HOME

Berlin³: Kanzlerkandidatur: Gabriels wunderbares Eigentor

Wie Sigmar Gabriel mal einen großen Triumph feierte - und sich damit kurioser Weise um die Kanzlerkandidatur gebracht haben könnte.

Sigmar Gabriel und Angela Merkel

Vati gegen Mutti? Gut möglich, dass sich Sigmar Gabriel in der K-Frage verzockt hat.

Aus gegebenem bzw. nicht gegebenem Anlass beschäftigen wir uns heute mal mit dem SPD-Kanzlerkandidaten. Halt hiergeblieben! Nicht gleich wegklicken, wird schon nicht so schlimm. Und ein bisschen Grusel in der Geisterbahn gönnen wir uns von Zeit zu Zeit doch ganz gerne, oder?

Also, wer wird denn nun bei der nächsten Wahl die bald Ewige Kanzlerin herausfordern? Und wann wird er endlich ausgerufen? Gemach. Wir können das ganz einfach berechnen. Manchmal muss man nur eins und eins zusammenzählen, um auf drei zu kommen. Eins: Frank-Walter Steinmeier wird Bundespräsident. Plus eins: Martin Schulz wird nicht wieder Präsident des Europaparlaments. Macht zusammen: Ja, Überraschung – erst mal nix. Leerstelle. Die CDU (womöglich sogar die CSU, aber da rätseln wir noch) haben Angela Merkel ­– die SPD hat Zeit.

Operation Bundespräsident ein voller Erfolg (fast)

Das hat natürlich alles mit Sigmar Gabriel zu tun. Wie ja fast alles mit Sigmar Gabriel zu tun hat in der deutschen Sozialdemokratie, zumindest in jüngerer Zeitrechnung. Man muss dazu wissen: Sigmar Gabriel ist ein gelehriger Schüler Gerhard Schröders. Na gut, nicht unbedingt des letzten großen Ins-Amt-Dränglers der SPD, der mit jeder Faser seines kompakten Körpers ausstrahlte, dass er Kandidaten- wie Kanzler-Job wirklich haben wollte, was wiederum ein Grund für seinen Wahlerfolg gewesen sein könnte. (Danach galt das Watschenmannmotto: Einer muss es ja machen). Aber ein Adept des wunderbaren politischen Spielers Schröder, der, als er dann drin war im Amt, häufig nach dem Prinzip "Tiral and Error" regierte und im Erfolgsfall den schönen Satz zitierte: Wenn es geklappt hat, war es Strategie. Wenn nicht, waren es die Umstände oder unfähige Mitarbeiter.

In diesem Sinne war die Operation Bundespräsident ein voller Erfolg des Schröderianers aus Goslar. Einerseits.

Andererseits hat Sigmar Gabriel, die Behauptung wagen wir jetzt einfach mal, selbst nicht wirklich daran geglaubt, dass er der widerspenstigen Kanzlerin seinen Kandidaten Steinmeier aufschwatzen kann (konnte er letztendlich ja auch nicht, das war der Seehofer, aber das ist eine andere Schurkengeschichte). Er wollte ja nur spielen. Und Merkel ein wenig in Nöte bringen. Er hat deshalb, was Risiken und Nebenwirkungen angeht, nach dem Sorglos-Motto gehandelt: Fragen Sie Arzt, Apotheker, Abdecker, aber bitte nicht mich; was soll ich mich mit Dingen beschäftigen, die ohnehin nicht eintreten.

Das hat er nun davon.

Hätte, hätte, Perlenkette

Wir müssen jetzt mal ein paar Fäden aus dem Nähkästchen zusammenplaudern, die erst allmählich so richtig sichtbar werden in dem ganzen Kuddelmuddel, das darin herrscht. Weil in der Politik wirklich oft alles mit allem aneinander hängt und voneinander ab. Gedacht war das Ganze nämlich so: Merkel, Seehofer und Gabriel einigen sich gemeinsam auf einen Nachfolger für Joachim Gauck, der Müller, Meier, Schmidt heißen darf. Auf keinen Fall aber: Steinmeier. Dann gibt Merkel das Plazet dafür, dass die Konservativen im Europaparlament Martin Schulz noch einmal zum Präsidenten wählen. Quid pro quo. Geben und nehmen. So macht man das unter politischen Gegnerfreunden in einer Großen Koalition. Der Kollege Schulz wäre dann also auch versorgt und muss nicht mehr gucken, was aus ihm so wird, SPD-Kanzlerkandidat zum Beispiel. Einen neuen Außenminister bräuchte man auch nicht, und Sigmar Gabriel könnte endlich sagen, dass er gegen Merkel antritt, bevor er – oder seine ausnahmsweise gerade mal von ihm angetane Partei – es sich noch einmal anders überlegt.

Ja, hätte, hätte, Perlenkette. Vati gegen Mutti? Mach nur einen Plan. Aber das wissen wir ja seit Brecht, dass beide Pläne nicht geh´n tun. Selbst bei größeren Lichtern nicht. Jedenfalls ist Steinmeier zu Gabriels Überraschung nun doch der gemeinsame Kandidat, Merkel denkt gar nicht mehr daran, Schulz in Straßburg und Brüssel zu unterstützen, der muss seinen Arbeitsschwerpunkt nach Berlin verlegen, und die SPD hat per offiziellen Beschluss ihres Präsidiums die eigentlich für ziemlich bald geplante Ausrufung ihres Kandidaten auf Ende Januar verschoben. Hat alles natürlich mit nix zu tun. Weil: Erst sollen die Inhalte geklärt werden, mit denen der Auserwählte den Wahlkampf bestreiten soll. Die Inhalte. Ist klar.

Kommt Zeit, kommt Kandidat

Kurzer Exkurs: Das alles muss nicht viel bedeuten, weil bei Sozialdemokraten, wenn es um die Kür ihres Kandidaten geht, der gregorianische Kalender nur bedingt gilt und das Frühjahr schon mal plötzlich auf Herbst fallen kann. Es würde uns deshalb nicht wundern, wenn Ende Januar diesmal bereits Anfang Dezember ist, aber das wirklich nur nebenbei.

Es würde uns allerdings auch nicht mehr wundern, wenn dann der Kanzlerkandidat so heißt wie der neue Außenminister. Müller. Meier. Oder Schulz. (Den Gedanken, dass dann in Wirklichkeit Horst Seehofer den SPD-Bewerber bestimmt hat, verdrängen wir an dieser Stelle hurtigst wieder.) Es kann aber auch ganz anders kommen. Was wissen wir schon! Wir haben es hier schließlich mit der SPD zu tun, nicht mit einem Taubenzüchterverein. Der ist in der Regel ziemlich gut sortiert.

Geben Sie uns also bitte nicht die Schuld, falls Sie jetzt noch immer so schlau sind wie am Anfang. Wir können auch nichts dafür. Kommt Zeit, kommt Kandidat. Einer wird verlieren.

Demnächst mehr in dieser Geisterbahn.