Berlin vertraulich! Mutti Merkels Liebling


Was Norbert Röttgen ist, steht fest. "Geschäftsführender Sinnsucher" titeln Insider inzwischen den Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU Bundestagsfraktion. Was aus Norbert Röttgen wird, ist derzeit eines der beliebtesten Berliner Spekulationsspielchen.
Von Hans Peter Schütz

Als Michael Glos sich noch Bundeswirtschaftsminister nannte, hieß sein potentieller Nachfolger Röttgen. Weil Karl-Theodor zu Guttenberg jedoch binnen drei Wochen häufiger in der "Tagesschau" auftauchte als Glos in drei Jahren, gehört der Job auch nach der Bundestagswahl dem CSU-Mann - falls Angela Merkel wieder Kabinettschefin sein darf.

Röttgen vielleicht Kanzleramtsminister? Daran gedacht hat die Kanzlerin schon 2005, aber sein Defizit an Verwaltungserfahrung für zu groß gehalten. Heute wiederum denkt sie, in der Innenarbeit des Kanzleramts wäre seine erhebliche Außenwirkung verschenkt. Manche halten ihn auch für den geborenen Nachfolger von Friedrich Merz als wirtschaftspolitische Galionsfigur der Union. In diese Rolle schlüpft er nicht. "Ich bin wie ich bin," sagt er, den sie gerne "Mutti Merkels Liebling" nennen. Dahinter steckt - erstens - die Tatsache, dass sein politischer Ziehvater Heiner Geissler war.

Bei Röttgen setzt sich - zweitens - diese politische Herkunft anders als bei Merz in das Ziel um, eine Brücke zu sein über den tiefen Graben, der Sozial- und Wirtschaftspolitiker in der CDU trennt. Seine Stärke, so philosophieren Röttgen-Kenner wohlwollend, besteht darin, dass sein Standort in dieser Frage unklar ist. Bildungsminister könnte er auch noch werden, denn er hält "die Bildungsfrage für die Schlüsselfrage der deutschen Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung." Und die Globalisierung, sagt er weiter, "wird einer der Gründe sein für eine Neuorientierung des Parteiensystems." Aber er ist zugleich rundum begeistert von der Arbeit seiner CDU-Kollegin Ursula von der Leyen im Familienjob. Die ablösen? Kommt nicht in Frage.

Wohin also mit dem Mann, nach dessen Rede in der ersten Debatte des Bundestags über die Wirtschafts- und Finanzkrise die CDU-Abgeordnete Martina Krogmann schwärmte, "das war die Mutter aller Reden." Vielleicht war das zu besichtigen, als Röttgen dieser Tage sein erstes Buch mit dem provokanten Titel "Deutschlands beste Jahre kommen noch" vorstellte. Da saß Unions-Fraktionschef Volker Kauder mit strahlenden Augen in der ersten Reihe des Publikums. Kauder weiß, was er an seinem Lieblingsschüler Röttgen hat: Der ergänzt den Bauchpolitiker in ihm sehr gut, weil er politische Sachverhalte sehr viel besser als er selbst zum Koalitionspartner SPD zu kommunizieren versteht. Röttgens beste Jahre könnten daher nach dem September 2009 noch kommen: Als Nachfolger Kauders im Amt des Fraktionschefs. Trotz seiner 43 Jahre ist er bereits politischer Generalist.

So ausführlich wie das Röttgen-Buch, das erste aus seiner Feder, ist von den deutschen Medien schon lange kein Politiker-Werk mehr begutachtet worden. Was nirgendwo stand: Dass es gedanklich auf Teamarbeit beruht. Das Thema Globalisierung pflegt Röttgen seit zwei Jahren in einem privat-dezenten Diskussionskreis, den er über sein Abgeordnetenbüro steuert. Ein Dutzend Gesprächs- und Denkpartner gehören dazu. Darunter Bodo Herzog, bis vor kurzem Leiter des Teams Wirtschaftspolitik bei der Adenauer-Stiftung und jetzt Professor für Makroökonomie in Reutlingen. Oder der Bonner Ökonom Stefan Kohns, früher Generalsekretär des Sachverständigenrats und heute Chefvolkswirt von Bosch. Auch der Jura Professor Florian Becker, auf dem Lehrstuhl für öffentliches Recht an der Uni Kiel, denkt mit. Oder der Wirtschaftswissenschaftler Andre Lieber, ehemaliger Mitarbeiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in China. Ferner diskutieren Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Außenpolitik, der Vodafone-Stiftung Deutschland oder der Bertelsmann-Stiftung in der Röttgen-Runde mit über die wachsende Vernetzung der Volkswirtschaften, über die sich verschärfende Akzeptanzkrise der Sozialen Marktwirtschaft.

Der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Peter Ramsauer hat ein ganz anderes globales Problem, sein Handy. Wenn es klingelt und die Mattscheibe "MA" zeigt, weiß er nie genau, wer dran ist, wenn er dran geht. Denn "MA" kann stehen für Ma Canrong, den Botschafter der Volksrepublik China in Berlin. "MA" ist allerdings auch das Handy-Kürzel für Merkel, Angela. Ramsauer löst das Problem auf kluge Art. "Bei MA gehe ich einfach immer dran."

Mit großer Sympathie betrachtet die Berliner SPD-Spitze, dass die Freien Wähler auch zur Europawahl antreten. "Sie sind uns die willkommene Pest am Halse der CSU," sagt einer der obersten SPD-Bosse. Wir möchten wetten, dass damit vor allem die attraktive CSU-Rebellin Gabriele Pauli gemeint ist, die bei der Europawahl jetzt für die Freien Wähler antritt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker