Berlin vertraulich! SPD-Rampensau gesucht


Auch wenn die SPD die Führungsriege neu geordnet hat, fragen sich viele Genossen: Wo bleibt die Rampensau, die den Bundestag aufmischt? Während die Suche weiter geht, bleibt ein Augentrost in Gestalt von Andrea Nahles und Kondome für CSUler, die mal fremdgehen wollen.
Von Hans Peter Schütz

Die SPD hat einen Kanzlerkandidaten. Die SPD hat einen neuen Vorsitzenden. Die SPD hat einen neuen Bundesgeschäftsführer. Die SPD hat einen neuen Sprecher. Nur eines hat die SPD nicht: eine richtige politische Rampensau. Wieder einmal wurde es den Genossen bei den Haushaltsberatungen im Bundestag vorgeführt. Alles brave Redner, alle SPD-Sprecher ziemlich langweilig. Allen voran der SPD-Fraktionschef Peter Struck. Ein guter Redner war er noch nie, seit es um seine Gesundheit bescheiden bestellt ist, wird er immer wieder gefragt, ob er nicht Schluss machen wolle, da er 2009 ohnehin seine politische Karriere beendet. Eine Ersatzmann gäbe es schon - Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, wortgewaltiger als er ist keiner in der Berliner SPD-Riege. Insofern lag die Prüfung folgender Personalrochade nahe: Ob SPD-Generalsekretär Hubertus Heil nicht Umweltminister werden könnte, ob Franz Müntefering seinen früheren Vertrauten Matthias Machnig, der sich glänzend mit dem neuen SPD-Bundesgeschäftsführer Wasserhövel versteht, auf den Posten des SPD-Generals berufen und ob Sigmar Gabriel Struck ablösen könnte.

Machnig ist zurzeit als Staatssekretär bei Gabriel geparkt. Seit langem kritisiert er, dass es in der Fraktion keinen gibt, der hochkomplexe Themen sprachlich eindrucksvoll zu vermitteln versteht. Und nie hat er ein Geheimnis daraus gemacht, dass es Gabriel wäre, "der der SPD im Bundestag mehr Profil und Selbstvertrauen geben könnte." Noch weigert sich Struck, den Platz für Gabriel frei zu machen. Die SPD-Linke kann den Umweltminister sowieso nicht ab. Aber alle in der SPD-Führung wissen: Eine richtige Rampensau im Bundestag muss endlich her, vielleicht sogar noch ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl. Dass Frank-Walter Steinmeier die Rolle selbst übernehmen kann, traut ihm kaum einer der Genossen zu. "Zu viele in der SPD denken allerdings, wie sehen meine Karrierechancen aus und nicht: Wie kommt die SPD am besten raus", sagt ein Gabriel-Fan.

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Wesentlich offenherziger und erfolgreicher operierte vergangene Woche die SPD in Berlin im Zusammenhang mit der Landtagswahl in Bayern. "O'zapft worden is" hieß es zum alljährlichen Oktoberfest an der Spree, das passender weise genau gegenüber dem Roten Rathaus stattfindet. Der bayerische Staatsminister Markus Söder, Chef der weißblauen Landesvertretung in Berlin, bestand den Ministerpräsidenten-Test nicht, denn er brauchte vier Schläge, um das erste Bierfass anzustechen. Der Münchner SPD-Oberbürgermeister Christian Ude schaffte das auf dem richtigen Oktoberfest in München mit nur zwei Schlägen, was wiederum als klarer Aufwärtstrend der bayerischen Genossen gewertet wurde. Der noch amtierende Ministerpräsident Günther Beckstein, ebenfalls in Berlin vor Ort, wünschte seinen Gästen viel Vergnügen bei "einer Maß oder auch zwei. Aber das Auto wird nicht angefasst." Was ihm anderntags zu der Schlagzeile im "Berliner Kurier" verhalf: "Zum GLUCK hatte er einen Chauffeur dabei." Und obendrein orakelte erneut eine Umfrage, dass die CSU am nächsten Sonntag nur noch auf 47 Prozent kommt.

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Bayerischer Star in Berlin war jedoch eindeutig die Rheinland-Pfälzerin Andrea Nahles, obendrein ganz linke Sozialdemokratin. Sie präsentierte sich auf dem Berliner Oktoberfest in einem sattroten Dirndl, das sie sich unlängst in Bayern gekauft hat, "um damit ein Farbsignal für die Landtagswahl in Bayern zu setzen." Es gab sogar einen speziellen Fototermin für die rote Bayerin, wobei jeder Mann sehen konnte, wie gut ihr der Dutt steht und wie randvoll sie die Tracht ausfüllt. Ein Erfolg war ihr Auftritt eindeutig. Denn sie hat der züchtig hochgeschlossen gekleideten Bundeskanzlerin die Show gestohlen. Zwar waren die bayerischen Gebirgsschützen für Angela Merkel brav zum Ehrengeleit am Bierzelt angetreten. Aber die Blicke gingen eindeutig hinüber zu Andrea Nahles.

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Derart gewandet, so daraufhin Florian Pronold, Chef der bayerischen SPD-Landesgruppe im Bundestag, werde Nahles jetzt in der Schlussphase des bayerischen Wahlkampf auch noch eingesetzt. Das ist - modisch betrachtet - nicht ganz ohne Risiko. Denn es könnte den Sozis den Nachruf eintragen, nicht einmal von der Dirndl-Mode verstünden sie etwas. In den Augen des Münchner Trachtenhandels-Experten Lodenfrey werden rote Dirndl fast nur von Nicht-Bayerinnen getragen. Viel zu schrille Farbe das Rot, Kennerinnen bevorzugten Erd- und Waldfarben. Andererseits: Hätte die rote Nahles etwa in Grün antreten sollen?

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Mehr noch entzückte die Berliner SPD-Bayern der Abend mit dem TV-Duell zwischen Beckstein und dem bayerischen SPD-Spitzenkandidaten Franz Maget. Gut 60 Journalisten und Politiker drängten sich dabei in der Kneipe "Wahlkreis", wohin die SPD-Landesgruppe geladen hatte und die als Treffpunkt der "Netzwerker" in der SPD-Bundestagsfraktion gilt. Vor Ort auch SPD-Generalsekretär und Ober-Netzwerker Hubertus Heil, der die Genossen in Bayern mit einem kühnen Versprechen anfeuerte: Wenn es gelinge die absolute CSU-Mehrheit zu brechen, werde er zur nächsten SPD-Präsidiumssitzung mit Seppl-Hut antreten und Andrea Nahles noch einmal mit Dirndl-Ausschnitt.

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Auf einem Tischchen am Lokalausgang hatte die SPD für CSU-Anhänger eine delikate Wahlhilfe bereit gelegt: Kondome für alle, "die einmal fremdgehen wollen."


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