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Beate Zschäpe vor Gericht: Es geht los - endlich

Auftakt im NSU-Prozess: Vor dem Münchner Gericht herrscht riesiger Andrang. Wie Neonazis mit türkischen Journalisten und rüstigen Rentnern in einer Schlange stehen.

Von Malte Arnsperger, München

Seit 13.30 Uhr am Sonntagmittag hat Helmut S. gewartet. Der 68-Jährige hat auf einer steinernen Treppe gesessen, hat Mohnschnecken gefuttert und Kaffee getrunken. Der Rentner hat in der Nacht keine Sekunde geschlafen. Um 8.01 Uhr an diesem Montagmorgen wird Helmut S. erlöst. Die Polizisten vor dem Münchner Strafjustizzentrum öffnen die gelben Plastikzäune einen Spalt weit. Nach fast 19 Stunden darf er rein: Helmut S. schultert seinen dunklen Rucksack und strebt der Einlasskontrolle zu. Er hat es sich redlich verdient, als allererster Zuschauer des NSU-Prozesses in den Gerichtssaal zu gelangen.

Endlich ist er da, der Tag, der seit Wochen die Schlagzeilen in Deutschland und einigen anderen Ländern beherrscht. Das Verfahren gegen die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe und vier angebliche Helfer beginnt vor dem Münchner Oberlandesgericht. Der Trubel, der Andrang, die Hektik rund um dem Vorplatz des Justizzentrums ist enorm. Dutzende Kamerarateams aus dem In- und Ausland haben sich auf den Steintreppen niedergelassen, kreuz und quer liegen Kabel, Bildschirme zeigen das Liveprogramm, Techniker fläzen sich auf Klappstühlen. Um sie herum schwirren zahllose Journalisten mit gezücktem Block oder griffbereitem Mikrofon. Anwälte der NSU-Opfer geben Interviews, türkische Menschenrechtsaktivisten verteilen Flugblätter. Alles unter den wachsamen Augen von zahllosen Polizisten. Auf der anderen Straßenseite haben sich Demonstranten postiert. Mit der Brauerei "Löwenbräu" im Nacken haben sie Plakate aufgestellt - "Hitlerkind Zschäpe du wirst für die Morde bezahlen müssen" - von einem weißen Lastwagen herunter spricht ein Aktivist des "Bündnis gegen Naziterror".

Rechte in der Warteschlange

Doch die größte Aufmerksamkeit kommt dem großen weißen Plastikzelt zu, das extra für das Verfahren vor dem Eingang zum Gericht aufgebaut wurde. Hier muss jeder durch, der den Prozessauftakt verfolgen will. Eine Reihe ist für die akkreditieren Journalisten vorgesehen, daneben müssen sich sonstige Zuschauer anstellen. Nur 50 Plätze sind für interessierte Bürger reserviert. Wohl dem, der sich so früh einen Platz in der Schlange sichern konnte wie Helmut S. Ausgerüstet mit mehreren Pullis und seinem Proviantrucksack hat er sich am Sonntagmittag zum Gericht aufgemacht. "Ich war verwundert, dass ich der erste war. Ich habe gedacht, dass schon viel mehr Leute anstehen", sagt der Rentner. Nach und nach seien am Sonntagnachmittag weitere Mitstreiter dazugekommen. Journalisten, "aber auch solche wie ich", sagt Helmut S. "Wir haben uns auf die Treppe gesetzt und uns die ganze Nacht lang unterhalten. Es wurde nie langweilig." Auf die Frage, warum er sich das angetan hat, sagt Helmut S. "Mich interessieren alle großen politischen Prozesse in München. Ich will selber sehen, wie das Gericht urteilt. Denn meistens werden ja diese Rechten verschont."

Angesichts des knappen Platzkontingents für die allgemeine Öffentlichkeit war im Vorfeld des Prozesses befürchtet worden, dass vor allem rechtsextreme Gruppen die Strategie von Helmut S. verfolgen und viele Plätze für sich und ihre Gesinnungsgenossen reservieren könnten. Doch an diesem Morgen dauert es bis 8.05 Uhr, als die ersten ganz offensichtlich dem rechten Spektrum zuzurechnenden Männer auftauchen. Ein robuster Kerl mit Vollbart und schwarzer Sonnenbrille begleitet von einem Glatzkopf stellen sich ans Ende der Schlange. Sofort Unruhe unter den Polizisten. Denn der Glatzkopf ist die bekannte Neonazi-Größe Karl-Heinz Statzberger. Reden wollen die beiden Männer nicht: "Kein Kommentar". Mit stoischem Blick in Richtung Eingang warten sie, umgeben von vielen ausländischen Journalisten und Bürgern. In den Gerichtssaal werden es Statzberger und sein Kamerad am Ende aber nicht schaffen, wenige Menschen vor ihnen ist um kurz nach 9 Uhr Einlassstopp.

"Wir haben alles im Griff"

Während Statzberger immer noch vergeblich auf Einlass wartet, wird es auf dem Vorplatz wieder hektisch. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude trifft ein, begleitet von einigen türkischen Offiziellen, darunter dem Menschenrechtsbeauftragten des türkischen Parlaments. Ude sieht sich um, spricht ein paar Takte mit dem Münchner Polizeisprecher ("wir haben alles im Griff, alles ist ruhig") und gibt eine improvisierte Pressekonferenz. Schon folgt die nächste Aufregung unter den Reportern: Das Gerücht macht die Runde, die Hauptangeklagte Beate Zschäpe sei soeben mit einem großen Konvoi ins Gericht gebracht worden. Jetzt kann es endlich losgehen.