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Berlin³: Wortwahl der Kanzlerin: Merkel und das Volk - die kurze Rückkehr der Willkommenskanzlerin

Wer ist das Volk? Jeder, der in diesem Lande lebt, sagt Angela Merkel. Schön wärs!

Angela Merkel

Angela Merkel: Ungewöhnlich international für eine Kanzlerin der Union

Kocht die "Volksseele" schon hoch? Nein, die Bevölkerung reagiert doch sehr gelassen!

Am Ende wird es um einen einzigen Satz gehen. Ein Satz, der juristisch nicht ganz korrekt ist. Dafür aber gut gemeint. Wahrscheinlich offenbart dieser Satz ziemlich präzise das Seelenleben einer Kanzlerin, der oft vorgeworfen wird, die richtigen Worte nicht zu finden. Zu nüchtern sei sie, zu technokratisch. Zu wenig pathetisch. Und er zeigt das Seelenleben einer Kanzlerin, die bei einem wichtigen Thema nicht mit sich im Reinen ist.

Man kann vielleicht sagen: Angela Merkel hätte schon gerne ein etwas anderes Land, weniger deutsch-tümelnd bisweilen, dafür internationaler, toleranter, weltoffener. Für eine Kanzlerin der Union ist zumindest das erstere eher ungewöhnlich. Und es macht ihr Leben nicht einfacher.

Angela Merkel: "Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt"

Hier also erst mal der direkte Weg zum gesprochenen Wort, vergangenes Wochenende in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern). So viel Zeit muss sein. Das gesprochene Wort sollte gelten. Aber man sollte es auch nicht aus dem Zusammenhang reißen.

Angela Merkel hat gesagt:

"Die Zeit der deutschen Einheit, die Zeit als der Eiserne Vorhang fiel, die Zeit als Europa zusammen gewachsen ist, war eine wunderbare Zeit. Und deshalb gibt es auch keinerlei Rechtfertigung, dass sich kleine Gruppen aus unserer Gesellschaft anmaßen, zu definieren wer das Volk ist. Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt."

Angela Merkel hat dann noch hinzugefügt: "Und das lassen wir uns auch nicht nehmen." Es ist die Rückkehr zu einer Wortwahl aus den Zeiten, als Merkel noch als "Willkommenskanzlerin" galt.

Man könnte jetzt "finde den Fehler" spielen. Haben Sie ihn entdeckt? Der Satz, um den es geht, lautet natürlich: "Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt." Der korrekte Begriff für alle, die in diesem Lande leben, hätte gelautet: Bevölkerung. Aber dann wäre der Kanzlerin die politische Pointe flöten gegangen. Sie hat also das sprachlich Unpräzise in Kauf genommen. Nehmen wir mal an.


Man könnte über diesen Fehler hinweggehen, in unaufgeregteren Zeiten. Aber erstens sind die Zeiten nicht mehr unaufgeregt. Eine Politisierung von Teilen, ja des Volkes, ist im Gange, wie sie schon lange nicht mehr zu erleben war. Und zweitens sorgen schon die rechten Flügelkämpfer im Land für die nötigen Ausschläge in der Wallungsdemokratie. Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch beeilte sich, dankbar für jede sich bietende Gelegenheit, empört los zu twittern: "Es gibt keinerlei Rechtfertigung dafür, daß sich diese einzelne Person anmaßt umzudefinieren, wer das Volk ist." Dass übrigens mit "ß", quasi in "alt-deutscher" Schreibweise, wahrscheinlich der Symbolik wegen. Dass sich da eine Partei aufregt, die nach den Aussagen ihrer Chefin Frauke Petry den Begriff "völkisch" wieder positiv besetzen möchte – kein Wunder.

Da ist sie nun also – die Debatte um die Verfasstheit einer Gesellschaft, aus der eine Debatte um die Verfassungstreue einer Kanzlerin wird. Immerhin hat sie ihren Amtseid ja darauf geschworen, ihre Kraft "dem Wohle des deutschen Volkes" zu widmen. Dass man dies auch und ganz besonders kann, indem man allen Menschen, die in diesem Lande leben, so offen wie nur irgend möglich gegenübertritt, ist für manche offenbar ein fremder Gedanke. Für Merkel nicht – und das ist auch gut so.