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Buchvorstellung: Schröder spielt Schmusekater

Es ist eine Zirkusvorstellung der besonderen Art gewesen: In der SPD-Zentrale in Berlin präsentierte Ex-Kanzler Gerhard Schröder seine Memoiren, ganz sanft und zutraulich. Abnehmen mag man ihm die neue Rolle trotz aller honigsüßer Worte nicht. Er strotzt vor Tatendrang.

Von Florian Güßgen

Das Atrium des Willy-Brandt-Hauses ist an diesem Vormittag ein Zirkus. Die Ränge sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle sind da. Die Freunde. Die Genossen. Und natürlich die Journalisten - 380 haben sich akkreditiert. Alle wollen ihn noch einmal sehen, den alte Löwen Gerhard Schröder. In der Manege! Sieben Jahre lang hat er sie unterhalten, hat gefaucht, gebrüllt, die Zähnen gefletscht, manchmal sogar zugebissen. Er war unberechenbar. Er war ein Entertainer. Deshalb haben sie ihn geliebt. Und jetzt ist er noch einmal zurückgekommen, vielleicht zu einer letzten Show, um seine Memoiren vorzustellen. Die Spannung ist groß. Trommelwirbel! Tusch! Vorhang hoch! Und von den Rängen ertönt ein erstauntes "Ohhhh". Nix Löwe. Mitten in der Manege sitzt ein schnurrender Schmusekater, der vor allem eines will: sein Buch verhökern.

Unwirklich friedfertig, bemüht jovial, fast gefallsüchtig

Nein, man hat an diesem Donnerstag in der Berliner SPD-Zentrale nicht das Gefühlt, des echten, des leibhaftigen Gerhard Schröder ansichtig zu werden. Er wirkt unwirklich friedfertig, bemüht jovial, fast gefallsüchtig, selbst bei Journalistenfragen. Er verbietet sich den Biss, den Witz, die Ironie, die ihn auszeichnet. Er kommt daher wie auf Samtpfoten. Am Wochenende noch, als es darum ging, die Marketing-Aktion anzuschieben, hatte er in Interviews die Nachfolgerin kritisiert, hatte, wohl gezielt, ein bisschen gestichelt, ein wenig gebrüllt. Nun scheint die Aktion "Schrödermania" zu laufen. Jetzt, wo die Kameras laufen, tritt er staatstragender auf, versöhnlicher. Jetzt schnurrt er nur noch.

Willy Brandt segnet den Nachfolger

Sein Verlag Hoffmann und Campe hat ihm an diesem Tag in der SPD-Zentrale die passende Kulisse dazu aufgebaut. Das Buchcover mit Schröders Konterfei, das auf der Leinwand hinter dem Podium zu sehen ist, ist so platziert, dass es aussieht, als segne die rechte Hand der Willy-Brand-Statue den Nachfolger. Ansonsten sind sie alle da, die Zeitgenossen der Schröder-Arä: die verhasst-geliebten Journalisten, aber auch Ex-Bundespräsident Walter Scheel, der dieser Jubel-Veranstaltung staatsmännische Würde verleihen soll; Schriftsteller-Kollege Siegfried Lenz ist für einen Schuss Intellektualität zuständig; die üblichen Verdächtigen vervollständigen das Bild: Ghost-Writer Uwe Karsten Heye, vordem Regierungssprecher; Otto Schily, Schröder-Freund und vordem Innenminister; Manfred Bissinger, Ex-Journalist, Hoffmann-und-Campe-Mann und Immer-Schon-Und-Immer-Noch-Schröder-Freund; Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste und ewiger SPD-Sympathisant. Selbst Bela Anda ist da, der schönste aller Ex-Regierungssprecher dieser Republik. Anda sitzt nicht, er steht. So, als ob er gleich wieder einem neugierigen Journalisten etwas ins Ohr flüstern müsste.

"Willkommen zu Hause"

Auch die SPD lässt sich nicht lumpen. Hubertus Heil, der jugendliche Generalsekretär, mithin Hausherr, eröffnet den Reigen der Redner. "Willkommen zu Hause", sagt er - und lobt artig die Erfolge der sieben Schröder-Jahre. Stolz könne man darauf sein, findet der Genosse, bevor der mindestens ebenso stolze Verlagschef von Hoffmann und Campe Details zum Buch verkündet. In acht Sprachen solle es bald übersetzt werden, berichtet er. Und selbst für Amerika gebe es eine Lizenzanfrage. Dann wird auch George W. Bush sich die Schröder-Erinnerungen aufs Nachtkästchen legen können. Das sagt der Verleger nicht. Eine schöne Vorstellung ist es trotzdem.

Lobrede von Liebling Juncker

Ihren Höhepunkt finden die Lobpreisungen in der Rede des luxemburgischen Premiers Jean-Claude Juncker. Der mehrsprachig stets charmant parlierende Vorzeige-Europäer ist parteiübergreifend so etwas wie der Liebling der deutschen politischen Elite. Der Konservative gilt als guter Freund Helmut Kohls, kann aber auch mit Angela Merkel oder Frank Walter Steinmeier, der ihn vor ein paar Wochen als Ehrengast zum Botschaftertreffen ins Auswärtige Amt einlud - oder eben mit Freund Gerhard, über dessen Memoiren Juncker nun in der Sozen-Zentrale redet. Und selbst wenn man Juncker ob gar so vieler guter Freunde mit Argwohn begegnen mag: Auch hier macht er bella figura. Er biedert sich nicht an, sondern liefert eine ehrliche Kritik zu jenem Buch, von dem er glaubt, dass Schröder sich damit vor allem die Deutungshoheit über seine Regierungszeit sichern wolle.

"Du warst ein großer Kanzler"

Beeindruckt habe ihn, sagt Juncker, vor allem die Beschreibung der von Armut geprägten Kindheit Schröders, der einzig wirklich private Einblick, den der Ex-Kanzler in seinem Werk gewährt. Juncker sagt einen sehr schönen Satz dazu: "Aus dieser Enge heraus dem Geist breite Gassen zu bahnen, das ist eine Leistung, eine Lebensleistung." Und Juncker sagt noch etwas Bemerkenswertes: dass Schröder es in seinen Memoiren geschafft habe, auch eigene Fehler einzugestehen. Er habe zugegeben, dass er im Amt gelernt habe. Schröder sei "leichtfüßig" ins Amt gekommen, sagt er. Aber er habe es dennoch nicht hochmütig angepackt, sondern habe sich als offen gegenüber neuen Eindrücken, gegenüber neuen Erkenntnissen erwiesen. Er sei ernster, besorgter aus dem Amt geschieden als er es angetreten habe. Juncker endet seinen Vortrag mit einem großen Kompliment: "Du warst ein großer Kanzler", sagt er, bevor er von dem Schmusekater umarmt wird.

Er strotzt vor Energie

Dann tritt der Schmusekater selbst ans Mikro. Er sieht fabelhaft aus in seinem dunkelgrauen, feinen Anzug und mit der Krawatte. Gut erholt wirkt er. Im Gesicht hat er ein wenig Farbe. Die Augen liegen längst nicht so tief wie noch im vergangenen Jahr. Gerhard Schröder strotzt vor Energie, vor Tatendrang. Und selbst wenn er hier den Schmusekater mimt, spürt man doch, dass hier einer steht, der trotz allem ungeheuer präsent ist, widersprüchlich, mitunter faszinierend. Nur raus lässt er dieses Ich an diesem Tag nicht. Stattdessen sagt Schröder brav, dass Juncker ja so Recht habe. Er, Schröder, habe immer lernen wollen. Und das wolle er auch in Zukunft so halten - auch wenn er, weiß Gott, von seinem Amt Abschied genommen habe und er, weiß Gott, auch nicht mehr Wahlkampf machen wolle. Aber nur wer neugierig bleibe, bleibe vital.

Der Ex-Kanzler und die "Bild"-Zeitung

Zum Schluss spielt Schröder noch einmal Bundespressekonferenz. Es ist wie eine Satire. Es sind die gleichen Journalisten, die auch in der Schröder-Ära immer die ersten Fragen stellen, die er nun aufruft. Sie fordern ihn heraus, ein bisschen. Aber Schröder lässt sich nicht provozieren: Merkel? Nein, zu der sagt er nichts. Oskar Lafontaines Kritik im stern? Noch nicht gelesen, so Schröder treuherzig. Selbst als ein Kollege von der "taz" ihn klug mit einem Zitat konfrontiert, in dem er, Schröder, die "Bild"-Zeitung verdammt, bleibt er ruhig. Weshalb er seine Memoiren denn ausgerechnet in jenem Blatt in Auszügen veröffentliche, das ihm noch vor kurzer Zeit so missfallen habe, will der Kollege wissen. Nun, erläutert der Ex-Kanzler gönnerhaft, jetzt, da er nicht mehr Gegenstand verzerrender Wahl-Berichterstattung sei, könne er das ja machen. Man dürfe nicht sein Leben lang nachtragend sein.

Und dann ist auch schon Schluss mit der Schröder-Show. Vorerst. Die Manege leert sich, die Zuschauer verlassen den Zirkus. Und irgendwie ist man dabei unbefriedigt. Irgendwie hat man das Gefühl, dass dies nicht alles gewesen sein kann, dass man müsse sich noch einmal umdrehen muss, weil sicher gleich noch mal ein Trommelwirbel ertönt, noch ein Tusch, um die Ankunft des echten alten Löwen anzukündigen. Aber genau das passiert nicht. Stattdessen wird der Schmusekater seine Memoiren an diesem Abend erstmals in einer Berliner Buchhandlung signieren.