Bundeswirtschaftsminister Glos "Ich habe nie gesagt: Was für ein geiler Job"


Er will zurücktreten, darf aber nicht. Muss bleiben in einem Amt, das er vom ersten Tage an hasste. Wo er sich missbraucht fühlte von Edmund Stoiber, der es ihm aufgezwungen hat. Und im Stich gelassen von Angela Merkel. Aus einem Gespräch mit Michael Glos im vergangenen Jahr, das schon damals einen müden, selbstkritischen Mann zeigt.
Von Hans Peter Schütz

Anna Netrebko singt im Ministerbüro. Der Mann am Schreibtisch genießt die Stimme der Donna Anna in Mozarts Don Giovanni, die aus der Steroanlage perlt. Glücklich sieht Michael Glos für Sekunden aus. Dann holt er sich mit einem Satz zurück in die Welt des Bundeswirtschaftsministers, die er seit langem hasst. "Meine Frau hat mich gefragt: Weshalb tust du dir das an, diesen Job, in dem so viel über dich geschrieben wird, was dir Unrecht tut."

Weshalb hat Michael Glos das Amt des Bundeswirtschaftsministers überhaupt angenommen?

"Ich kam am Willen der CSU-Landesgruppe im Bundestag nicht mehr vorbei, nachdem sich Edmund Stoiber entschieden hatte, nicht in diesem Ressort in der Bundespolitik anzutreten, sondern lieber weiter mit segnender Hand Subventionen in Bayern verteilen wollte." Außerdem drängelte Angela Merkel, sagt Glos. "Sie wollte mich schon früher als Minister haben. Aber ich habe nie damit gerechnet, dass es so kommt." Er hat ihr getraut, bis in die letzten Monate hinein. "Als es mir schlecht ging im Wirtschaftsministerium, als schon spekuliert wurde, ob ich gefeuert werde, hat sie mich zu einem Kaffee eingeladen und zu mir gesagt: Das stehst du durch, denn ich stehe hinter dir."

Das sah dann so aus: Wenn Glos im Bundestag sprach, simste sich die Kanzlerin eifrig nach draußen. Als die Wirtschaftskrise gemeinsame Auftritte mit dem ersten CSU-Mann im Wirtschaftsministerium verlangt hätte, präsentierte sich die CDU-Kanzlerin lieber mit SPD-Finanzminister Peer Steinbrück. Hat Michael Glos in seinem Amt selbst Fehler gemacht, die Bürde des Amts unterschätzt? "Am Anfang habe ich zu viel Distanz zum Ministeramt erkennen lassen. Ich habe nie gesagt: Was ein geiler Job! Und was ich über die Ministerwürde dachte, das hat man mir auch angesehen," räumt der Mann ein, der von sich selbst einmal gesagt hatte, "ich wünsche meinem Land nicht, dass es ihm so schlecht geht, dass es mich als Minister braucht." Der Satz habe ihn bis heute verfolgt. "Meine unbesiegbare Spottlust wird mir eben immer als Schwäche ausgelegt."

Das Ministerium war ein Stoiber-Haus

Weshalb hat er ein Jahr gewartet, ehe er sich mit Walther Otremba einen beamteten Staatssekretär geholt hat, der das Ministerium endlich arbeitsfähig machte? "Ich habe ja selbst lange gar nicht gewusst, wo das Wirtschaftsministerium in Berlin überhaupt lag. Das war außerdem ein Stoiber-Haus als ich ankam. Er hatte im Ressort schon seinen Hofstaat versammelt, aber dann kam er nicht. Otremba wollte ich ja von Anfang an, aber den zu holen lehnte Stoiber ab, weil der ja früher schon für den von ihm ungeliebten Theo Waigel gearbeitet hatte."

Auch andere personelle Erblasten lasteten auf dem neuen Minister. Er holte sich den CSU-Politiker und Europaspezialisten Joachim Wuermeling als beamteten Staatssekretär in Haus, "weil die deutsche EU-Präsidentschaft vor der Tür stand und ich die Themen nicht kannte. Nach acht Wochen war mir klar, dass seine Berufung ein schwerer Fehler war." Wuermeling habe nie selbstlos für ihn gearbeitet. Der gab auch alsbald zu: "Die Chemie zwischen uns stimmt nicht."

Eitelkeiten unterschätzt

Auch mit Staatssekretär Bernd Pfaffenbach, einst wirtschaftspolitischer Chefberater von SPD-Kanzler Schröder, kam Glos von Anfang an nicht klar. "Mein Fehler war, dass ich die Eitelkeiten des Hauses und die des Herrn Pfaffenbach verletzt habe. Ich habe es nämlich gewagt, eine eigene Meinung zu haben bei der Prognose des Wirt-schaftswachstums und ich hatte mit meiner Prognose recht." Zu mehr Ansehen im Hause habe ihm das nicht verholfen, im Gegenteil. "Das war dumm für mich. Und es hilft ja nichts, wenn am Grabstein steht, er hatte Vorfahrt."

Weshalb hatte Michael Glos praktisch vom ersten Tag an eine schlechte Presse? "Als ich antrat, wusste ich noch nichts von dem bei den Wirtschaftsjournalisten üblichen Rudeljournalismus. Man hat mir angemerkt, dass ich nicht sehr glücklich war. Und bevor die ersten 100 Tage um waren, erschien der "spiegel" mit einem niedermachenden Porträt auf dem Markt. Daraus wurde dann eifrig abgeschrieben." Sein Problem sei vor allem gewesen, dass er "früher wenig operative Arbeit" gemacht habe. "Ich war unterwegs in der Außenpolitik, war im Haushaltsausschuss, war mal steuer- und finanzpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion." Er habe den Verbraucher im Mittelpunkt seiner Arbeit als Wirtschaftsminister gesehen. "Das hat die Wirtschaftsjournaille nie akzeptiert. Die wollen dass der Wirtschaftsminister nur für die Wirtschaft da ist."

Nur ein gespielter Choleriker

Ist er an den SPD-Ministerkollegen gescheitert? Mit Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier konnte er. "Wir haben bei den Koalitionsgesprächen gemeinsam die Außenpolitik gemacht. Am Ende sagt sagte Steinmeier: Schade, dass sie nicht mein Kollege im Kabinett werden, wir haben gut zusammengearbeitet." Im Kabinett sitzt Glos neben Peer Steinbrück, der ihn in der Krisen-Bewältigung so ausgebootet hat. "Wir duzen uns, obwohl mein Ressort ein rotes Tuch für ihn ist. Er ist ein echter Choleriker, ich bin ein gespielter."

Bei seiner Rücktrittsdrohung könnte auch er ein echter gewesen sein.


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