HOME
Pressestimmen

CDU-Parteivorsitz: "Nix mit Revolte: War da was in der CDU?" - So bewertet die Presse den AKK-Sieg

Annegret Kramp-Karrenbauer ist neue CDU-Vorsitzende. Die Presse beurteilt ihre Wahl gespalten. Auf der einen Seite stehe die Herausforderung, die Partei zu einen. Auf der anderen Seite zeige die Wahl, wie weit vorn Deutschland in manchen Fragen ist.

Angela Merkel und die Suche nach dem Erbe bei der CDU: Annegret Kramp-Karrenbauer ist neue Parteivorsitzende

Angela Merkel und die Suche nach dem Erbe bei der CDU: Annegret Kramp-Karrenbauer ist neue Parteivorsitzende

Getty Images

Zeitenwende in der CDU: Annegret Kramp-Karrenbauer beerbt Angela Merkel nach mehr als 18 Jahren an der Parteispitze. Die bisherige Generalsekretärin setzte sich am Freitag auf dem Parteitag in Hamburg in der Stichwahl knapp gegen Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz durch. Merkel, die bis zum Ende der Legislaturperiode Bundeskanzlerin bleiben will, verabschiedete sich mit den Worten: "Es war mir eine große Freude, es war mir eine Ehre."

Die als Vertraute von Merkel geltende frühere saarländische Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer erhielt in der Stichwahl 51,7 Prozent der Stimmen, Merz kam auf 48,2 Prozent. Der ebenfalls angetretene Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schied im ersten Wahlgang mit 15,7 Prozent der Stimmen aus. Die Presse sieht Kramp-Karrenbauer vor großen Herausforderungen. Die Wahl zeige aber auch, schreibt zum Beispiel "die Welt", dass Deutschland weltweit vorne liegt - weil erstmals eine Frau in einem großen Land auf eine Frau an der Spitze einer Regierungspartei gefolgt sei. Die Stimmen im Überblick:

Pressestimmen aus Deutschland

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

Zum Abschied bekam Angela Merkel einen Taktstock geschenkt. Die neue Dirigentin der CDU brauchte ihn freilich dringender. Denn das Orchester, das Annegret Kramp-Karrenbauer nach wochenlangem Wettmusizieren mit Friedrich Merz und Jens Spahn übernahm, neigte unter der Vorgängerin zunehmend zu Dissonanzen. Nun aber ist immerhin die Leitungsfrage entschieden: Die CDU hat, denkbar knapp, die Kontinuität dem Experiment vorgezogen. Doch auch mit Kramp-Karrenbauer wählte die Partei nicht ein einfaches Weiter-so. Die dreifache Mutter unterstrich mit ihrer kämpferischen Rede auf dem Parteitag, dass sie schon rhetorisch keine "Mini-Merkel" ist.

"Kieler Nachrichten":

Das knappe Votum illustriert, wie wenig Zutrauen die Partei in die Fähigkeit Kramp-Karrenbauers hat, die CDU zu versöhnen und verlorenes Terrain bei den Wählern zurückzugewinnen. Als Kanzlerin müsste sie Deutschland einen, nicht weniger als das. Was aber ist da ihr Angebot? Was genau will sie der Alternative für Deutschland entgegensetzen? Das blieb Hamburg leider offen. Wenn sich die Deutschen nach diesem Parteitag aussuchen sollten, ob Spahn, Merz oder Kramp-Karrenbauer ins Kanzleramt einziehen sollten - sie würden sich wohl für Robert Habeck entscheiden.

"Stuttgarter Zeitung":

Diese Entscheidung birgt das geringste Risikopotenzial für den Übergang am Ende der Ära Merkel. Sie offenbart, was ohnehin schon alle wussten: Die CDU ist eben keine revolutionäre Partei. Alle anderen Entscheidungen hätten bedeutet, dass Merkels Zeit auf eine Weise endet, die man neudeutsch "disruptiv" zu nennen pflegt. Man könnte auch unharmonisch dazu sagen. Wer die Frau von der Saar jedoch schlicht für eine Art Merkel 2.0 hält, würde ihre Ambitionen unterschätzen, ihr eigenes Profil verkennen.

"Die Welt": 

Mit Kramp-Karrenbauer folgt nun erstmals in einem großen Land der westlichen Welt eine Frau auf eine Frau an der Spitze einer Regierungspartei. Damit könnte erstmals im Westen auf eine Regierungschefin eine weitere Frau an der Regierungsspitze folgen. In den USA können sie von solcher Perspektive nur träumen. Wer einen Beweis dafür sucht, wie weit vorne Deutschland in manchen Fragen weltweit liegt, findet mit dem Hamburger Ergebnis einen Beweis dafür.

"Nürnberger Nachrichten":

"Zusammenführen. Und zusammen führen" hieß das Motto des Hamburger Parteitags. Und es hat wohl, gerade angesichts des Wahlergebnisses, selten ein treffenderes Motto gegeben. Denn genau das ist nun die allererste Aufgabe für Annegret Kramp-Karrenbauer: Sie muss eine Partei zusammenführen, durch die etliche Risse gehen. Und dann muss sich zeigen, wie die Doppelspitze Merkel-AKK funktioniert. Ob sie Schwung in die blass wirkende Groko bringt. Ob sie mit handfester Politik überzeugt und nicht nur mit schönen Reden. Das wird die noch größere Herausforderung als das Zusammenführen und zusammen führen.

"Berliner Zeitung":

Was ist eine konservative und erfolgversprechende Politik in dieser Zeit? Ist es tatsächlich das Erbe Merkels, das bei Kramp-Karrenbauer gut aufgehoben ist? Oder ist nicht auch ein Wirtschaftsliberalismus, den Friedrich Merz für die Grundlage alles Bewahrenswerten hält? Das Ergebnis zwischen Merz und Kramp-Karrenbauer war so knapp, dass es schwer sein wird, Merz' Gedankenwelt in der Partei nicht auch ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen. Wahrscheinlich gehören beide Welten zur CDU, beide sind konservativ.

CDU-Vorsitz: Jörges und Petzold analysieren: Wie Merz seinen Vorsprung verspielte und AKK mit ihrer Rede überzeugte

"Badische Neueste Nachrichten":

Letztlich hat die Mehrzahl der Delegierten wohl auch dies gespürt: eine Parteivorsitzende braucht nicht nur programmatische Kraft, sondern vor allem die Fähigkeit zur Moderation, den guten Draht zur Basis und ein Herz für die Anliegen der Partei.

"Mittelbayerische Zeitung":

War da was in der CDU? Eine Revolte gegen die Kanzlerin und Langzeitvorsitzende Angela Merkel würde es geben. Von später Rache des einst von ihr aufs Abstellgleis gehievten Friedrich Merz war gar die Rede. Zumindest aber eine Zeitenwende, einen Strategiewechsel würde es mit dem Hamburger Parteitag geben. Doch nach der - wenn auch äußerst knappen - Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer zu Merkels Nachfolgerin an der Parteispitze, muss man nüchtern konstatieren: in der CDU fand lediglich eine kleine Zeitenwende, eine kleine personelle Veränderung statt. Tiefe personelle Einschnitte und politisch-programmatische Richtungsänderungen sind nicht Sache der einzigen verbliebenen Volkspartei Deutschlands. AKK steht im Grunde für die Fortsetzung von Merkels Politik unter anderem Namen.

"Neue Osnabrücker Zeitung":

Respekt. Die CDU hat ihre neue Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer kämpferisch, transparent und stilvoll bestimmt. Die Kandidaten waren stark, sie blieben fair. Selbst der innerste Zirkel hatte keine Ahnung, wie die Wahl ausgehen wird. Die Delegierten wählten mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine Vorsitzende, die für Kontinuität steht. Sie wählten zugleich die Person, die aller Wahrscheinlichkeit nach die nächste deutsche Bundeskanzlerin sein wird. Dies ist zumal dann wahrscheinlich, wenn Jens Spahn und Friedrich Merz loyal sind und die beiden Männer die konservativen Kreise hinter "AKK" versammeln können.

"Hannoversche Allgemeine Zeitung":

Das wahre Ende der Ära Merkel bringt erst eine Wahl im Bund. Erst dann wird sich zeigen, ob Merkels Nachfolgerin im Amt der CDU-Vorsitzenden in der Lage ist, die Dinge im Griff zu behalten, in der Frage der Kanzlerkandidatur ebenso wie in der künftigen Ausrichtung der Partei. Welche Antwort hat "AKK" auf den Rechtspopulismus? Was sagt sie zu den wachsenden Sorgen vieler Menschen angesichts des Vordringens von Robotern und künstlicher Intelligenz in eine neue Arbeitswelt, in der bald nichts mehr sicher ist? Hier, weniger in der Auseinandersetzung mit der Flüchtlingspolitik von 2015, liegt die eigentliche Herausforderung der Ära nach Angela Merkel.

"Weser-Kurier":

Doch auf AKK warten schon bald Wahlen. In einem halben Jahr wird sie zeigen müssen, dass die CDU einen Plan hat, wie sie die Mitte wieder breiter machen und mehr Menschen erreichen will. Ende Mai steht die Europawahl an, wird in Bremen gewählt. Im Herbst dann in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Sie sei keine Merkel-Kopie, sie stehe nicht für ein Weiter-so, hat sie versprochen. Diese Ankündigung verpflichtet.

"Neue Westfälische":

Es gehört zum Wesen der Demokratie, die Wahl zu haben und bei Wahlen zu verlieren. Es kommt darauf an, was Gewinner und Verlierer aus dem Wahlergebnis machen. Können sie die persönliche Konkurrenz vergessen oder zumindest ruhen lassen? Oder suchen sie und ihre Unterstützer jede Gelegenheit, sich gegenseitig zu schaden, ohne das gemeinsame Ziel zu verfolgen. Deshalb müssen sich die Christdemokraten nach der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer jetzt nicht unweigerlich zerlegen, was viele Beobachter erwarten. Die CDU hatte in ihrer Geschichte oft Phasen erbitterten Streites, aber auch Zeiten des Zusammenhaltes über Meinungsunterschiede hinweg. Das übrigens meist, wenn es um Machtgewinn oder -erhalt ging. Und genau darum geht es über den Parteitag hinaus ...

Pressestimmen aus dem Ausland

"NZZ" (Zürich):

Kramp-Karrenbauer wird sich von Merkel lösen müssen. Ansätze gibt es. Kramp-Karrenbauers Ton unterscheidet sich vor allem in Fragen der inneren Sicherheit. Der Staat müsse stark sein gegen kriminelle Clans und gegen "autonome Chaoten". Doch den Worten werden Vorschläge folgen müssen. Auch Merkel hat vor ihrer Wahl zur Kanzlerin für eine deutsche "Leitkultur"" getrommelt. Später hat sie vergessen, was das eigentlich ist.

"Aftenposten"(Oslo):

Nachdem die Wahl in vielerlei Hinsicht zwischen Kontinuität und Aufbruch stand, ist es nicht beruhigend, mit einer Marge von 52 zu 48 Prozent zu gewinnen. Fast die Hälfte der Partei will einen völlig anderen Führungstyp als Merkel. Die Frage ist, ob die neue Vorsitzende von Deutschlands konservativer Volkspartei den Anschub geben kann, den die Partei nach all den Jahren mit Merkel braucht. Ich bezweifle das, obwohl Kramp-Karrenbauer eine sympathische Führungspersönlichkeit mit bedeutender Regierungserfahrung ist, wenn auch aus einem sehr kleinen Bundesland.

"Berlingske" (Kopenhagen):

Es ist eine schwierige Aufgabe, die auf Annegret Kramp-Karrenbauer als Vorsitzende der größten bürgerlichen Partei im größten Land Europas wartet. Einerseits muss sie für Kontinuität sorgen. Auf der anderen Seite sollte jedem Christdemokraten klar sein, dass es so nicht weitergehen kann. (.) Europa braucht eine starke CDU als Rückgrat eines starken Deutschlands, das fest zum Respekt vor den demokratischen Werten und internationalen Abkommen steht, in einer Zeit, in der fragwürdige Charaktere wie Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan nur selten eine Gelegenheit verpassen, die EU zu unterminieren und gegen sie zu arbeiten. Aus diesem Grund müssen Europas Bürgerliche hoffen, dass sich die CDU um ihre neue Vorsitzende sammelt.

"De Volkskrant" (Amsterdam):

So knapp er auch war, der Wahlsieg von AKK - wieder eine gemäßigte Kandidatin und wieder eine Frau - verdeutlicht, wie sehr sich die Partei in den 18 Jahren unter dem Vorsitz Angela Merkels verändert hat. Für Merkel dürfte sich die Wahl Kramp-Karrenbauers anfühlen, wie ein Abschiedsgeschenk.

 "Guardian" (London):

Die Partei stand vor einem Dilemma. Entweder den Kurs von Merkel beibehalten - die entschlossen war, die politische Mitte zu sichern, und die CDU zur Befürworterin der Homoehe, des Mindestlohns und einer Frauenquote in der Politik gewandelt hat  - oder weiter nach rechts rücken, um Wähler zurückzuholen, die sie an die AfD verloren hat. Mit Annegret Kramp-Karrenbauer hat die Partei wohl eine sicherere Option gewählt. Nicht zuletzt, weil sie wahrscheinlich eine bessere Beziehung zu Angela Merkel im Kanzleramt haben wird als Friedrich Merz, der als jemand gesehen wird, der einen Groll gegen Merkel hegt. Kramp-Karrenbauers Sieg ist ein Zeichen dafür, dass die Partei auf dem von Merkel eingeschlagenen Weg weitergehen will."

"La Repubblica" (Rom):

Die CDU hat die Schizophrenie vermieden. Sie hat die Gefahr abgewendet, einen Anti-Merkel-Anführer zu ernennen, während Angela Merkel noch Kanzlerin ist. Und sie hat den Wunsch nach einer geordneten Übergabe verwirklicht. (...) AKK ist ohne Zweifel die gemachte Erbin Merkels und garantiert eine gewisse Kontinuität."

"Gazeta Wyborcza" (Warschau):

"Die Mitglieder der CDU haben zum zweiten Mal in der fast 70-jährigen Geschichte der Partei einer Frau ihr Vertrauen ausgesprochen. (...) Die neue Chefin wird den bisherigen Kurs der Partei fortsetzen (...). Kramp-Karrenbauer könnte auf den ersten Blick für eine unscheinbare und farblose Politikerin aus der deutschen Provinz gehalten werden. Doch am Rednerpult sprudelte sie vor Energie und brannte regelrecht vor Eifer, sich an die Arbeit zu machen. Man kann von ihr eher eine Wendung zum Sozialen erwarten. (...) Kramp-Karrenbauers Karriere führt auch vor Augen, wie sich die deutsche Gesellschaft verändert hat. (...) Merkel trat 1990 in eine von Männern dominierte Regierung Kohls, auch um zu zeigen, dass Frauen in Deutschland ebenfalls etwas zu sagen haben. Heute ist das Geschlecht der Person, die an der CDU-Spitze steht, nicht entscheidend. Wichtiger ist, inwieweit Kramp-Karrenbauer von Merkel, die Kanzlerin bleibt, unabhängig sein wird, die Kanzlerin bleibt."

feh/anb / DPA / AFP