VG-Wort Pixel

Berlin vertraulich! Gauck, Käßmann und die Ampel


Warum steht der "Spiegel" so auf Joachim Gauck? Und wieso fürchtete Schwarz-Gelb einen aktuellen Auftritt von Gesine Schwan? Eine Spargelfahrt durchs politische Berlin.
Hans Peter Schütz

Die Linkspartei rätselte über das mediale Großereignis. Dass Springers "Bild am Sonntag" Joachim Gauck, den rot-günen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, auf den Titel hievte und rundum positiv verkaufte, das verstanden die Linken noch halbwegs. "Der Gauck ist ja ein Springer-Mann", hieß es. Wie aber konnte es Gauck auf die Titelseite des "Spiegel" schaffen? Und dann noch mit der Schlagzeile "Joachim Gauck, der bessere Präsident"? Westdeutsche Journalisten, die nach der Wiedervereinigung beruflich mit der Stasi-Unterlagen-Behörde und deren Chef Joachim Gauck zu tun hatten, wundern sich weniger. Bei Anträgen auf Akteneinsicht bediente die Gauck-Behörde den "Spiegel"-Journalisten Georg Mascolo am besten, damals erfolgreichster Enthüller von Stasi-Aktivitäten. Selbst der Protest des damaligen stern-Chefredakteurs Rolf Schmidt-Holtz, der Gauck bat, medial fairer mit der Akteneinsicht umzugehen, fruchtete nichts. Heute amtiert Mascolo als einer der Chefredakteure beim "Spiegel". Man kennt sich lange, man schätzt sich bis heute.

*

Es ist gute Sitte, dass jedes Jahr ein Gastredner im Bundestag über den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 spricht. Natürlich kungeln die Parteien den Redner untereinander aus, jede Fraktion darf mal seinen Kandidaten ans Pult schieben. Dieses Jahr war die SPD an der Reihe - und schlug Gesine Schwan vor, die ehemalige Chefin der Viadrina-Universität. Freundliches Nicken unter den Bundesgeschäftsführern: Schwan, warum denn nicht? Nach dem Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler drehte sich die Lage jedoch komplett. Helle Aufregung bei CDU und FDP: Was, wenn die SPD nochmals Gesine Schwan als Kandidatin für das Amt nominiert? Und sie dann vor laufenden Kameras eine brillante Rede hält - und das kurz vor der Wahl?! Beim parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, schrillte das Telefon. Die Schwarz-Gelben waren dran. Nein, unter diesen Umständen sei Schwan nicht akzeptabel. Oppermann konnte die Gemüter jedoch schon bald beruhigen, denn die SPD nominierte Gauck für die Wahl zum Bundespräsidenten. Also darf Schwan auch zum 17. Juni reden - und zeigen, wie das gewesen wäre, hätte sie die Wahl 2005 gegen Köhler gewonnen.

*

Dass das Sparpaket der Bundesregierung wegen seiner ausgeprägten sozialpolitischen Schieflage bei den Medien durchgefallen ist, musste sogar das Bundespresseamt einräumen, das eigentlich dem konsequenten Lob aufs Regierungshandeln verpflichtet ist. Als besonders schmerzlich empfand es die Behörde, dass sich sogar Margot Käßmann, die Lieblingskandidatin der Bürger für das Amt des Bundespräsidenten, scharf negativ zu Wort gemeldet hat. Die protestantische Theologin, vor kurzem noch evangelische Ratsvorsitzende, klagte: "Ich habe mich gefragt, ob Hartz-IV-Empfänger weniger Würde als andere Menschen haben." Das trug ihr massiven Widerspruch des FDP-Bundestagsabgeordneten Pascal Kober ein, als FDP-Obmann im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales ausgewiesener Experte in der Sache. Er bekannte sich dazu, dass Christen für die Würde der Menschen eintreten müssen. Und stellte Käßmann die Frage: "Wo war Ihr Widerstand, als Sigmar Gabriel die jungen FDPler als 'jung, gnadenlos, rücksichtslos und verfassungsfeindlich' attackierte?" Kober ist beruflich ebenfalls für die Würde der Menschen unterwegs - als protestantischer Pfarrer. Jetzt wartet er auf eine theologisch akzeptable Antwort der Kollegin Käßmann. Wir auch.

*

Spargel ist lecker - und gilt seit der Antike als Potenzmittel. Kein Wunder, dass die in den Umfragen abgeschlafften Sozialdemokraten das Gemüse auf der traditionellen alljährlichen Spargelfahrt des konservativen Seeheimer Kreises gleich pfundweise vertilgen. Diesmal tafelten sie an Bord der MS Paloma, die mit 600 Gästen bei herrlichem Wetter über den Wannsee schipperte. Zwar war der Spargel besonders bissfest, manche sagten auch: holzig. Aber offenbar hilft er - denn die Genossen an Bord machten wieder voll auf dicke Hose. Star des Abends war Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck, der aus dem Stegreif heraus über Freiheit und Verantwortung philosophierte und damit einmal mehr seine Klasse bewies. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder schröderte herum (Johannes Kahrs: "Hier kommt der Geschäftsführer der SPD in Hamburg-Wandsbek." Schröder, grinsend: "Ich wusste gar nicht, dass es da noch einen Geschäftsführer gibt.") und verteilte gratis Autogramme. Ex-Finanzminister Peer Steinbrück prahlte mit den Fußballwetten, die er schon gegen Bundesliga-Urgestein Rudi Assauer gewonnen habe. Ulla Schmidt war da, von allen skandalträchtigen Dienstfahrten im früheren Amt als Gesundheitsministerin prächtig erholt. Kurz: Die SPD war so locker und glücklich, wie sie sich Franz Müntefering immer gewünscht hat. Doch wo war der Ex-SPD-Chef? Jedenfalls nicht auf der MS Paloma.

*

SPD, FDP und Grüne in Nordrhein-Westfalen haben ausge(h)ampelt. Die Berliner SPD-Führung hatte etwas voreilig vom Beginn einer "neuen politischen Kultur" dort geschwärmt. Gleichwohl: Es gibt im Bundestag schon eine interessante badisch-württembergische Connection. Der Böblinger FDP-Abgeordnete Florian Toncar und der Konstanzer SPD-Mann Peter Friedrich pflegen seit längerem den politisch-freundschaftlichen Dialog bei informellen Treffen jüngerer Volksvertreter von FDP und SPD. Noch vor der Sommerpause ist ein weiterer Treff geplant. Friedrich, als Mittelstandbeauftragter der SPD-Bundestagsfaktion auch thematisch mit FDP-Themen vertraut, sieht das zarte Pflänzchen neuer sozialliberaler Freundschaft mit Wohlgefallen. "Je größer die Fliehkräfte in Schwarz-Gelb, umso interessanter für die FDP, sich wieder mit uns zu beschäftigen", sagte er zu stern.de. Einst machte eine schwarz-grüne Pizza-Connection Politik, vielleicht entfaltet der rot-gelbe Stammtisch künftig ähnliche Wirkung.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker