HOME

stern-Logo Alles zum Coronavirus

Infektionen in Schlachthof: Nach Corona-Ausbruch bei "Tönnies": Laschet irritiert mit Aussagen über "Rumänen und Bulgaren"

Schleppen "Rumänen und Bulgaren" den Corona-Erreger ein? So wird eine Äußerung von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet nach einem Ausbruch in einem "Tönnies"-Schlachthof verstanden. Sein Gesundheitsminister muss ihm beispringen.

Armin Laschet zeiht nach einer Äußerung zum Coronavirus-Ausbruch in einem "Tönnies"-Schlachthof Kritik auf sich.

Der massenhafte Corona-Ausbruch in einem "Tönnies"-Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück ist ein kräftiger Rückschlag im Kampf gegen die Ausbreitung des Erregers Sars-CoV-2. Nach jüngsten Zahlen gibt es unter den Mitarbeitern der Fleischfabrik inzwischen 657 positiv getestete Mitarbeiter. Das hat Folgen: für die Betroffenen, für das Unternehmen und für den gesamten Kreis Gütersloh, und dort insbesondere für Eltern und deren Kinder.

Das Gesundheitsamt stellte gut 7000 Menschen unter Quarantäne, der Schlachtbetrieb muss die Arbeit am Standort Rheda-Wiedenbrück für zehn bis 14 Tage einstellen und der Kreis Gütersloh kündigte an, alle Schulen und Kindergärten bis zum Start der Sommerferien am 26. Juni zu schließen. 

"Tönnies"-Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück; Armin Laschet

Armin Laschet (Archivbild) zog nach einer Äußerung zum Coronavirus-Ausbruch in einem "Tönnies"-Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück Kritik auf sich

DPA

Schulschließungen wegen Coronavirus bei "Tönnies"

Zwar überschreitet der Kreis nun die als kritisch definierte Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen erheblich, ein erneutes Herunterfahren des öffentlichen Lebens ("Lockdown") soll es aber nach Willen von Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) nicht geben. "Wird diese (Marke; Anm. d. Red.) überschritten, sollen Maßnahmen in Erwägung gezogen werden, um das Ausbruchsgeschehen einzudämmen. Dies führt jedoch nicht automatisch zu einem Lockdown", erklärte der Kreis.

Tatsächlich sieht die Vereinbarung zwischen Bund und Ländern vor, dass "sofort ein konsequentes Beschränkungskonzept" umgesetzt werden muss, wenn die Grenze überschritten wird, insbesondere bei "unklaren Infektionsketten". Nur bei "einem lokalisierten und klar eingrenzbaren Infektionsgeschehen" soll es davon Ausnahmen geben.

Im Fall des Ausbruchs bei "Tönnies" ist noch vollkommen ungeklärt, wie "lokal" das Geschehen bleibt und auch wie das Virus in den Schlachtbetrieb eingetragen wurde und sich dort ausbreiten konnte. Ob es beispielsweise an der Missachtung von Hygiene- oder Abstandsregeln durch Schlachthof-Mitarbeiter oder das Unternehmen lag, muss noch untersucht werden. "Tönnies" selbst geht bislang davon aus, dass osteuropäische Beschäftigte das Virus aus ihrer Heimat mitgebracht haben könnten. Ein weiterer Faktor für die Verbreitung seien die niedrigen Temperaturen in den Zerlegebereichen.

Geleaktes Video aus Tönnies-Fleischfabrik

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) schloss sich dem Konzern an und legte sich bei der Ursache für den Ausbruch schon einmal fest – eine Äußerung von ihm sorgte für Irritationen, bisweilen sogar für Empörung.

Am Rande eines Treffens in Berlin machte er auf eine Frage nach der Rolle der bisherigen Lockerungen für das Infektionsgeschehen bei "Tönnies" die aus seiner Sicht Verantwortlichen aus: "Das sagt darüber überhaupt nichts aus", sagte Laschet zu den Lockerungen. "Weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt. Das wird überall passieren. (...) Das hat nichts mit Lockerungen zu tun, sondern mit der Unterbringung von Menschen in Unterkünften und Arbeitsbedingungen in Betrieben." 

Grüne und SPD kritisieren Armin Laschet

Unter anderem verbreitete die ZDF-Journalistin Nicole Diekmann eine Aufnahme ihrer Frage und der Antwort Laschets bei Twitter:

Die schnelle Schuldzuweisung brachte dem Ministerpräsidenten, der erst kürzlich indirekt Ansprüche auf das Kanzleramt erhoben hat, deutliche Kritik ein. "Für den einen ist es das chinesische Virus, für den anderen das bulgarische und rumänische Virus", erklärte beispielsweise Grünen-Bundestagsfraktionschefin Karin Göring-Eckardt. "Statt Ressentiments zu schüren, erwarte ich von Ministerpräsident Laschet, Verantwortung zu übernehmen und Menschen zu schützen!" Vergleichbar äußerte sich die SPD-Bundestagsabgeordnete Katja Mast: "Nein, Herr Laschet", entgegnete sie, "Der Ausbruch in der Fleischindustrie hängt nicht mit der Nationalität der Beschäftigten zusammen, sondern mit den zum Teil unterirdischen Bedingungen in Betrieben und Unterkünften."

Es sind nur zwei von Hunderten – teils empörten – Reaktionen auf Laschets Kurz-Analyse, in denen auch die Eignung des Ministerpräsidenten als Bundeskanzler in Frage gestellt wird. Später sah sich NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (ebenfalls CDU) gezwungen, die Worte seines Chefs geradezurücken. "Was der Ministerpräsident ausdrücken wollte ist doch, dass er sagt: 'Leute, jetzt müsst ihr nicht in ganz Nordrhein-Westfalen in Panik verfallen, wenn wir in einem Unternehmen ein objektives Problem haben.'"

Dennoch wird die Landesregierung sich erklären müssen – ob nun wegen der schnellen Schuldzuweisung Laschets an "Rumänen oder Bulgaren" oder weil sie die möglicherweise schlechten Unterbringungs- oder Hygienebedingungen für die Schlachthof-Mitarbeiter trotz aller Warnungen ignoriert hat.

Greenpeace kritisierte beispielsweise, Branchengrößen wie "Tönnies" nähmen massive Infektionsrisiken in Kauf und gefährdeten die ganze Region. "Die Politik verkennt die Dimension des Problems. Die Produktion von Billigfleisch funktioniert nur auf Kosten von Gesundheit, Tier und Umwelt", teilte die Naturschutzorganisation mit.

Später erklärte Laschet: "Bund und NRW gehen das Problem konsequent an. NRW duldet keine menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, unabhängig von der Herkunft." Sein Gesundheitsminister kündigte an, erneut im ganzen Bundesland alle Schlachthofbelegschaften mit Werkvertragsarbeitern auf das Virus testen zu lassen, um festzustellen, ob es sich bei dem Ausbruch um eine Ausnahme handele oder nicht.

In den vergangenen Wochen war es an mehreren Standorten der (Billig-)Fleischindustrie in Deutschland, darunter auch beim "Tönnies"-Konkurrent "Westfleisch" im Kreis Coesfeld, zu Ausbrüchen des Coronavirus gekommen.

Quellen: Kreis GüterslohMaßnahmen zur Eindämmung der Covid19-Epidemie, "Tönnies"Karin Göring-Eckardt bei Twitter, Katja Mast bei Twitter, Armin Laschet bei Twitter, Nachrichtenagentur DPA

Wissenscommunity