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Berlin³: SPD und die K-Frage: Lasst die Genossen entscheiden!

Schulz? Scholz? Oder doch Gabriel? Der SPD fällt es schwer, den Herausforderer für die Kanzlerin zu bestimmen. Eine Urwahl könnte helfen – theoretisch.

Sigmar Gabriel und Martin Schulz

Wer von der SPD soll/will/kann/darf/muss Merkel im nächsten Jahr bei der Bundestagswahl herausfordern? Noch halten sich Gabriel und Co. bedeckt.

Ach, wir leben in traurigen Zeiten, da ist es hilf- und segensreich, wenn das schwere Gemüt ein wenig Trost durch Aufheiterung findet. Es sage deshalb bitte niemand, die SPD habe sich überlebt. Worüber sonst sollten wir denn lachen? In welcher anderen Partei lassen sich Funktionäre finden, die – wenn es um die Frage ihres künftigen Kanzlerkandidaten geht – zu solch wunderbaren Einsichten fähig wären: "Vielleicht sind wir uns schon einig, wissen es aber noch nicht."

Ja, der Sozialdemokrat ist ein lustiger Gesell, wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Wobei es vermutlich genau umgekehrt ist und die Genossen vor allem wissen, dass sie sich uneinig sind, wer denn nun die Frau Merkel herausfordern soll/will/kann/darf/muss (Unzutreffendes bitte streichen; Mehrfachnennungen sind erlaubt, es handelt sich hier schließlich um die selbsternannte Sowohl-als-auch-Partei). Der Schulz? Der Scholz? Oder der dritte Mann?

Die größte Hürde der Theorie ist – die Praxis

Nur Hannelore Kraft hat offenbar keiner eingeweiht. Die ist zwar stellvertretende Parteivorsitzende, weiß aber nach eigener Aussage trotzdem schon und wahrscheinlich als einzige, wer denn nun im nächsten Jahr soll/will/kann/darf/muss. Sie sagt aber, dass sie es nicht sagt. Wobei sie wahrscheinlich auch nur sagen wollte, dass sie nicht sagen will, dass es Dinge gibt, von denen sie am liebsten nichts wissen will. Von wegen der Einigkeit in Uneinheit. Oder muss das heißen: Einheit in Uneinigkeit? Ach, egal. Man – und nicht nur Frau K. - kann in und an dieser SPD schon mal ein wenig irre werden.

Deshalb kommt hier gleich noch ein Vorschlag zur Güte. Aber zuvor müssen wir einen kurzen Blick in das Handbuch für den angehenden Regierungschef werfen, falls wir es in den roten Nebelkerzenschwaden finden können. Darin lesen wir gleich zu Beginn unter "Auch gut zu wissen" die Mahnung: Denken Sie immer und rechtzeitig daran, die größte Hürde der Theorie ist – die Praxis. Eine Idee ist schnell mal in die Welt geplauscht. Sie dann aber auch umzusetzen dagegen verdammt schwer. Und das nicht nur manchmal oder wenn man Sigmar Gabriel heißt.

Gucken wir mal, was sich in unserem Schwatzkästlein so finden lässt zur Frage der sozialdemokratischen Kandidatenkür:

  • "Natürlich brächte ein Mitgliederentscheid über die Kanzlerkandidatur vor der Wahl eine große Mobilisierung für die SPD. Dafür bräuchte es dann aber mehr als nur einen Kandidaten. Damit beschäftigen wir uns Ende 2016." (Sigmar Gabriel im August 2015 in "Bild")

  • "Eine Urwahl wäre super." (Sigmar Gabriel im August 2015 in der ARD)

  • "Wenn es mehr als einen Interessenten für solche Spitzenkandidaturen gibt, dann würde die SPD einen Mitgliederentscheid machen. Es wäre hervorragend, wenn es im nächsten Jahr zwei oder drei Leute aus der Führungsspitze der SPD gäbe, die sagen: Ich traue mir das zu." (Sigmar Gabriel im Mai 2016 im "Spiegel")

Soweit die Theorie.

Vorschlag zur Güte: Macht es doch einfach!

Die Praxis sieht so aus. Die SPD hat, je nach Zählung, eineinhalb bis drei Männer, die sich die Kandidatur zutrauen. Der eine mehr, der andere weniger, der dritte am allermeisten, würde aber lieber auf bessere Zeiten warten. Schulz, Scholz und der dritte Mann.

Es sind also alle Bedingungen des begnadeten Theoretikers G. erfüllt: mehr als ein Interessent. Herbst 2016. Ergo super: Urwahl.

Und deshalb jetzt unser Güte-Vorschlag: Herz über die Praxis-Hürde! Macht es doch einfach! (Und guckt mal über den Rhein. Da haben die Konservativen gerade in einer Vorwahl ihren Bewerber fürs Präsidentenamt küren lassen. Daran haben sich vier Millionen Franzosen beteiligt. Vier Millionen! Obwohl es zwei Euro kostete, sich daran zu beteiligen. Aber an dem Mobilisierungs-Punkt könnt´ ihr ja noch ein wenig feilen; eine Beteiligungsentschädigung klänge deutlich sozialdemokratischer).

Es wäre übrigens auch nicht das erste Mal. 1994 hat die SPD schon mal ihre Mitglieder den Kanzlerkandidaten bestimmen lassen. Damals traten an: Wieczorek-Zeul. Scharping. Schröder. Eine Frau. Ein Bärtiger und eine in der eigenen Truppe skeptisch beäugte Kampfmaschine. Die Frau fehlt diesmal. Ansonsten: alles dabei.

Gabriels Problem

Damals hat sich die SPD-Basis, die vielleicht doch nicht immer so schwarmintelligent ist, wie ihr unterstellt wird, allerdings pfeilgerade für den Falschen entschieden, der die Wahl dann zielsicher verkackt hat. Aber da Geschichte sich bekanntlich nur als Farce wiederholt, müsste logischerweise gut enden, was bereits als Farce aufgeführt wurde. Außerdem, hey: Was Besseres als den Tod könnt ihr allemal finden, Genossen. Und egal mit wem.

Es gibt nur ein klitzekleines Problem, vor allem für Sigmar Gabriel. Gesetzt den – natürlich unwahrscheinlichen – Fall, er verlöre gegen Schulz oder Scholz. Wäre das dann nicht auch als Votum gegen ihn als Parteichef zu verstehen? Doch, das wäre es. Unweigerlich. Und, schwupps, schon haben wir den Salat bzw. den Grund, warum des Lebens goldner Baum zwar bei Goethe grün ist – ansonsten aber nur in der Theorie und bei unseren teuren Freunden von der SPD.

Aber andernfalls wär´s ja auch nur halb so lustig mit ihnen.