Biopolitik Kein Kurswechsel beim Klonen


Die Bundesregierung will trotz der spektakulären Erkenntnisse im Ausland an den gesetzlichen Grenzen bei der Stammzellforschung festhalten. Kanzler Gerhard Schröder sprach sich aber dafür aus, die Regelungen in zwei Jahren zu überprüfen.

Die Bundesregierung strebt auch angesichts zunehmender Forschungserfolge im Ausland derzeit keine Lockerung des Embryonenschutzes in Deutschland an. In zwei Jahren sollen die gesetzlichen Regelungen aber überprüft werden, sagte Regierungssprecher Béla Anda am Freitag in Berlin. Ausdrücklich wies Anda einen Pressebericht zurück, Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wolle Koalition und Öffentlichkeit für einen biopolitischen Kurswechsel gewinnen. "Deutschland ist bereit, sich in diesem sensiblen Bereich zu bewegen", bekräftigte Anda am Freitag in Berlin. Eine grundsätzliche Öffnung der Stammzellforschung sei aber nicht geplant.

Auslöser der Debatte waren spektakuläre Forschungsergebnisse zum therapeutischen Klonen im Ausland. Britische Forscher hatten als erste in Europa menschliche Embryonen geklont, und zwar nach dem Prinzip, das 1996 zum Klon-Schaf Dolly führte. Die Mediziner von der Universität Newcastle füllten entkernte Eizellen von Frauen mit dem Erbmaterial anderer Zellen. Drei der menschlichen Klone überlebten im Labor für drei Tage, ein weiterer für fünf Tage. Teamleiter Miodrag Stojkovic sagte: "Wir tun dies nicht, um Menschen zu klonen." Das Klonen von Embryonen zur Schaffung eines Babys steht auch in Großbritannien unter Strafe.

Koreanische Wissenschaftler sind schon einige Schritte weiter als die britischen. Sie hatten das Erbmaterial bislang unheilbar Kranker in Eizellen eingesetzt und aus den daraus entstandenen Embryonen bereits Stammzellen entnommen. Solche Zellen werden vom Körper der Patienten nicht abgestoßen, sollten sie einmal eingesetzt werden. Ziel der Forschung ist es, schwer therapierbare Krankheiten wie Diabetes oder Parkinson zu besiegen.

Hwangs "Zellkern-Transfer-Konstrukt"

Der Leiter der südkoreanischen Studie, Woo Suk Hwang, betonte am Freitag in Seoul, sein Team habe keinen menschlichen Embryo geschaffen. Vielmehr müssten die erzeugten Gebilde als "Zellkern-Transfer-Konstrukt" bezeichnet werden. "Bei unserer Entwicklung gibt es keine Befruchtung", betonte er. Anders als bei ihren Forschungen im Jahr 1998 seien die embryonalen Stammzellen diesmal nicht aus menschlichen Embryonen gewonnen worden, sondern auf demselben Weg, auf dem unter anderem das Schaf Dolly geklont worden ist. Dabei wird der Zellkern einer Eizelle entfernt und durch den Zellkern des Lebewesens ersetzt, das geklont werden soll. Die Eizelle beginnt sich zu teilen, als ob sie befruchtet worden wäre. Dabei können Embryonen entstehen, die allerdings genetisch nicht hundertprozentig mit dem Ausgangslebewesen übereinstimmen.

Forschungsministerin Edelgard Bulmahn (SDP) betonte: "Wenn die Wissenschaft sich in Zukunft so weiterentwickeln sollte, dass therapeutische Anwendungen in der Medizin möglich sind, dann muss auch im Bundestag die Debatte über gesetzliche Regelungen neu geführt werden." Schröder wird nach Angaben Andas bei der Verleihung einer Ehrendoktorwürde an der Universität Göttingen am 14. Juni seine Position zur Stammzellenforschung darstellen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hatte berichtet, der Kanzler wolle ein Plädoyer für das therapeutische Klonen und eine unbeschränkte Stammzellforschung halten.

Anda sagte, Schröder werde bekräftigen, dass eine "vernünftige Balance" zwischen den Chancen und Risiken der Forschung mit den Gesetzen in Deutschland fürs erste gefunden sei. Der Kanzler habe aber seine etwas progressivere Haltung immer wieder betont. Grünen-Fraktionsvize Reinhard Loske stellte fest: "Sicher ist, dass es zu einer Novelle des Stammzellgesetzes in dieser Legislaturperiode nicht kommen wird." Die Kölner Medizinerin Christiane Woopen, Mitglied im Nationalen Ethikrat, sieht keinerlei Notwendigkeit, die geltenden Gesetze zu ändern. Der "Mitteldeutschen Zeitung" sagte sie, dass Gesetze überprüft werden müssten, sei eine Banalität.

SPD-Chef Franz Müntefering hatte vor Wochen im "Rheinischen Merkur" gesagt: "Wir können nicht andere im Ausland forschen lassen, von ihren Ergebnissen profitieren, uns selbst aber dann die Hände rein waschen." Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle kündigte eine Initiative seiner Partei für eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes an. "Das therapeutische Klonen muss freigegeben werden", sagte Westerwelle.

"Leichtfertiges Spiel mit Hoffnungen"

Die CDU-Abgeordnete Maria Böhmer kritisierte: "Der Eindruck verstärkt sich immer weiter, dass das Kanzleramt zur ethikfreien Zone wird." CDU-Forschungsexperte Thomas Rachel betonte, die ethische Bewertung des Forschungsklonens dürfe nicht von wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgen abhängig gemacht werden. Die bayerische Gesundheitsstaatssekretärin Emilia Müller warnte Schröder vor einem "leichtfertigen Spiel mit Hoffnungen". Der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt befürchtete einen "bioethischen Dammbruch", wenn es Schröder gelingen sollte, das deutsche Embryonenschutzgesetz zu lockern.

Im Januar 2002 hatten 340 von 618 Bundestagsabgeordneten ohne Fraktionszwang dafür gestimmt, der Forschung an Stammzellen in Deutschland enge Grenzen zu setzen. In Deutschland dürfen Wissenschaftler zwar keine Stammzellen aus menschlichen Embryonen gewinnen, für hochrangige Forschungsziele aber welche aus dem Ausland importieren. Diese müssen vor 2002 durch künstliche Befruchtung gewonnen worden sein. Das britische Parlament hatte das Klonen zu Forschungszwecken 2001 dagegen erlaubt. Die Regierung in London verspricht sich davon langfristig auch die Ansiedlung vieler Biotechunternehmen.

US-Präsident George W. Bush hat angekündigt, sein Veto gegen ein Gesetz zur Lockerung entsprechender Forschungen in den USA einzulegen. "Ich mache mir große Sorgen wegen des Klonens (von Menschen)", sagte Bush vor Journalisten. "Eine Welt, in der das Klonen akzeptiert würde, beunruhigt mich." Ein Team aus südkoreanischen Wissenschaftlern hat Bündel von embryonalen Stammzellen aus Zellmaterial von Patienten gewonnen. Damit sind sie einen wichtigen Schritt vorangekommen, das Versprechen der Stammzellenforschung eines Tages einzulösen: Dass ein Stück Haut eines Patienten genügen könnte, um die Stammzellen zu erzeugen und mit Hilfe ihres Entwicklungspotenzials die Heilungschancen für Krankheiten wie Alzheimer oder Diabetes drastisch zu erhöhen.

Der US-Kongress berät derzeit über ein Gesetz, das die Bedingungen für eine staatliche Unterstützung von Projekten der Stammzellenforschung lockern würde. "Ich habe dem Kongress sehr deutlich gemacht, dass ich dagegen bin, staatliche Mittel - das Geld der Steuerzahler - für eine Wissenschaft auszugeben, die Leben zerstört, um Leben zu retten", bekräftigte Bush.

AP/DPA/Reuters AP DPA Reuters

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