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FDP-Chef in der Kritik: Christian Lindner und sein "unappetitlicher Fehler": Hitzige Debatte um Bäckerei-Anekdote

Christian Lindner hat mit einer Anekdote auf dem FDP-Parteitag eine hitzige Debatte in Netz und Medien ausgelöst. War seine Aussage rassistisch? Der FDP-Chef klagt über "Hysterie" und "bewusstes Missverstehen".

FDP-Chef in der Kritik: Die Reaktionen zu Christian Lindners umstrittene Anekdote

Christian Lindner, FDP-Vorsitzender, auf dem 69. Ordentlichen Bundesparteitag der FDP 

AFP

Damit hat Christian Lindner wohl nicht gerechnet. Seit dem FDP-Parteitag am vergangenen Wochenende fliegt dem Parteichef eine umstrittene Anekdote um die Ohren, die ihm ein Bekannter mit Migrationshintergrund erzählt habe. Nun wirft ihm der linke Flügel der Partei Rechtspopulismus vor, die AfD sieht sich legitimiert und die Presse überschlägt sich mit Schlagzeilen. Kurz: die Aufregung ist groß. Lindner selbst kann diese angeblich nicht verstehen, veröffentlichte allerdings eine Video-Stellungnahme und erklärte sich in der "Bild"-Zeitung - offenbar, um die Kritik zu entschärfen.

Um diese Aussage von Christian Lindner geht es ...

Lindner hatte auf dem FDP-Parteitag eine Anekdote beschrieben, die ihm ein Bekannter mit erzählt habe. Da bestellt jemand beim Bäcker "mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen" - und die Leute in der Schlange wüssten nicht, "ob das der hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer", sagte Lindner. Diese Unsicherheit könne Angst auslösen. Die vollständige Aussage im Video:

... und das sagt der FDP-Chef dazu

"Wer in meinen Äußerungen Rassismus lesen will oder Rechtspopulismus, der ist doch etwas hysterisch unterwegs. Ich glaube, solche Debatten muss man nüchterner und vernünftiger führen", sagt Lindner in einer Videobotschaft auf Twitter. Grundlage seiner Äußerungen sei eine reale Situation, die ein zugewanderter Bekannter ihm geschildert habe, der in seiner Umgebung Ressentiments und Ängste beobachte. 

Auch in der "Bild"-Zeitung klagt der FDP-Chef, dass "bewusstes Missverstehen zu einem Mittel der politischen Auseinandersetzung" werde. Die Frage, ob er mit eigener Flüchtlingspolemik auf Stimmenfang bei den AfD-Wählern gehe, weist er entschieden zurück. "Meine Position ist exakt das Gegenteil der AfD-Position, die von einer rassischen, kulturellen oder religiösen Gleichheit des Volkes ausgehen. Ich plädiere dagegen für Vielfalt.", sagt er dem Boulevardblatt.

Kritik und Verständnis in den Medien

Der FDP-Parteitag im Allgemeinen und die umstrittene Aussage Lindners im Besonderen haben zahlreiche Schlagzeilen produziert. 

"Ein unappetitlicher Fehler", urteilt etwa "Spiegel Online" in einem Kommentar zu Lindners Bäckerei-Äußerung. Das Nachrichtenportal erkennt in Lindners Aussage ("nichts anderes als Geschwätzt") ein "fragwürdiges Menschenbild". Hält aber auch fest: "Lindner ist ein scharfzüngiger Demokrat und damit eine Bereicherung für den politischen Diskurs in diesem Land. Möge er sich künftig an ein wohldurchdachtes Manuskript halten."

Die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) aus der Schweiz hingegen scheint eher erstaunt, wie laut die Reaktionen auf Lindners Aussage ausgefallen sind. Was nicht zuletzt der Netzgemeinde geschuldet gewesen sei, "in diesem Fall eher der linke Teil der Empörungsbereiten". "Wer ein Ressentiment auch nur schildert, wird sofort verdächtigt, es selbst zu hegen oder ihm die Tür öffnen zu wollen", meint die "NZZ" in der Rassismus-Debatte um Lindner zu erkennen. Darüber hinaus zeige der Vorfall "die Gefahr der sogenannten Kacheln, also jener besonders knackigen Zitate aus Reden oder Artikeln, die als Werbe- oder Empörungsträger durchs Netz flitzen. In Lindners Rede ist die Bäckerei-Anekdote eine solche Kachel."

Auch der Chefredakteur von "t-online", Florian Harms, geht in seinem Newsletter auf die umstrittene Aussage Lindners ein. So verdiene "nüchterne und differenzierte" Kritik an der Flüchtlingspolitik Respekt. "Wer allerdings den Boden der Sachlichkeit verlässt, sich auf Kosten Schwächerer profiliert, undifferenziert polemisiert und andere diffamiert, der verdient keinen Respekt, sondern Kritik", schreibt Harms.

Lebendige Debatte im Netz

Auch im Netz hat Lindners Anekdote hohe Wellen geschlagen. Für Chris Pyak, der auch bei der europäischen liberalen Parteien-Dachorganisation Alde aktiv ist, war die Aussage sogar Grund genug, die Partei zu verlassen.

Unter dem Hashtag "#Lindner" (am heutigen Montag sogar Trending-Topic) diskutiert das Netz über die umstrittene Aussage. 

Derweil bemüht sich der FDP-Chef auf Twitter weiter um Schadensbegrenzung.

fs/fin