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Aus stern Nr. 51/2004: Der Stachel der Reue

Offener Brief an Friedrich Merz, der seine Ämter hinschmiss, um Angela Merkel zu schwächen - und doch nur sich selbst geschadet hat. Aus stern Nr. 51/2004.

Lieber Friedrich Merz, tut es schon weh? Spüren Sie ihn schon, morgens, wenn Sie wach werden, ganz mit sich alleine sind und an den neuen Tag denken, oder spätnachmittags, wenn Sie durchs düstere Berlin chauffiert werden, der Blick aus dem Wagenfenster ins Ungefähre schweift und die Emotionen durch die Gedanken sickern, spüren Sie dann diesen Schmerz? Dort, wo der Mensch eine Seele hat? Dieses leise Bohren, das eine bittere Erkenntnis ankündigt: dass Sie einen Fehler begangen haben? Einen schweren Fehler? Ich bin sicher, dass Sie den Schmerz spüren, dass Sie ihn aber - so, wie Sie nun mal gestrickt sind - verleugnen. Oder gleich wieder hinunterstopfen, ganz tief hinein ins Gemüt. Glauben Sie bloß nicht, dass er dort bliebe, dass Sie ihn einkapseln könnten. Er kommt wieder und wieder. Er hat einen Namen: Reue.

Denn Ihre Triumphe welken. Rasend schnell. In der Debatte des Bundestags, vorvergangene Woche, da haben Sie's noch mal allen gezeigt. Der Vorsitzenden, der eigenen Partei, dem trocken würgenden Hans Eichel, der Presse, dem ganzen Land: Friedrich Merz ist der beste Redner der Opposition, vielleicht des ganzen Parlaments. Intelligent, blitzschnell, schneidend. Als Finanzminister wurden Sie auch noch angekündigt, irrtümlich, als sollte demonstriert werden bei Ihrem letzten Auftritt als Fraktionsvize und finanzpolitischer Sprecher, was aus Ihnen hätte werden können, wenn Sie nicht hingeschmissen hätten. Dazu noch der große Sprung nach vorn - auf Rang zwei der Beliebtheitsskala, nach Joschka Fischer. Herr im Himmel, welch ein Verlust!

Und nun, Anfang der Woche, der Parteitag in Düsseldorf. Abschied aus dem Präsidium. Schulterklopfen. Schade, Herr Merz É Mensch, Friedrich É Auch da haben Sie es gespürt, als Sie am Ende die Halle verließen. Seien Sie ehrlich mit sich selbst! Sie haben gespürt, wie Anstachler zu Heuchlern wurden, wie Bewunderung zu Mitleid rostete. Das wird noch schlimmer werden, wenn Sie im Bundestag nicht mehr in der zweiten Reihe sitzen zwischen Schäuble und Seehofer, den beiden anderen Semi-Verweigerern, sondern sich jedes Mal aufs Neue einen Platz suchen müssen. Irgendwo hinten. Irgendwo abseits.

Sie haben, lieber Friedrich Merz, die Dialektik Ihrer eigenen Verweigerung nicht erkannt. Sie wollten Angela Merkel treffen. Sie, die Ihnen am Abend der letzten Bundestagswahl quasi im Vorübergehen, neben Edmund Stoiber, eröffnet hat, dass sie selbst nun den Fraktionsvorsitz beanspruche und Sie vielleicht Bundestagspräsident werden könnten. Zugegeben: absprachewidrig, denn die Entscheidung sollte nicht ohne Sie getroffen werden. Aber mal im Ernst: Was konnten Sie in der Sache anderes erwarten? Seither haben Sie sich von Ihrer Rachsucht und Ihrer gekränkten Eitelkeit zerfressen lassen. Bis Ihre Seele ganz löchrig war und die Vorsitzende plötzlich mal schwach und Sie die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, sie kalt zu erwischen. Rumms! Ja, kurzfristig haben Sie sie erwischt, sie hat ein paar Tage nach Luft geschnappt. Dann war sie wieder stark. Aber langfristig, werter Friedrich Merz, schnappen Sie nach Luft, haben Sie sich selbst erwischt. Mit 49!

Denn erstens haben Sie die Frau nicht verstanden. Es will bis heute nicht in Ihren westdeutschen Männerschädel, welche Kraft eine Frau aus dem Osten hat, die es so schnell so weit gebracht hat. Denken Sie endlich mal darüber nach: Sauerland meets Mecklenburg! Ach, ja: Der trau ich keine zwei Meter über die Straße. Und: Es gab in zwei Jahren nie ein persönliches Gespräch. Konnte sie Ihnen trauen? Wollten Sie je mit ihr persönlich sprechen? Und zweitens: Hinschmeißen heißt in Wahrheit, sich dem anderen zu unterwerfen, sich vollständig von ihm abhängig zu machen. Existenziell. Die Wut hat Sie blind gemacht. Blind dafür, dass Sie eine eigene Position, eigene Stärke hatten, mit der Sie wuchern konnten. Die gibt man nicht auf, die verteidigt man, die baut man aus. Damit sie nicht vorbeikann an dem Monolithen.

Ja, ich weiß. Sie kalkulieren anders. Sie denken, wenn man Angela Merkel loswerden will, muss man sie schwächen, damit sie die Wahl 2006 verliert. Dann ist sie weg, und Sie teilen sich das Erbe mit Wulff oder Koch. Aber, verirrter Friedrich Merz: Was ist, wenn sie gar nicht weg ist? Wenn sie sogar siegt? Die Friedhöfe, Geschätzter, sind voller Menschen, die sich für unersetzlich hielten. Leben Sie! Reifen Sie! Machen Sie Politik! Ganz vorne. Und gehen Sie mal zum Frühstück - zu ihr.

Hans-Ulrich Jörges / print