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Anschlag in Berlin: Falscher Verdächtiger wirft Polizei Misshandlung vor

24 Stunden lang war Naveed B. aus Pakistan nach dem Anschlag in Berlin von der Polizei festgehalten worden - dann ließ man ihn wieder frei. Er sei von den Beamten malträtiert worden und fürchte nun in Deutschland um sein Leben, erzählt der entlastete Verdächtige.

Polizisten auf dem Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche

Auf dem Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche starben am 19. Dezember elf Menschen

Es war 20.41 Uhr, als die Polizei Berlin auf Twitter schrieb, dass ein Lastwagen auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin Passanten erfasst hatte. Keine Stunde verging, bis derselbe Twitter-Account verkündete: Verdächtiger gefasst.

Die Polizei hatte Naveed B. festgenommen. Ein Mann aus Pakistan, 24 Jahre alt. Ein Zeuge hatte angegeben, dem Mann nach dem Vorfall hinterhergerannt zu sein in dem Glauben, dass Naveed B. der Attentäter sei. Als der Zeuge schließlich zugab, den Fahrer doch nicht lückenlos verfolgt zu haben, sondern ihn zwischenzeitlich aus den Augen verloren zu haben, kamen Zweifel auf, dass Naveed B. tatsächlich der Täter war. Mit dem Beschuldigten Anis Amri, einem untersetzten Tunesier mit dichten Locken, hatte der hagere Pakistaner Naveed B. mit kurz geschorenen Haaren und Geheimratsecken nichts gemein. Innenminister Thomas de Maizière nannte ihn nur Stunden nach dem Anschlag vor Kameras den Hauptverdächtigen. Erst 24 Stunden später wird Naveed B. aus der Festnahme entlassen.

Was ihm in diesen 24 Stunden widerfahren ist, erzählte Naveed B. im Interview mit der britischen Zeitung "The Guardian". Er beschuldigt die Polizei, misshandelt worden zu sein.

"Sie haben angefangen, mich zu schlagen"

Am 19. Dezember sei er gerade von einem Freund gekommen, als an der Siegessäule ein Auto auf ihn zugerast sei, sagte Naveed B. dem "Guardian". "Ich habe gesehen, dass es ein Polizeiauto war". Sie hätten ihn mitgenommen und seine Augen verbunden. Auf einer Polizeiwache habe man ihn entkleidet und dann fotografiert. "Als ich mich wehrte, fingen sie an, mich zu schlagen", sagt er.

"Sie haben die Hacken ihrer Schuhe in meine Füße gedrückt", erzählte Naveed B. weiter, einer von ihnen "drückte seine Hand mit großem Druck" in seinen Nacken.

Naveed B. fürchtet in Deutschland um sein Leben

Naveed B. gab an, mit dem "Guardian" gesprochen zu haben, um die Tatsache bekannter zu machen, dass er unschuldig sei. Nach der Festnahme sei sein Name verbreitet worden, seitdem fürchte er in Deutschland um sein Leben. Auch seine Familie in Pakistan hätten Sicherheitskräfte kontaktiert, er und seine Familie seien am Telefon bedroht worden.

Der Mann stammt aus der armen und unruhigen Provinz Baluchistan, in der viele Extremistengruppen aktiv sind. Menschenrechtsaktivisten sagen, der Staat lasse regelmäßig Menschen verschwinden. Naveed B. war laut "Guardian" für eine der Gruppen für Baluchistans Unabhängigkeit politisch aktiv gewesen. Dafür habe er Todesdrohungen erhalten. "Meine Familie und ich waren uns einig, dass wir öffentlich etwas sagen müssen, je schneller, desto besser", sagte er.

Die Deutsche Presse-Agentur hatte berichtet, dass der Pakistaner nach der Freilassung an einen sicheren Ort gebracht worden war, damit Asylgegner ihn nicht angreifen können. Im Artikel heißt es, er solle dort zwei weitere Monate bleiben. Er bekomme Essen geliefert und müsse die Polizei benachrichtigen, wenn er hinausgehe.

Polizei weist Vorwürfe zurück

Die Berliner Polizei weist Vorwürfe zurück, Beamte hätten einen nach dem Terroranschlag von Berlin irrtümlich festgenommenen Pakistaner misshandelt. "Das hat nicht den Hauch von Substanz", sagte der Sprecher Winfrid Wenzel am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. "Der Mann ist definitiv von keinem Mitarbeiter misshandelt worden."

jen