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CSU: Horst Seehofer, die politische Ich-AG

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer soll Erwin Huber als CSU-Parteivorsitzender beerben. Damit kommt ein Mann ins Spiel, der lange auf der Ersatzbank saß - und der eher eine politische Ich-AG als ein Teamplayer ist. Damit vollzieht sich, was Edmund Stoiber von Anfang an gewollt hat.

Von Hans Peter Schütz

Welcher Hass trieb ihn doch um. Vor gut einem Jahr erst. Pygmäen soll Horst Seehofer Erwin Huber und Günther Beckstein genannt haben, jene, die ihn locker und ruckzuck gemeinsam ausmanövriert hatten, als es ums Erbe Edmund Stoibers ging. Sie seien keine Mitspieler in der politischen Bundesliga, allenfalls Kreisliga. Und wie hat er erst über Markus Söder gelästert, den er verdächtigte, die Medien mit Material über seine Liebesaffäre mit Annette F. gefüttert zu haben. Ausgerechnet der! Da könne er locker auch einiges auspacken, auch über viele andere in der CSU.

Horst Seehofer war draußen damals. Zerstört sein politischer Lebenstraum, nach Stoiber CSU-Chef zu werden. Ausgerechnet von denen, die er für Provinzlinge hält. Die aus seiner Sicht verantwortlich sind, dass die CSU zur Regionalpartei abgesunken ist. Naivlinge, die den Machspielen einer Kanzlerin Angela Merkel nicht gewachsen sind.

CSU braucht ein Alpha-Tier

Jetzt steht er demnächst endlich über ihnen. Er wird den Vorsitz der CSU übernehmen. Weil die Partei nach dem Wahldesaster mit Huber und Beckstein statt der Beta-Tierchen endlich mal wieder ein Alpha-Tier an der Spitze braucht, wie einer seiner engsten Mitstreiter im Machtkampf in der CSU sagt. Es gehe schließlich um die Zukunft der CSU, die im Wahljahr 2009 bei der Europawahl wie bei der Bundestagswahl auf dem Spiel stehe.

Zu besichtigen ist das Wunder der Wiederauferstehung. Möglich geworden durch Seehofers politisch eindruckvollste Fähigkeit: Im Machtkampf jede politische Position unverzüglich der jeweiligen Situation anpassen zu können. Typisch Seehofer: Wie er sich unverzüglich mit dem bisherigen Intimfeind Söder "freundschaftlich" arrangierte, als Söder den Job des CSU-Generalsekretärs aufgab und im Amt eines Staatsministers für Bundesangelegenheiten nach Berlin wechselte. Söder ist immer noch Edmund Stoibers Mann, weil der Ex-Ministerpäsident Söder für fähig hält, ihn eines Tages zu beerben. Stoiber war aber auch seit langem für einen CSU-Vorsitzenden Seehofer. Stoiber, Seehofer, Söder in einer Front - das war von vornherein ein Machtkampf, den Huber, Beckstein, Haderthauer nach der Wahlniederlage vom vergangenen Sonntag nicht mehr gewinnen konnten. Die unübersehbare CSU-Verdrossenheit war eine großartige Chance für das neue Machttrio jene an der CSU-Spitze abzuservieren, die sie gemeinsam vom ersten Tag an für glatte Fehlbesetzungen gehalten haben.

Entspannung am Wahlabend

Vor der Landtagswahl redete Seehofer gerne und oft darüber, wie viel Herzblut für die CSU in ihm pulsiere. Im Falle einer Schlappe müsse man gemeinsam und gelassen darüber reden. Und er warnte vor der neuen SPD-Führung. Ein Frank Walter Steinmeier und ein Franz Müntefering, das seien andere politische Kaliber als ein Kurt Beck. Damit war unmissverständlich gesagt, was er nicht aussprechen wollte: Auch die CSU steht mit einer provinziellen Führung da. Sehr entspannt saß Seehofer am Wahlabend zuhause in Ingolstadt. Und sehr sicher, dass er in seiner mehrfach von politischen Krisen unterbrochenen politischen Karriere eine neue Chance bekommen würde.

Der heute 59-jährige Seehofer war nie ein Mannschaftsspieler. Vielfach die Porträts, in denen er "Egomane" genannt wird oder "Ichling." Er band sich nie in Seilschaften ein. Selbst in der CSU-Landesgruppe im Bundestag lehnt ihn eine Mehrheit als unberechenbaren Kollegen ab. Ein Mann, der brillant reden kann, im Bundestag wie im Bierzelt, der jedoch zuweilen seine politischen Überzeugungen so schnell wie seine Hemden wechselt.

Auseinanersetzung mit Merkel

Weil sich CDU und CSU 2004 gegen seinen Willen, aber auf Drängen Angela Merkels, bei der geplanten Gesundheitsreform auf eine Kopfpauschale hatten, machte er die Politik der CDU-Vorsitzenden rundum madig und warf schließlich seinen Posten als stellvertretender CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender hin. Gehindert hat ihn das nicht, bei derselben Kanzlerin 2005 als Agrarminister anzuheuern, obwohl das Amt in seinen Augen eher ein Austragstübchen für Politikrentner ist. Im Koalitionsausschuss des schwarz-roten Bündnis durfte er nicht sitzen. Die Agrarpolitik war stets ein Randthema. in der politischen Prioritätenliste weit hinter Gesundheitspolitik und Arbeitsmarkt. Und noch weniger interessierte ihn der ebenfalls bei ihm angesiedelte Verbraucherschutz. Eine Mehrheit der Bundesbürger hält noch immer seine grüne Amtsvorgängerin Renate Künast für die zuständige Ressortchefin.

Dass der CSU-Landesgruppenchef Ramsauer und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos in der Öffentlichkeit als weitaus wichtigere CSU-Politiker wahrgenommen wurde, hat ihn stets geärgert. Saß er nicht schon seit 1980 für die CSU im Bundestag? War er nicht schon 1989 Parlamentarischer Staatssekretär beim Arbeitsminister geworden? Und von Helmut Kohl 1992 zum Bundesminister für Gesundheit berufen worden? Die politische Ich-AG Seehofer fühlte sich im Kabinett Merkel erheblich unterbewertet. Dass ihm viele CSU-Kollegen vorwarfen, stets seine Person über die Partei zu stellen, hielt er für lästiges Genörgel drittklassiger Politiker. Parteifunktionäre eben, Dilettanten, die seiner stets bemerkenswerten Sachkenntnis nie gewachsen waren.

Lobbyist in eigener Sache

Seine Selbstwahrnehmung als weit über den Durchschnitt herausragende politische Begabung mit unerreichter rednerischer Brillanz wurde noch verstärkt, als ihn 2002 der bedingungslose Einsatz für den Kanzlerkandidaten Stoiber beinahe das Leben gekostet hätte. Eine verschleppte Grippe wuchs sich zu einer akuten Herzmuskelentzündung aus, die er ignorierte, bis sein Tod nur noch wenige Stunden entfernt war. Er hat sein Überleben gerne als neuen Lebensanfang verkauft, mit der es ihm jetzt möglich sei, sich von der Droge der Politik zu lösen.

Tatsächlich geändert hat das Erlebnis den Politjunkie nicht. Unbeeindruckt von den Enthüllungen über seine langjährige außereheliche Beziehung betrieb der Mann, der sich gerne als prinzipientreuer Katholik bezeichnet, weiterhin seinen politischen Aufstieg. Verspottete auf dem letzten CSU-Parteitag Huber und Beckstein offen als zweitklassige Regional-Politiker, die Angela Merkel nicht gewachsen seien. Dass er der bessere politische Darsteller und Verkäufer ist, steht fest. Für welche Inhalte er an der Spitze der CSU kämpfen wird, weiß niemand. Ein Lobbyist in eigener Sache wird er auf jeden Fall bleiben.