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Asse II: Das gefährliche Endlager

Jahrzehntelang wurde das Endlager Asse II nur äußerst schlampig kontrolliert, über den dort gelagerten Atommüll gibt es nur unzureichende Informationen. Wer trägt die Verantwortung dafür? Welche Gefahren bestehen für die Umwelt und die Anwohner? stern.de gibt Antworten.

Von Sebastian Jabbusch

Das marode Atommülllager Asse wird künftig nach strengerem Atomrecht geführt und fällt damit auch unter die Zuständigkeit des Bundesumweltministeriums. Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte nach einem Krisentreffen in Berlin an, das niedersächsische Lager in der Nähe von Wolfenbüttel solle nun vom Bundesamt für Strahlenschutz (BFS) geführt werden: "Asse wird künftig wie ein Endlager behandelt."

Der jüngste Bericht über den Zustand des Lagers hatte zahlreiche Mängel und Verfahrensverstöße aufgezeigt. Im Endlager Asse sind rund 130.000 Fässer mit mittel- und schwachradioaktivem Müll eingelagert. Auch mehrere Kilo des hochgiftigen Plutoniums befinden sich dort. In den Salzstock fließt schon seit den 60er Jahren Salzlauge, die die Stabilität des Lagers bedroht. Auch eine Gefahr für das Grundwasser wird nicht ausgeschlossen. Umweltminister Gabriel bezeichnete Asse als "die problematischste kerntechnische Anlage in Europa".

Welche Fehler wurden in Asse gemacht? Wer trägt dafür die Verantwortung? Welche Gefahren bestehen für Umwelt und Bevölkerung? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen rund um das problematische Endlager in Niedersachsen.

Was ist Asse II?

Das ehemalige Salzbergwerk im östlichen Niedersachsen war als Forschungsanlage für das geplante Atommüllendlager Gorleben angelegt. Ein Jahr nach Ende der kommerziellen Salzförderung 1965 beginnt die Planung für die Anlage. Zwischen 1967 und 1978 werden insgesamt 126.000 Fässer schwach- und mittelradioaktive Abfälle eingelagert.

Sie enthalten unter anderem 100 Tonnen Uran und zehn Kilogramm Plutonium. Aufgrund sehr schlechter Dokumentation schließt das Umweltministerium in seinem vor wenigen Tagen veröffentlichten Bericht auch die Einlagerung von hochradioaktivem Material nicht mehr aus. Trotz des Titels als "Forschungsbergwerk" war eine Rückholung des Mülls nie geplant. Der meiste Atommüll wurde mit Salz verschlossen, teilweise in Gruben verkippt.

Wer ist politisch zuständig?

Asse II wurde im Auftrag des Bundes von der "Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung" (GSF) eingerichtet (Heute: Helmholtz Zentrum München). Das Forschungszentrum unterstand bis Donnerstag dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und wurde auch vom Ministerium finanziert. Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte nach einem Krisentreffen an, die Verantwortung für das Lager nun an das Bundesamt für Strahlenschutz (BFS) zu überführen.

Anfang der Woche hatte Christian Wulff (CDU) bereits dem Landesbergamt Niedersachsen die Aufsicht entzogen.

Warum sind Endlager so wichtig?

Hochradioaktiver Atommüll - etwa das hochgiftige Plutonium 239 - strahlt über 241.000 Jahre. Die bisherigen Zirkon-Behälter könnten nach neuesten Untersuchungen schon nach 1400 Jahren Radioaktivität austreten lasen. Deshalb ist eine unterirdische Lagerung wichtig, um die austretende Radioaktivität einzudämmen.

Bei einer oberirdischen Lagerung wäre der Müll auch den Gefahren von Naturkatastrophen - wie Fluten oder Erdbeben - ausgesetzt Bei einer Unterbringung in einem Salzstock wie zum Beispiel Gorleben, ist der Müll dagegen deutlich besser geschützt.

Seit einiger Zeit erfährt die Kernenergie in der politischen Debatte eine Renaissance. Befürworter der Kernkraft verweisen darauf, dass diese Energieform weitgehend klimaneutral sei. Deshalb wird die Kernenergie als Übergangstechnologie - bis die regenerativen Energien die Lücke schließen können - ins Spiel gebracht. Die ungelöste Endlagerungsfrage gilt dabei aber als eine der größten Hindernisse.

Welche Probleme gibt es mit Asse II?

Der größte anzunehmende Unfall (GAU) für die Schachtanlage Asse II wäre ein Wassereinbruch, heißt es in einem Dokument der Bundesregierung aus dem Jahr 1977. Das Wasser wird radioaktiv verseucht und kann bei einem Wiederaustritt eine erhebliche Gefahr für Umwelt und Anwohner darstellen.

Und genau das passiert derzeit, wie die Untersuchung des Bundesumweltministeriums ergeben hat. Jeden Tag dringen über 12.000 Liter Sickerwasser in das Bergwerk ein. Nach Angaben von Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) wurde die Informationen darüber jedoch vom Betreiber über Jahrzehnte "bewusst unterdrückt". Auch jetzt spricht die Helmholtz Gesellschaft lediglich von "Tropfwasser". Der Ursprung ist unbekannt - inzwischen wird auch Oberflächenwasser nicht mehr ausgeschlossen.

Weil das Wasser auf seinem Weg durch den Salzstock einen Teil des Gesteins auflöst, könnte das Bergwerk in einigen Jahren einstürzen. Gabriel bezeichnete Asse II daher als "problematischste kerntechnische Anlage, die wir in Europa finden ".

Das Sickerwasser ist zudem hoch mit Cäsium-137 sowie Uran 235 und 238 belastet, dessen Quelle ebenfalls unbekannt ist. Kritiker befürchten, dass die Verseuchung durch Kontakt des Sickerwassers mit dem verkippten Atommüll stammt. Der Betreiber schließt einen solchen Kontakt aus. In jedem Fall kann das Wasser durch die Verstrahlung nicht abgepumpt werden.

Wie gefährlich ist ein möglicher Wasseraustritt?

Die größte Gefahr besteht darin, dass das hochgiftige Wasser das Bergwerk verlässt und mit dem Grundwasser in Kontakt kommt. Bürgerinitiativen fürchten vor allem eine gezielte Flutung des Bergwerkes, mit der die Radioaktivität eingeschlossen werden soll.

Ein solcher Schritt würde die Atommüllfässer innerhalb von zehn bis 100 Jahren vollständig zersetzen, fürchten Kritiker. Durch den Gebirgsdruck könnte zudem die Flüssigkeit in die tieferen Salzwasserschichten gepresst werden. Diese Schichten ziehen sich von Magdeburg bis Hildesheim, vom Harzrand bis nach Lüneburg. Im schlimmsten Fall verseucht das Wasser Tiefwasserquellen, aus denen Trinkwasser gewonnen wird. In einem anderen Szenario könnte das Wasser über die zahlreichen Salzwasserquellen an die Oberfläche gelangen und somit die Biosphäre inklusive Flüsse und Fischbestände verschmutzen. Ein Gutachten des Bundesamtes für Strahlenschutz hält einen Oberflächenaustritt des verseuchten Wassers in 150 bis 750 Jahren für möglich. Unabhängige Untersuchungen über die Folgen einer Flutung gibt es noch nicht.

Kann das Problem behoben werden?

Wie mit der Situation umgegangen werden soll, ist noch völlig unklar. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat zusammen mit Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) zunächst eine Expertengruppe aus beiden Ministerien eingerufen, die verschiedene Lösungsansätze analysieren soll. Der Betreiber favorisiert seit langem eine gezielte Flutung mit einer Magnesiumchlorid-Lösung. Dies wäre jedoch nicht mehr umkehrbar. Zudem könnte diese Lösung - radioaktiv verseucht - durch die vielen Rissen aus dem Bergwerk sickern. Bürgerinitiativen schlagen stattdessen vor, die gesamte Grube unter einen Druck von 80 Bar zu setzen, um einen Einsturz zu vermeiden. Noch besser wäre eine Rückholung des Atom-Mülls. Dies könnte jedoch drei bis vier Milliarden Euro kosten und bis zu 30 Jahren dauern, warnt das Helmholtz-Zentrum, der Betreiber von Asse II. Zudem stellt sich dann erneut die Frage, wohin die 126.000 Fässer gebracht werden sollten.

Wer hat Schuld an dem Desaster?

Betreiber des Werkes ist das "Helmholtz Zentrum München" (damals noch "Gesellschaft für Strahlenforschung mbH" - GSF), die das Problem über Jahrzehnte ignorierte und in aktuellen Presseerklärungen die Bedeutung der neuesten Ergebnisse weiterhin herunterspielt. Die politische Verantwortung tragen die Forschungsminister der letzten 20 Jahre, die das Forschungsbergwerk zu nachsichtig führten. Aber auch die Ministerpräsidenten von Niedersachsen - darunter Sigmar Gabriel und Gerhard Schröder (beide SPD), die die Oberaufsicht des niedersächsischen Landesbergamts hatten - blieben während ihrer Amtszeit untätig.

Welche Alternativen gibt es?

Die Endlagerung ist weltweit ein nicht gelöstes Problem. Nach Angaben der amerikanischen Umweltorganisation World Watch Institute hat keines der 26 Länder, die mit Kernenergie arbeiten, bisher eine sichere, dauerhafte und politisch akzeptierte Lösung gefunden, den nuklearen Abfall zu beseitigen.

Amerika verkippt derzeit seine Abfälle in der Wüste. Norwegen forscht seit Jahrzehnten an einer Granit-Endlagerstätte in den Bergen. In Deutschland galt bisher der Salzstock Gorleben als aussichtsreichster Kandidat für ein Endlager. Seit zehn Jahren ist eine Erkundung von Gorleben ausgesetzt. Alternativen wurden jedoch - entgegen der Pläne der rot-grünen Regierung - bisher nicht erforscht. Eine große Menge Atommüll lagert derzeit notdürftig geschützt in oberirdischen Lagerhallen, die neben vielen deutschen Atomkraftanlagen angelegt wurden, um unnötige Transporte zu vermeiden. Das größte deutsche oberirdische Atommüllzwischenlager liegt neben dem abgeschalteten Atomkraftwerk in Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern.

Was für eine politische Bedeutung hat der Skandal?

Viele Politiker der CDU setzen trotz Gefahren der Produktion und trotz der ungeklärten Endlagerfrage auf die Atomkraft. Gerade Bayern und Baden-Württemberg setzen sich in den vergangenen Jahren für eine Verlängerung der Laufzeit deutscher Atomkraftwerke ein. Gleichzeitig lehnen sie eine Suche nach Endlagerstätten auf ihren eigenen Territorien strikt ab.

Auch auf dem jüngsten Treffen der G8-Staaten war die Kernenergie und deren künftige Nutzung ein Thema. Vor allem Amerika, Indien und China kündigten an, weitere Atomkraftwerke zur Vermeidung von CO2 Emissionen zu errichten. Weltweit gibt es neben Deutschland nur wenige Länder, die komplett auf die Kernkraft verzichten wollen.

Im kommenden Bundestagswahlkampf wird das Thema Atomkraft eine wichtige Rolle spielen. Die Union dringt auf eine Verlängerung der Laufzeiten, die SPD will dagegen am im Atomkonsens beschlossenen Zeitplan festhalten.

Wie geht es jetzt weiter?

In einer ersten Konsequenz entzog Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) die Zuständigkeit des Landesbergamtes für Asse II. Gleichzeitig wurden gegen den Leiter und einen Referenten Disziplinarverfahren eingeleitet.

Künftig übernimmt das Bundesamt für Strahlenschutz (BFS) die Verantwortung für das Bergwerk. Das kündigte Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) nach einem Krisentreffen an. "Asse wird künftig wie ein Endlager behandelt und künftig nach dem strengeren Atomrecht geführt" so die Ministerin.

Die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast hat wegen der Vorfälle im Atommülllager Asse Strafanzeige gestellt. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat daher den Bericht des niedersächsischen Umweltministeriums über die Zustände in dem ehemaligen Versuchsendlager angefordert. "Wir prüfen, ob in Asse unerlaubt mit gefährlichen Abfällen oder radioaktiven Stoffen umgegangen worden ist oder ob die gesamte Anlage unerlaubt betrieben worden ist", sagte der Sprecher der Ermittlungsbehörde, Klaus Ziehe, am Donnerstag.

Derzeit sperrt sich vor allem die SPD im Bundestag gegen einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Wohl auch, weil die SPD lange Zeit das Bundesland Niedersachen regierte.