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Bundeswehr-Skandal: Training mit Scheinerschießungen

Der Skandal um Misshandlungen von Rekruten bei der Bundeswehr ist um zwei Verdachtsfälle gewachsen. Auch in Stuttgart und Coesfeld sei es zu "Verstößen gegen die Prinzipien der Bundeswehr" gekommen.

Der Skandal um Misshandlungen in der Bundeswehr zieht immer weitere Kreise. Nach vier bereits bekannten Beschwerden von Soldaten bestätigte das Verteidigungsministerium am Dienstagabend zwei neue Verdachtsfälle in Stuttgart und Bruchsal bei Karlsruhe.

Minister Peter Struck (SPD) informiert heute den Verteidigungsausschuss des Bundestags über die Misshandlung von Rekruten. Dabei sollen etwa 100 Fotos von Vorfällen im westfälischen Coesfeld gezeigt werden. Dem Vernehmen nach zeigen einzelne Fotos aus Coesfeld klare Verstöße gegen die Prinzipien der Bundeswehr.

Die "Welt" berichtete von "Scheinerschießungen" auf dem Flughafen Stuttgart. Bei einer Übung des Flugmedizinischen Dienstes der Luftwaffe unter Beteiligung eines Sondereinsatzkommandos (SEK) der Polizei sei im vorigen Jahr ein Überfall palästinensischen Terroristen simuliert worden. Auch zehn wehrpflichtige Feldjäger aus Ulm hätten daran teilgenommen.

Scheinerschießungen von Piloten und Passagieren

Den "Passagieren" seien Jutesäcke über die Köpfe gestülpt worden. Sie hätten sich zwei Stunden hinknien und die Hände über den Kopf legen müssen und seien von den SEK-Beamten mit Wasser in Nacken und Genitalbereich überschüttet worden. Außerdem sei es zu "Scheinerschießungen des Piloten und von Passagieren" gekommen. Den Teilnehmern seien Details vorher nicht bekannt gewesen. Die dreistündige Aktion sei ohne ihr Einverständnis gefilmt worden.

Halten Sie die Reaktion von Öffentlichkeit und Politik auf die Misshandlungsfälle bei der Bundeswehr für übertrieben?

Der Grünen-Verteidigungsexperte Winfried Nachtwei kritisierte in der "Welt", dass die Fälle im Ministerium unterschätzt worden seien. "Hoffentlich kann der nahe liegende Vorwurf von versäumter Frühwarnung ausgeräumt werden", sagte Nachtwei dem Blatt. Seine Partei sei in großer Sorge, da die Vorkommnisse die Menschwürde von Soldaten verletzten und Schatten auf die innere Führung der Bundeswehr werfen würden.

Dagegen stellte sich die Union vor Struck. In der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte der Vizevorsitzende des Verteidigungsausschusses, Thomas Kossendey: "Ich halte nichts davon, dem Minister wegen dieser Vorfälle am Zeug zu flicken."

Anleitung zum Foltern

Der "Tagesspiegel" berichtete, in Bruchsal seien wie in Coesfeld und Ahlen Rekruten in einer Geiselübung von Ausbildern malträtiert worden. Ein Rekrut, der 1995 seinen Grundwehrdienst in Mayen bei Koblenz bei einer Heeresflieger-Ausbildungsstaffel leistete, berichtet im Kölner "Express", ihm und Kameraden sei im Unterricht erklärt worden, wie gefoltert werde. Der Ausbilder habe gesagt: "Bindet den Gefangenen fest, rasiert ihm den Schädel, lasst Wasser darauf tropfen. Zwei, drei Tage lang, immer auf die gleiche Stelle da wird jeder wahnsinnig."

"Soldaten werden im Ausland zum Helfer"

Der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr in Strausberg bei Berlin, Jörn Thießen, widersprach der Einschätzung, Soldaten würden durch zunehmende Auslandseinsätze verrohen. Das Gegenteil sei richtig. Der "Mitteldeutschen Zeitung" sagte Thießen: "Der Soldat wird durch Auslandseinsätze nicht gewalttätiger. Im Gegenteil, er wird nicht zum Kämpfer, sondern er wird zum Helfer. Die Soldaten merken, dass sie in den Einsatzgebieten gebraucht werden zum Schutz der Bevölkerung." Dies präge sich ihnen tief ein.

Ermittlungsergebnisse Anfang des Jahres

Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Reinhold Robbe (SPD), erwartet Anfang kommenden Jahres erste Ermittlungsergebnisse zu den Misshandlungsfällen bei der Bundeswehr. "Ich rechne damit, dass wir im Januar beziehungsweise Februar schon ein ganzes Stück klüger sind", sagte Robbe in der ARD. Er geht davon aus, "dass noch mehr Rekruten sich melden, die in irgendeiner Weise sich ungerecht behandelt gefühlt haben". Die bislang bekannt gewordenen Fälle seien "überhaupt nicht tolerabel".

Die "politische Führung des Ministeriums" müsse sich für eine schnelle Aufklärung nun eng mit der militärischen Führung abstimmen. Robbe warnte davor, die Ausbilder, "die ihre Arbeit ordentlich machen", in einen Topf zu werfen mit "einigen Vorgesetzten, die offensichtlich überfordert sind, charakterlich, vielleicht auch fachlich»" Er hoffe, "dass aus der Krise (...) auch die Chance erwächst, nämlich die Tatsache, dass spätestens jetzt jeder weiß, was seine Pflichten sind, was seine Rechte sind".