Berlin vertraulich! Was findet Steinmeier witzig?

Welche Witze erzählt Frank-Walter Steinmeier, wenn er beim Volk landen will? Was hat es mit dem vermeintlichen Journalistenfresser Siegfried Kauder wirklich auf sich? Und weshalb sind die Flaggen auf dem Reichstag in Gefahr? Antworten von stern.de-Kolumnist Hans Peter Schütz.

Wer die Berliner Journalisten-Meute provoziert, muss mit schwerem medialen Beschuss rechnen. Diese Erfahrung macht soeben Siegfried Kauder, jüngerer, aber älter aussehender Bruder des Unions-Fraktionschefs Volker Kauder. Weil Kauder uneinsichtig die staatsanwaltschaftliche Verfolgung von Berliner Journalisten betreibt, die vertrauliche Unterlagen des BND-Ausschusses veröffentlicht haben, hat ihn jetzt die "Süddeutsche" einen "CDU-Schwaben mit Kehrwochenmentalität" genannt. Die - zugegeben - griffige Formulierung aus dem Laptop von Kurt Kister ist bis auf die Parteizugehörigkeit Kauders falsch. Schwabe ist der in Singen am Hohentwiel geborene Siegfried nicht, sondern alemannischer Badener. Eine Kehrwochenmentalität kann er allein schon aus diesem Grund nicht haben. Der Abgeordnete aus Villingen-Schwenningen ist Vorsitzender eines Vereins für körper- und geistig behinderte Kinder. Er sitzt im Vorstand des "Weißen Rings", der sich um die Opfer von Kriminalität und Gewalt kümmert. Und das geltende Opferrechtsgesetz der Bundesrepublik stammt weitgehend aus seiner Feder. Insoweit hat der zuweilen vom Berliner Politbetrieb zu aggressiven Gedanken verführte Kister genau das getan, was er Kauder vorwirft: Schrapnell-Schüsse nach der Devise abgefeuert, dass man nur weit genug streuen muss, um irgendjemandem zu treffen.

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Richtig am Gemurre über Siegfried Kauder ist, dass er jetzt die Journalisten verfolgt sehen will, die doch nur jene Unterlagen gedruckt haben, die ihnen zuvor von Abgeordneten des BND-Untersuchungsausschusses zugesteckt worden sind. Aber Kauder ist keinesfalls der engstirnige Jurist, als der er jetzt daherkommt. Der 57-jährige aufs Strafrecht spezialisierte Rechtsanwalt läuft Marathon – Bestzeit unter drei Stunden, wovon ein Joschka Fischer nur träumen kann – und ist ein brillanter Maler mit professionellem Können. Das Talent hat einst auch die Karriere seines Bruders Volker befördert. Während Volker als Junger-Union-Mann in Singen auf der CDU-Geschäftsstelle herumlungerte, spulte der Siggi im Stadtbad seine Bahnen herunter. Wenn Volker mal wieder eine Polit-Idee hatte, rief er den Bademeister an: "Schick den Siggi mal her! Wir brauchen ein paar Plakate." Siegfried kam und malte schnell mal 30 Plakate mit Filzschreibern.

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Außenminister Frank-Walter Steinmeier will bekanntlich 2009 zum ersten Mal für den Bundestag kandidieren. Er tritt im Wahlkreis der Stadt Brandenburg an der Havel an, wo zunächst gebremste Begeisterung über den Wessi-Neuzugang herrschte. Genommen haben sie ihn im Wahlkreis 60 nur, weil Landesvater Matthias Platzeck dies händeringend wünschte. Den Genossen vor Ort kam der Herr Außenminister reichlich basisfern vor. Erheblichen Sympathiegewinn hat er jedoch jetzt dadurch erzielt, dass er der Lokalzeitung seinen Lieblingswitz erzählte. Der geht wie folgt: Ein evangelischer Pfarrer wandert mit seiner Frau durch die Sahara. Plötzlich treffen sie auf ein Rudel Löwen. Die Frau sagt ihrem Mann: Lass uns beten, dass es sich um gottesfürchtige Löwen handelt, die uns nicht nach dem Leben trachten. Die beiden knien nieder, schließen die Augen und beten. Als sie wieder aufblicken, sitzen die Löwen um sie herum, haben die Vorderpfoten gekreuzt und beten: "Komm Herr Jesu, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen."

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Als der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Strobl, ein mit Neckarwasser getaufter und entsprechend sparsamer Schwabe, sich unlängst beim Bundestagspräsidenten erkundigte, ob das Parlament nicht Steuergelder für den Kauf einer Nationalfahne als patriotischen Schmuck in seinem Büro bewilligen könne, reagierte Norbert Lammert zurückhaltend. Das sei "haushaltsmäßig nicht abgedeckt", teilte er Strobl mit und mit dem Abgeordnetengesetz nicht zu vereinbaren. Daher müsse der Abgeordnete den Flaggenwunsch aus der bestehenden Kasse für Bürokosten bezahlen. Mehr als 800 Euro dürfe das patriotische Tuch nicht kosten. Für den Fall jedoch, dass er auch in seinem Wahlkreisbüro Schwarz-Rot-Gold flaggen möchte, müssten die Kosten aus der monatlichen Kostenpauschale bezahlt werden. Wie man sieht, auch der Patriotismus ist hierzulande bürokratisch en detail geregelt.

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Dass Patriotismus und Nationalbewusstsein teuer sein können, weiß Lammert aus eigener Erfahrung schon lange. Denn auf jedem Eckturm des Reichstags knattern schwarz-rot-goldene Fahnen im Wind, jede 35 Quadratmeter groß. Und vor dem Westeingang misst das nationale Symbol gar 60 Quadratmeter. So weit, so patriotisch. Wenn nur nicht Wind und Sturm immer stärker und häufiger an den Fahnen knabbern würden. Auch dies angeblich die Folge des Klimawandels. Denn dadurch fransen die Fahnen aus und müssen von der Bundestagsverwaltung jeden Monat neu gesäumt werden. Dabei geht jeweils ein Quadratmeter schwarzrotgoldener Stoff verloren. Und alle drei bis vier Monate muss Bundestagspräsident Norbert Lammert neue Fahnen kaufen. Das kostet jeweils vierstellig.


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