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Berlin³: FDP-Parteitag: Fortschrittsfroh und ein bisschen grün: Lindner rührt kräftig im Farbtopf der FDP

Der FDP-Chef setzt auf Abgrenzung zu den Grünen - und weiß doch, dass er an ihnen über kurz oder lang nicht vorbeikommen wird.

Video: Christian Lindner spricht Chinesisch

Christian Lindner kann mutmaßlich beim Chinesen unfallfrei das, sagen wir, Gericht Nummer 26 bestellen - wahrscheinlich durch einfaches Deuten auf die bebilderte Speisekarte. Er hat sich aber allemal so viel chinesisch beibringen lassen, dass es zum Eröffnungssatz seiner Parteitagsrede gereicht hat. Das ist ein Coup, der es unter Garantie heute Abend in die TV-Nachrichtensendungen schaffen wird. Es ist die Lindnersche Interpretation von Bill Clintons Weisheit: "It's the economy, stupid." Vorbei jedenfalls die Zeiten, da gefahrlos behauptet werden konnte, dass Wirtschaft in der Wirtschaft gemacht werde. Wirtschaft, das ist Lindners Botschaft und das haben wir jetzt kapiert, wird in China gemacht. Wer da nicht ein bisschen den Anschluss hält, der ist verloren. Hält Deutschland den Anschluss? Nee, sagt Christian Lindner, Deutschland hält ihn nicht. In der Tat: Ein wichtiges Thema!

In der FDP haben sie dafür schon mal ihre Kreativabteilung sprudeln lassen: Statt "Fridays for Future" brauche man "Mondays for Economy". Das haut zwar mit der Alliteration nicht ganz so hin, umreist aber für den schnellen Leser ganz gut, was den Liberalen derzeit wichtig ist.

Eröffnete den Parteitag der Liberalen auf chinesisch: FDP-Chef Lindner

Eröffnete den Parteitag der Liberalen auf chinesisch: FDP-Chef Lindner

DPA

Wer braucht Lindner und die FDP?

Wir sind immer noch bei der FDP - und wie jedes Mal in der jüngsten Vergangenheit stellt sich auch dieses Mal wieder die Frage nach dem Warum? Warum FDP? Warum Lindner? Und: ist diese Partei überhaupt ohne Lindner an der Spitze zu denken? 

Er war ja eine One-Man-Show in den bitteren Jahren der außerparlamentarischen Opposition. Ohne Christian Lindner, das kann man getrost sagen, säßen die Liberalen nicht mehr im Bundestag. Er hat das geschafft, wie ein Zweitligatrainer den Aufstieg in die Bundesliga. Umso mehr stellt sich die Frage, in welcher Funktion sie dort eigentlich gebraucht werden. Aktuell und perspektivisch.

Lindner hat, auch weil er um die Kräfteverhältnisse im eigenen Laden wusste, im Herbst 2017 die Jamaika-Verhandlungen platzen lassen. Seitdem ist er auf der Suche nach einer Legitimationskulisse für seine Partei, die über die nächsten Bundestagswahlen hinaus taugt. Es ist ein Paradox, aber er ist letztlich der Einzige, der eine Große Koalition in Endlosschleife verhindern kann. Weil er darum weiß, und weil er in Zukunft nicht allzu viele Schüsse mehr frei hat, ist er darauf angewiesen, sich gegen den künftigen Jamaika-Partner Grüne zu profilieren, ohne ihn nachhaltig zu verprellen.

Lindner will die FDP ein bisschen grüner machen 

Nachhaltigkeit ist ja ein wichtiges Stichwort in diesen Zeiten. Lindner hat sich vorgenommen, die Liberalen per Eigendefinition ein wenig grüner zu machen, mit einer fortschrittsfrohen Faustformel, die man sinngemäß etwa so zusammenfassen kann: Natur wird durch Technik erst schön. Gut, sauber sollte sie schon sein.

China? Man mag es kaum glauben, macht in dieser Hinsicht schon viel. Und so rundet sich der Kreis an diesem ersten Parteitagstag für eine FDP auf der Suche nach sich selbst. Sie rührt kräftig im Farbtopf und mischt sich das Grün so zurecht, dass sich die anderen schon mal schwarz ärgern können. 

tis