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CSU-Parteitag: Der aufgepumpte Seehofer

Mit einem erstaunlich guten Ergebnis ist Horst Seehofer als CSU-Chef wiedergewählt worden. 88 Prozent gaben ihm die Delegierten - obwohl Seehofer sich im vergangenen Jahr brutal-intrigant nur um sich selbst gesorgt hat. Ein Kommentar von Hans-Peter Schütz.

Eine Watschn oder keine? Was die 88,1 Prozent bedeuten, mit denen der CSU-Chef Horst Seehofer bei seiner ersten ordentlichen Wahl im Amt bestätigt wurde, lässt sich auch nicht mit dem bayerisch-deutschen Wörterbuch entschlüsseln, das Angela Merkel auf dem Parteitag der Christsozialen geschenkt bekam. Zu kompliziert ist der in dieser Ziffer versteckte politische Stellenwert.

Nimmt man sie als bayerische Zahl, dürfte sie Seehofer insofern ein wenig ärgern, als er sehr auf eine 90 gehofft hatte. Andererseits kann er sich mit dem Gedanken trösten, dass sein Wahlergebnis ausgezeichnet ist - beim Blick darauf, wie er seine CSU im vergangenen Jahr geschurigelt hat. Wie er brutal-intrigant den Vorgänger in der Münchner Staatskanzlei abserviert, die bisherige CSU-Elite deklassiert und die Landtagsfraktion umgruppiert hat. Gerne redet Seehofer auch vom Mannschaftserfolg der CSU, meint jedoch damit ausschließlich sich selbst.

Die CSU hat keinen anderen

Vor diesem egozentrischen operativen Hintergrund können sich die 88 Prozent durchaus sehen lassen. Die CSU weiß: Sie hat zurzeit nur diesen Einen. Ihm dankt sie es, dass die Partei, die einmal Staatspartei war, ehe sie bei der letzten Landtagswahl so böse gedeckelt wurde, wieder zum bundespolitischen Mitspieler geworden ist. Wieder zum eigenständigen Partner der CDU in Berlin.

Die Ziffer, die letztlich über den politischen Stellenwert des Horst Seehofer tatsächlich entscheiden wird, heißt 49,2 Prozent. Die holte die CSU bei der Bundstagswahl 2005. Bringt Seehofer die CSU im September wieder zurück auf die Hochebene einer 50-Prozent-Partei, hat er es geschafft: Dann sitzt er mit einem machtpolitischen Gewicht in München wie in Berlin dabei, wie es einst einem Edmund Stoiber zu dessen besten Zeiten oder einem Franz-Josef Strauß jederzeit zuteil geworden ist. Dann wird sein ohnehin hoch entwickeltes Selbstbewusstsein nicht mehr zu zügeln sein.

Für Angela Merkel dürfte der Blick auf den Wahlausgang damit eine schwierige politische Denkübung sein. Ein zu 50 Prozent aufgepumpter Seehofer wäre vermutlich mindestens ebenso schwierig für sie, wie er es bisher war. Der ihr unentwegt Querschüsse in ihren politischen Kurs verpasste. Der das gesamte Erscheinungsbild der Großen Koalition in Berlin beschädigte, egal ob es um die Bauern oder die Ärzte, um Steuersenkungen oder Europa, um Opel oder Quelle ging. Im fast täglichen Wechsel war er mal für den Merkel-Kurs, mal gegen ihn. So schnell drehte sich Seehofers politisches Fähnchen im Wind des Populismus, dass geradlinigeren Betrachtern schwindlig wurde - selbst jenen mit CSU-Parteibuch.

Merkels Dilemma

Zu oft hat sich der "neue Biss", den Seehofer für sich und seine CSU beansprucht, vor allem gegen die CDU und die Kanzlerin gerichtet. Und dass Fingerhakeln eine Kampfsportart bayerischer Provenienz sei, die nicht zu Verletzungen führe, stimmt in der politischen Variante nicht. Um die CSU wieder stark zu machen, hat Seehofer die CDU oft genug beschädigt. So gesehen müsste Merkel ihm bei der Bundestagswahl eine klare Marke unterhalb der 50 Prozent wünschen. Für die Machtsicherung und ihre operativen Möglichkeiten in Berlin wäre ein solches Ergebnis natürlich nützlich. Aber wenn die CSU ihr diesen Wunsch erfüllt, dann müsste die FDP das im Gesamtergebnis der CDU/CSU ausgleichen, um für Schwarz-Gelb eine sichere Machtbasis zu gewährleisten.

Ob sie sich einen Strauß II am Kabinettstisch nach der Bundestagswahl wünschen soll oder einen Super-Guido Westerwelle - um diese Entscheidung ist Angela Merkel nicht zu beneiden. Bequem wäre das in keinem Fall. Insofern kann man verstehen, dass sie sich insgeheim wohl zuweilen die Fortsetzung der Großen Koalition mit einer dezent geschwächten SPD wünscht.