete der Zeitung von einer wachsenden Verunsicherung unter den Mitgliedern. "Wer eine israelische Fahne vor einem jüdischen Gotteshaus verbrennt, stellt sich explizit gegen unsere Bemühungen eines friedlichen Miteinanders." Er wolle sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn für die aggressive Meute ein Jude erkennbar gewesen wäre.

Reul bezeichnete es als "erschreckend, nicht akzeptabel, unerträglich, wenn auf deutschem Boden antisemitische Parolen skandiert werden". Jüdisches Leben in Deutschland müsste eine Selbstverständlichkeit sein. Die Initiative gegen Antisemitismus Gelsenkirchen hat via Twitter für diesen Freitag zu einer Solidaritätskundgebung vor der Synagoge aufgerufen.

Israelischer Botschafter bittet um Schutz für jüdische Gemeinden

Der israelische Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, hat die deutschen Behörden gebeten, die Sicherheit jüdischer Gemeinden gegen antisemitische Übergriffe zu gewährleisten. "Ich bitte die deutschen Behörden dringend, alles dafür zu tun, für die Sicherheit unserer Gemeinde hier zu sorgen", sagte Issacharoff am Freitag im ARD-"Morgenmagazin". Die israelische Regierung sei besorgt über die antisemitischen Vorfälle. Der Konflikt im Nahen Osten habe nichts mit der jüdischen Gemeinschaft hier in Deutschland zu tun, sagte Issacharoff.

Weiter sagte der Botschafter, er halte die israelische Siedlungspolitik nicht ursächlich für den sich ausweitenden Nahost-Konflikt. "Es gibt verschiedene Streitpunkte zwischen Israelis und Hamas. Aber man kann nicht Tausende von Raketen auf Israel herabregnen lassen und dann dies mit der Siedlungspolitik in Verbindung bringen. Die Siedlungspolitik kann natürlich diskutiert werden in einem ernsthaften politischen Dialog. Aber 2000 Raketen sind kein Argument in einer Diskussion."

Journalistin Steffi Hentschke berichtet aus Tel Aviv.

Antisemitismusbeauftragter nimmt Islam-Verbände in die Pflicht

Nach den Protestkundgebungen in mehreren Städten hat der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, an die Islam-Verbände appelliert, hier mäßigend zu wirken. Er rufe die Verbände auf, "sich von Gewalt gegen Jüdinnen und Juden und von Angriffen auf ihre Gotteshäuser zu distanzieren, zu Gewaltfreiheit aufzurufen und deeskalierend auf die muslimische Gemeinschaft in Deutschland einzuwirken", sagte Klein am Freitag.

Für ihn sei es entsetzlich zu sehen, "wie offensichtlich hier Juden in Deutschland für Handlungen der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden, an denen sie ganz und gar unbeteiligt sind", fügte er hinzu. Eine solche Sichtweise sei "purer Antisemitismus", sagte Klein. Solidarität mit Palästinensern oder Kritik an der israelischen Regierung seien keine Rechtfertigung für Vorfälle wie in Bonn, Gelsenkirchen und anderen deutschen Städten.

fs AFP DPA

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