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Bundestag entscheidet über Atomausstieg: Der Energiemix der Zukunft

Deutschland verabschiedet sich von der Atomkraft - doch was kommt danach? stern.de zeigt, was die erneuerbaren Energien leisten können.

Von Peter Neitzsch und Mareike Rehberg

Eine Ära geht zu Ende: Am Donnerstag beschließt der Bundestag den Atomausstieg bis zum Jahr 2022. Ein Paket aus acht Gesetzen soll die Energiewende voranbringen. Die acht bereits abgeschalteten Kernkraftwerke sollen dem Gesetzentwurf zufolge nicht mehr ans Netz gehen, die übrigen neun AKW nach und nach stillgelegt werden. Außerdem will Schwarz-Gelb die Ökoenergie weiter fördern, die Stromnetze ausbauen und durch ein Förderprogramm zur Gebäudesanierung die Bürger zum Energiesparen motivieren. Der Ökostromanteil soll bis 2020 auf 35 Prozent steigen.

Dem Vormarsch der regenerativen Energien steht also nichts mehr im Wege. Oder? Eike Weber vom Zentrum für Erneuerbare Energien in Freiburg hält das 35-Prozent-Ziel für "absolut realistisch". Schon heute liefern regenerative Energien rund 17 Prozent des Gesamtstromverbrauchs. Zum gesamten Energiebedarf, der Wärme und Kraftstoff einschließt, tragen sie elf Prozent bei. Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme, findet sogar: "Man könnte ohne Probleme noch mehr erreichen, wenn der politische Wille da wäre. Die nötige Technologie existiert bereits."

Als Hauptargument für die Erneuerbaren gilt ihre Klimabilanz: Allein im vergangenen Jahr wurden durch sie 120 Millionen Tonnen CO2 eingespart. Trotzdem spielen Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke bei der Stromproduktion immer noch die Hauptrolle. Braun- und Steinkohle decken 43 Prozent des Bedarfs, Atomkraft liefert 22 und Erdgas 14 Prozent. Kritiker des schwarz-gelben Energiekonzepts fürchten, dass die Abschaltung der Atommeiler eine Kohle-Renaissance einleitet und die ambitionierten Klimaziele konterkariert. Damit die Atomkraft tatsächlich bis 2022 durch regenerative Energien ersetzt werden kann, kommt es besonders auf den Ausbau von fünf Energieträger an: Windkraft, Biomasse, Wasserkraft, Erdwärme und Sonnenenergie.

1. Hoffnungsträger Windkraft

Energieexperte Weber sagt: "Am leichtesten ausbaubar sind derzeit die dezentralen Energieträger" - also Strom aus Wind, Sonne und Biogas. Unter den Ökoenergie-Produzenten liefern Windkraftanlagen bisher den größten Stromanteil. Mehr als 21.000 Windräder mit einer Gesamtleistung von 27.200 Megawatt drehen sich in ganz Deutschland - nur China und die USA erzeugen mehr Windenergie. Fehlende Flächen bremsen allerdings den Bau weiterer Anlagen. Auftrieb erhielt die Branche erst in der vergangenen Woche: Die von der Bundesregierung geplante Förderungskürzung bei der Windkraft an Land ist vom Tisch. Zudem hofft Schwarz-Gelb, dass in Zukunft auch in der bisherigen "Wind-Diaspora" Bayern und Baden-Württemberg mehr Anlagen entstehen.

Noch wichtiger werden in Zukunft allerdings Offshore-Anlagen. Bis zum Jahr 2030 sollen in Ost- und Nordsee Windparks mit 25.000 Megawatt Leistung entstehen. Das Problem: Noch sind die Stromnetze nicht so weit, dass die Energie vom Norden in den Süden fließen kann. Bis 2020 müssen bis zu 4450 Kilometer neue Stromautobahnen gebaut werden. Die Deutsche Energie-Agentur geht davon aus, dass Windkraft 20 bis 25 Prozent des gesamten Strombedarfs decken kann – im vergangenen Jahr waren es rund sechs Prozent.

2. Alleskönner Biomasse

Wachsender Beliebtheit vor allem in ländlichen Gegenden erfreut sich die Energieerzeugung aus Biomasse. Allein 2010 wurden aus Pflanzenresten, Holz, Biomüll, Gülle oder Stroh 33 Milliarden Kilowattstunden Strom und 127 Kilowattstunden Wärme gewonnen. Immer mehr Gemeinden versorgen sich durch Biogasanlagen oder Biomasse-Heizwerken selbst mit Energie und bessern mit der Stromvergütung, die sie für die Einspeisung ins Netz bekommen, ihren Haushalt auf. Nach Berechnungen der Agentur für Erneuerbare Energien könnte Biomasse im Jahr 2020 bis zu 12 Prozent des Endenergieverbrauchs decken.

3. Energiespeicher Wasserkraft

Platz drei bei der Ökostromproduktion belegt hinter Windkraft und Biomasse die älteste regenerative Energiequelle: Wasserkraft. Im vergangenen Jahr lieferten die rund 7500 Anlagen in Deutschland gut drei Prozent des gesamten Strombedarfs, weltweit ist Wasserkraft nach Biomasse die meistgenutzte erneuerbare Energiequelle. Anders als Wind oder Sonne ist Wasser immer verfügbar und kann auch als Energiespeicher genutzt werden – eine Eigenschaft, die in Zukunft noch wichtiger werden könnte, um wetterbedingte Erzeugungsschwankungen bei Solar- und Windkraftanlagen auszugleichen.

4. Nischenenergie Erdwärme

Eine weitaus weniger genutzte Energiequelle ist die Geothermie, die direkt unter der Erdoberfläche oder aus tieferen Schichten gewonnen werden kann. Zum Strombedarf trägt die Erdwärme bisher allerdings kaum bei, und auch im Bereich der Wärmeerzeugung spielt sie nur eine untergeordnete Rolle: Der Anteil am Endenergieverbrauch betrug hier im Jahr 2010 nur 0,4 Prozent. Experten schätzen, dass bis zu 29 Prozent des Wärmebedarfs in Deutschland aus Geothermie gedeckt werden könnten. Bisher gibt es nur vier deutsche Erdwärme-Kraftwerke, die Strom erzeugen, viele weitere Anlagen sind jedoch geplant.

5. Zukunftstechnik Solarenergie

Die Solarenergie federte zuletzt den Ausfall von acht deutschen Atomkraftwerken etwas ab. Je nach Wetterlage konnten um die Mittagszeit, wenn besonders viel Strom verbraucht wird, bis zu 13,5 Gigawatt Leistung in das Stromnetz eingespeist werden. Im Winter aber bringt die Solarenergie wenig. Insgesamt ist der Beitrag der Sonnenenergie zum Energiemix eher gering: 2010 stammten lediglich knapp zwei Prozent des Stroms aus Solarenergie. Doch in der Technologie, die im Grunde auf fast jedem Hausdach funktioniert, steckt enormes Potential. "Meines Erachtens werden 2020 Wind- und Sonnenenergie jeweils 10 bis 25 Prozent des Strombedarfs decken", prognostiziert Weber.

In diesem Punkt sieht der Wissenschaftler auch Versäumnisse beim schwarz-gelben Fahrplan für die Energiewende: Bei der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes werde der Anreiz in Speichertechnik zu investieren herausgenommen. "Das ist fatal, denn wenn künftig die Einspeisevergütung für Solarstrom sinkt, wäre es für viele interessant geworden den erzeugten Strom selbst zu verbrauchen", sagt Weber. Bislang wurden Investitionen in Speichertechnik mit der "Eigenverbrauchprämie" gefördert. Auch bei der energetischen Sanierung von Häusern habe es in der Vergangenheit zuviel Hin und Her gegeben, so der Forscher.

Obwohl es noch viel zu tun gibt, sieht Weber Deutschland im internationalen Vergleich in einer Vorreiterrolle: Bereits seit 2005 sei die Energiewende in Deutschland in vollem Gang. Seitdem wachse der Anteil regenerativer Energien kontinuierlich, der Anteil von Atomstrom sei rückläufig. Ohnehin sind die erneuerbaren Energien für Weber alternativlos, die Obergrenze könne nur bei 100 Prozent liegen: "Die Frage ist nicht ob, sondern nur wann wir das erreichen: 2030, 2040 oder 2050."

Von Peter Neitzsch und Mareike Rehberg