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Berlin vertraulich!: Der Rösler und das tote Pferd

Der neue FDP-Parteichef Philipp Rösler müht sich - aber viele Kleinigkeiten misslingen, zum Beispiel die Berufung eines neuen Vize-Regierungssprechers. Womöglich muss Rösler eine alte Indianer-Weisheit akzeptieren.

Von Hans Peter Schütz

Schafft es der neue FDP-Vorsitzende Philipp Rösler, seine schwer verunsicherte Partei aus dem Drei-Prozent-Keller zu hieven? Es wäre höchste Zeit. Doch die Zweifel an Röslers Führungsstärke sind in den vergangenen Wochen selbst unter Parteifreunden erheblich gewachsen. Weil bereits von "Fehlstart" geredet wird, will Rösler den von den Journalisten sehr geschätzten Vize-Regierungssprecher Christoph Steegmans ablösen, einen Mann, der Röslers Vorgänger Guido Westerwelle besonders nahe steht. Aber auch diese personelle Operation ist - auf eine für Rösler typische Art - misslungen. Intern geplant ist die Auswechslung Steegmanns seit Mai, öffentlich ist sie seit drei Wochen, umgesetzt wird sie, falls die Kanzlerin ihr zustimmt, vermutlich zum Ende der Sommerpause. Wie der neue Sprecher seines Vertrauens heißt, verrät Rösler nicht. Drei Kandidaten sollen den mit rund 8000 Euro gut bezahlen Job abgelehnt haben. Weil sie keine Lust haben, die Misere der FDP öffentlich schön zu reden? Es heißt, die liberalen Abgeordneten hätten Rösler schon mehrfach eine alte Indianer-Weisheit ans Herz gelegt: Steig ab, wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest.

Rösler jedoch reitet unverdrossen weiter, vergangene Woche durfte er in Abwesenheit der Kanzlerin immerhin mal den Kabinettschef geben. Sein Kommentar: "Ein bisschen aufgeregt war man schon." Wer nur ist "man"? Er sollte sich ab und an vielleicht doch ein "ich" gönnen. Denn Rösler scheint selbst in den eigenen Reihen bisweilen unbekannt zu sein. Dieser Tage erkundigte sich FDP-Landtagsabgeordneter aus Thüringen in der Berliner Zentrale, wie und wo er denn seine Fotos mit Rösler bekommen könne. Eilige Recherchen ergaben: Der Parteifreund hatte sich bei einem Berlin-Besuch am Potsdamer Platz mit "Rösler" fotografieren lassen. Das war natürlich ein Doppelgänger des Vizekanzlers. Wie wäre es, überlegt seither die FDP-Zentrale, wenn Rösler demnächst mal eine Reise zur thüringischen FDP machen würde, um dort zu zeigen, wer der eigentliche Herr im Hause ist?

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International ist Rösler erst recht kaum bekannt. Die Stallwachen im Berliner Politik-Viertel erzählen immer wieder gerne die Anekdote, was dem Vizekanzler angeblich auf Angela Merkels China-Reise widerfahren ist: Ein chinesischer Delegationsteilnehmer sei auf Rösler zugegangen und habe ihn gefragt, ob er vielleicht der Dolmetscher sei. Streng habe Rösler zur Kanzlerin hinübergeblickt, voller Hoffnung, die Regierungschefin werde das Missverständnis gebührend zu recht rücken. Doch Angela Merkel habe nur gelacht.

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Noch eine Personalie der FDP, die wohl in Zusammenhang mit den miesen Umfragewerten steht: Der bisherige FDP-Fraktionssprecher Olaf Bentlage, ein enger Vertrauter der ehemaligen Fraktionschefin Birgit Homburger, verlässt Berlin und kehrt ins Ländle zurück, wo er als Landesgeschäftsführer viele Jahre für den früheren FDP-Landeschef Walter Döring gearbeitet hat. Auch Bentlage soll enttäuscht sein, wie es derzeit mit der FDP läuft. Was genau er künftig macht, wird noch verschwiegen. Für den neuen FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle spricht künftig Beatrix Brodkorb, eine Vertraute aus dem Wirtschaftsministerium. Auch Brüderle gehört auch zu jenen liberalen Würdenträgern, die von Steegmans Verkaufskünsten nicht gerade begeistert waren.

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Was liest Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) eigentlich im Urlaub? "Literatur für unterwegs" heißt ein Projekt, das Ramsauer an einer Autobahnraststätte im Chiemgau dieser Tage beworben hat. Es müsse ja nicht immer das "Leichteste und Seichteste" sein, wetterte er und ging mit gutem Beispiel voran, indem er Thomas Manns "Meerfahrt mit Don Quijote" vorlas. Dichterfürst Mann hatte einst gegen niveaulose Ferienlektüre geschimpft und geraten, man solle seine der Bücher ebenso sorgfältig auswählen wie das Reiseziel. Dabei will die Autobahn-Gastronomiekette "Tank & Rast" helfen - sie verteilt nun kostenlos Broschüren mit Texten von Thomas Mann. Wäre das nicht auch Stoff für den Verkehrsminister selbst? Als sein Publikum wissen wollte, welche Urlaubslektüre er denn für sich persönlich mitzunehmen gedenke, antwortete Ramsauer: "Die Novelle des Bundesbaugesetzes." Darauf gibt es nur eine angemessene Antwort: "MANN OH MANN." So lautet der Titel der Broschüre.