HOME

Verzicht auf Fraktionsvorsitz: Sahra Wagenknecht - eine Frau geht auf Abstand

Sahra Wagenknecht will nicht mehr an der Spitze der Linksfraktion stehen. Ein Abgang durch die Vordertür - und womöglich der Anfang vom Ende einer schwierigen Beziehung.

Wenn die Linke in Deutschland ein Gesicht hat, dann ist es das von Sahra Wagenknecht

Wenn die Linke in Deutschland ein Gesicht hat, dann ist es das von Sahra Wagenknecht

DPA

Wer Sinn für Pointen mit historischem Zeitbezug hat – bitteschön, hier ist eine: Auf den Tag genau 20 Jahre, nachdem ihr Ehemann Oskar Lafontaine seiner so geliebten SPD die Brocken vor die Füße schmiss und Knall auf Fall aufhörte, SPD-Chef sein zu wollen, verkündete am Montag Sahra Wagenknecht ihren Rückzug von der Fraktionsspitze der Linken. Sie wird bei den im Herbst anstehenden Wahlen nicht mehr antreten. Das mag der Anfang vom Ende einer schwierigen Beziehung sein, die Konsequenz aus einem lange schon andauernden Entfremdungsprozess, den die nicht immer einfache Politikerin mit ihrer nicht immer einfachen Partei durchgemacht hat. Ob es allerdings konsequenterweise zum totalen Bruch führt mit dieser Linken, gar zu einer Parteineugründung und somit zu einer Analogie im Hause Lafontaine, das wird die Zeit zeigen. Prognose: eher nicht.

Rückzug aus der Parteispitze: Wagenknecht: "Meine Gesundheit hat mir Grenzen gesetzt"

Sahra Wagenknecht braucht die Linke. Und die Linke braucht Sahra Wagenknecht. Eigentlich. Wagenknecht war in ganz schweren Zeiten (und sie ist es ja noch) das "schönste Gesicht des Sozialismus", wenn man diesen zu Mauerzeiten an die Eiskunstläuferin Kati Witt verliehenen Titel einmal verwenden darf. Man hat ihr zugehört. Wenigstens das. Mit durchgedrücktem Kreuz, unbeeindruckt von den Anfeindungen der bürgerlichen Welt, zog sie von Talkshow zu Talkshow, um dort mit unbewegter Miene ihren Standpunkt zu präsentieren. Immer streitbar, nie hysterisch. Nie blöd und nie platt. Zum Leidwesen Wagenknechts (wohl auch zum Leidwesen ihres Mannes daheim in Merzig) nur leider auch - nie mehrheitsfähig.  

Sahra Wagenknecht macht ihr eigenes Ding

Mag sein, dass so etwas zermürbt auf Dauer. Dass nun die Sinnsuche begonnen hat bei einer Frau, die in diesem Sommer 50 wird. Eine Frau, die Gremiensitzungen, um es vorsichtig auszudrücken, nie als vergnügungssteuerpflichtig empfand. Eine Frau, die in so wichtigen politischen Fragen wie dem Umgang mit der Migration sich auch von der Mehrheit in ihrer Partei zunehmend entfernte. Der Abstand ist größer geworden über all die Jahre. Wenn die Genossen ein Geräusch benennen sollten, dass sie mit Wagenknecht verband, dann war es – der Rollkoffer. Genossen hat sie die Gegenwart der Genossen nur noch selten. Sie war auch gerne mal weg, räumlich auf Distanz, um ihr Ding zu machen, Wagenknechts Ding.  

Mit ihrem doch arg theoretischen Konstrukt, eine Sammlungsbewegung mit dem Namen "Aufstehen" quasi von oben zu gründen, trieb Wagenknecht einen zusätzlichen Keil in die Partei. Ob gewollt oder nicht – sie nahm die Zerwürfnisse, die daraus entstanden, zumindest in Kauf.  Viele haben sich über ihren Ego-Trip geärgert. Dass sie sich auch bei "Aufstehen" nun aus dem inner circle zurückzieht, deutet daraufhin, dass sie der Bewegung offenbar keine allzu große Wucht mehr zutraut. Es war ein Versuch. Er ist gescheitert.

Gregor Gysi, selbst ein Groß-Rhetoriker, hat im jüngsten stern-Interview Sahra Wagenknecht gerade unter die zehn besten Redner und Rednerinnen der deutschen Geschichte gewählt. Für die Linke wäre es fatal, wenn sie in naher Zukunft auf diese Begabung verzichten müsste.    

Asylstreit der Union: Sahra Wagenknecht: "Merkels Chaos-Truppe darf das Land nicht weiter in Geiselhaft nehmen"